Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. — .„Haben (Sie sich mal von einem Maler malen lassen? Von einem, der Bilder anfertigt", erklärte der Vater. „Niemals", antwortete ich, ohne das Mindeste von dem Vorgehenden zu verstehen. — „Setzen Sie sich, bitte", sagte mir der Kornmerzienrat, und das Fräulein wies mir einen Stuhl an. Vater und Tochter flüsterten. Sie weisen beide eine grosse Aehnlichkeit auf. \ „Natürlich, er ist das Original. So eine kolossale Aehnlichkeit....." — „Zweifellos," bestimmte der Vater, „der versteht bloss nicht, was wir zu ihm sprechen." „Aber so ein sonderbarer Zufall", staunte die Tochter. Der Kommerzienrat griff zum Portemonaie und sagte wie zu sich selbst: „Habe jetzt nichts passendes, werde schon sehen . . . ." — „Sie sagen mir wahrscheinlich nicht die volle Wahrheit," wandte er sich wieder an mich, „Sie waren sicherlich schon in Berlin, wo man Sie gemalt oder Photographien hat, und dass soll ja Ihr Bild sein. Ich habe es vom Maler selbst und habe dafür viel Geld bezahlt. Ich bin für das Kunstwerk ganz begeistert, habe sogar in unserem Verein darüber einen kleinen Vortrag gehalten. Besonders dieser tiefe Kummer an der Stirne, der ein Elend von Jahrtausenden ausdrückt. Das ist etwas Gewaltiges! Und das stimmt ja ganz genau mit Ihrem Gesichte überein, ganz derselbe Ausdruck. Sagen Sie mir nur die pure Wahrheit. Falls Sie das Original des Bildes sind, so wäre mir dieser Zufall besonders wertvoll. Ich werde auch für Sie viel tun können. Ich sehe ja, Sie sind ein ganz anständiger Mensch und genieren sich bloss, dass Sie Modell gestanden haben, das heisst, sich für Geld malen Hessen." Allmählich begann mir ihr Missverständnis einzuleuchten und ich verstand, um was es sich handelte. Habe ich doch einst über solche Dinge, wie Modell und Malen in den hebräischen Zeitungen gelesen . Das Gesicht des Koramerzienrates verriet eine "innere Aufregung. Es schien in seinem Kopfe alles durcheinander zu gehen. Er sah bald auf mich, bald auf der heruntergenommene Bild, bald auf die übrigen Bilder. Ich weiss tatsächlich heute nicht mehr, woher ich nur den Mut bekommen hatte, besonders zu so einer Sprache, so einem „Hochdeutsch". Ich besinne mich nur, dass ich mich von meinem Stuhle erhob und feierlich das Wort ergriff: „Herr Kommerzienrat, Sie verzeihen, Sie irren sich gewaltig, Sie glauben wohl, ich sei derjenige, der auf diesem Bild gezeichnet wurde, und dieser merkwürdiger Zufall überraschte Sie. Bleiben Sie nur ruhig. Ich bin es nicht, obgleich das Bild mir, wie noch manchem von unseren Leuten wohl ähnlich sein dürfte. Sie sind, Herr Kommerzienrat, ein Wohltäter, der für arme Leute viel Gutes tut, für Menschen aber, die Sie niemals zu Gesicht bekommen wollen. Sie verherrlichen das Bild und verabscheuen den Menschen, das Original! Ihre Wohltätigkeit geht nicht vom Menschen zu Menschen, vom Herzen zum Herzen .... Wenn Sie die Wirklichkeit näher kennen würden, brauchten Sie sich nicht für gemaltes Elend zu erwärmen. Kommen Sie doch zu uns herab, Herr Kommerzienrat. da werd.-n Sie viel mehr, als auf diesem Bilde sehen, wofür Sie Ihr gutes Herz betätigen können. Ich bin zwar nicht das Original, wie Sie es meinten, ich bin es aber doch — in einem anderen Sinne . . . ." Kaum hatte ich meine Rede gehalten, machte ich mich rasch auf die Beine und flog davon wie vom Donner getragen. Natürlich hätte ich diesmal eine reichliche Gabe bekommen, ,aber ich wollte nichts mehr davon wissen. Nur fort, fort! (pischah b'jpflb. Na h dem Hebräischen von A. B. Werner. Ein heller, taufrischer Morgen tagte. Umstrahlt vom goldenen Lichte der aufgehenden Sonne durchstreifte ich in aller Gottesfrühe die noch menschenleeren Strassen, um in das Bethaus in der Synagogengasse zu gelangen. Dort waren schon seit langen Stunden viele Gläubige zum Gebete versammelt. Der neunte Tag des Monates „Ab" war angebrochen, der „Fasttag", an dem nichts gegessen und nichts getrunken werden darf, der nationale Trauertag, an dem man die ,.Kinoth" sagt, jene Klagelieder, welche jahraus, jahrein an diesem Tage immer wieder rezitiert werden. Achtzehnhundertneununddreissig Jahre sind im Strome der Zeiten dahin, seitdem unser Tempel an diesem Tage, dem Neunten des Monates Ab zerstört wurde, und der ..Tischah b'Ab" hat von seiner Weihe nichts eingebüsst! Immer wieder, sobald dieses düstere Datum im Kalender erscheint, reisst er die dünne Decke auf, mit welcher die Zeit die unheilbare Herzenswunde überspinnen -will . . . i.i <i11lu rxinauacrii w^.uen an diesem läge naueigottesdienste veranstaltet, zur Erinnerung an jene unheilbringende Stunde, ' in welcher der erste Ring der unendlichen Leidenskette des jüdischen Volkes geschmiedet wurde . . . Als ich den Tempel betrat, hatte der „Vorbeter" die Kinoth bereits zu lesen begonnen, und war gerade an der Stelle angelangt, deren Uebersetzung aus dem hebräischen L'rtext derart lautet: „Zions Herrlichkeit ist ganz dahin . . . seine Fürsten gleichen hungrigen Rehen, die kraftlos vor dem Jäger fliehen. Welch' Ungewitter h-xt Gottes Strafgericht über Zions Burg zusammengezogen! Israels Stolz hat er vbn Himmels Höhen in den tiefen Abgrund geschleudert!" . . . In stiller, stummer Andacht lauschten die am Fussboden Kauernden diesen Worten — denn so ist es Sitte, dass man sich <in diesem Tage nicht auf die Bänke, sondern zum Zeichen der Trauer auf die Erde setzt. Als auch ich mich nach der Väter Sitte zur Erde setzte, erblickte ich zu meiner Rechten einen Mann, dessen Brust tief und schwer atmete. Ich machte den Versuch, das Schicksal von seinem Gesichte abzulesen, allein >die Schrift war undeutlich . . . Mein Interesse an ihm wurde wachgerufen, und ich fixierte ihn lange. Wieder wurde die traurig klingende Tenorstimme des „Vorbeters" laut vernehmbar; er begann ein neues Kapitel zu lesen: ..Mein Auge vergeht vor Tränen, mein Inneres glüht vor Kummer, meine Galle ergiesst sich, ob des Unglücks meines Volkes, dessen Kinder und Säuglinge in allen Strassen vor Hunger verschmachten" . . . Ich blickte noch immer auf meinen zur Rechten sitzenden Nachbar. Ein grosser Schmerz kam bei diesen Worten bei ihm zum Vorschein. Er wtollte ihn verstecken, ihn vermummen, mit dem Strome des Gebetes ihn zur Seite schwemmen . . . doch ein Wort aus dem Munde des Vorbeters genügte, und er war wieder da und es schimmerte feucht unter seinen Wimpern . . . Auch mich überkam es eigentümlich — es lief mir kalt über den Rücken, es ging mir durch Mark und Bein.