Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-07-31 · Heft 31 (31.7.1908) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425753--0946-2427267
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

S*it.e 12. Ich versuchte mit diesem Manne ein Gespräch anzuknüpfen und die Gelegenheit dazu bot sich alsbald. Nach den ..Kinoth" ging nämlich die Tempelgemcincle korporativ auf den Friedhof, um dort an den Gräbern der im selben Jahre beim Pogrom Gefallenen ein El-Mule-Gebet zu verrichten. Auf dem Wege dahin hatte ich mich meinem Nachbar angeschlossen. Im Laufe des Gespräches erlaubte ich mir an ihn die Frage zu richten, weswegen er denn gar so traurig sei. Ich hatte die Empfindung, ihm mit dieser Frage aus der Seele gesprochen zu haben; er seinen sich darnach zu .sehnen, sein Herz vor jemandem auszuschütten. Er begann: ..Ich entstamme einer vornehmen, reichbegüterten jüdischen Familie, deren Krebsschaden es war. zur Fahne der Assimilation geschworen zu haben. Als ich 10 Jahre alt wurde, kam ich ins Gymnasium. Dort wurde ich zwar auch gleich meinen übrigen jüdischen Kollegen in der jüdischen Religion unterrichtet, aber ich fühlte mich dessenungeachtet nicht als Jude, sondern als — Russe! Als ich auf die Hochschule kam, hörte ich von einer jüdisch-nationalen Bewegung . . . icb stand ihr fern! Viele meiner Kollegen waren Zionisten - Pfui! dachte ich, das sind Utopisten —- ich bin und bleibe ein wahrhaft russischer Patriot! . . . Und warum sollte ich es denn nicht sein? Ist doch auch mein Vater ein ,,Russe, mosaischer Konfession", kein nationaler Jude, im Gegenteil ein heftiger Gegner der Zionisten — \ind wie gut ergeht es ihm! Wie angesehen ist er! Wi viele Christen - die Spitzen der Behörden — verkehren in unserem Hause . . . Und war denn nicht selbst der Polizeipräfekt Pawlowski auf unserem diesjährigen Hausball erschienen: Er selbst hat unter anhaltendem Beifall aller übrigen christlichen Gäste auf meinen Vater toastiert, wobei er wörtlich gvsngt hat: „Ich erhebe mein Glas auf das Wohl unseres lieben Michael Manassohn. des braven Bürgers, des echt russischen Patrioten!" . . . l'nd ist denn nicht Molodietz, des Staatsanwalts Sohn, mein intimster Freund? Wie würde er mich verachten, wenn er hören sollte, ich sei Zionist! . . . Nein, ich bin und bleibe — dachte ich damals — ein Russe und kein jüdischer Chauvinist' Jahre verstrichen, ich wurde älter . . . Eines Tages verbreitete sich plötzlich die Schreckensnachricht durch die Stadt: die ..czarna sotnia" werde am 18. Oktober ein Blutbad zwischen den Juden in Zytomir anrichten. Viele trafen alsbald Anstalten, um ins Ausland zu flüchten. Wir, sagte mein Vater, werden die Stadt nicht verlassen; der Polizeipräfekt — unser Hausfreund — habe ihm gesagt, dass wir nicht als Juden, sondern) als Russen, als gute Patrioten betrachtet weiden, dass uns somit gar nichts geschehen werde . . . Der gefürchtete Pogrom-Tag kam. Alle Juden hielten ihre Geschäfte gesperrt und hielten sich auf den Dachböden und in den Kellern hinter Schloss und Riegel versteckt. Mein Vater liess wie alltäglich das Geschäft um 8 Uhr früh öffnen und war an diesem Morgen pünktlicher denn sonst ins Geschäft hinuntergegangen. Auch die Mutter versprach, gegen 10 Uhr ins Geschäft zu kommen. Ich selbst war für 9 Uhr vormittags zu einer Tennis-Partie bei Molodietz geladen. Gegen ji Uhr hörten wir einen ohrenbetäubenden Lärm auf der Strasse. Ich wusste, dass die Plouligans ihre Tätigkeit begonnen haben. Molodietz sagte, wir sollen doch hinausgehen, um uns das ..anzusehen". Nach langem Widerstreben gab ich nach. Arm in Arm gingen wir in das Cit\ viertel, wo die jüdische Geschäftswelt ihr Hab und Gut liegen hat. Immer lauter und lauter drang der Notschrei der massakrierten Juden an unser Ohr und ein herzzerreissendes Bild bot sich unseren Augen. Molodietz zitierte einen Vers Schillers: Mütter jammern, Kinder irren, alles rennet, rettet, flüchtet . . . Inzwischen waren wir bis in die Nalewskigasse gekommen. Dort stand auch unser Geschäft! Ach! welcher entsetzliche Anblick! Gerade vor unserem Hause stand die ..czorna sotnia" und demolierte dasselbe, indem sie alles was nicht niet- und nagelfest war, fortschleppte. An der Spitze dieser Bande sali ich den Polizeipräfekten Pawlowski Instruktionen erteilen . . Entsetzt lief ich in unser Geschäft, doch ach! an der Türschwelle lag mein Vater mit klaffender Wunde und bei der Kassa wälzte sich mjeine -Mutter in ihrem Blute . . . Beide waren bereits t;>d! Händeringend lief ich auf den Polizeipräfekten zu — doch er stiess mich gewaltsam von sich! . . . In dem Momente sah ich auch, wie mein Freund Molodietz: ..mitzutun" begann . . . Was weiter geschah, weiss ich nicht. Ich bekam einen heftigen Schlag in den Hinterkopf und fiel zu Boden. In bewusstlosem Zustande brachte man mich ins Spital, von wo ich erst gestern —- nach 9 Monaten — wieder entlassen wurde. Leider sind meine Eltern schon längst in die Erde gebettet, und unter den unzähligen Juden, die bei dem Pogrom als Märtyrergestorben, haben auch meine Eltern, ihren Tod gefunden" „ . . Der Schmerz übermannte ihn. Er begann zu weinen . . ..Nein," sagte er, indem er schluchzend fortfuhr, ,,auch ich habe auf dieser Welt nichts mehr zu suchen! Ich liess mich von meiner Umgebung blenden . . . diese Heuchler nannten mich einen guten Patrioten, einen echten Russen, um mich und mein gastliches Vaterhaus besser aussaugen zu können! O, ich verblendeter Tor! Ich habe als Russe gefühlt, aber als Jude gelitten . . . Und weil ich so töricht war, mich von solchen Schurken toppen zu l:\s> a, muss ich jetzt als Mörder enden ... Ja, der Entschluss ist in mir gereift, unter mein verfehltes Dasein] einen Strich mit meinem wannen Herzensblut zu machen, aber ich habe geschworen, den Polizeipräfekten Pawlowski, diesen r!-enden Schurken und Mordgesellen meiner Eltern, mit in den Todesabgrund zu reissen. Hätte dieser Heuchler, dieser blutrünstige Bube, meine Eltern nicht in Sicherheit gewiegt, sie wären heute noch am Leben. An ihm nruss ich deren Tod rächen. Ach!" seufzte er, ..die Assimilation ist an Allem Schuld! Nur die Assimilation, ist die Wurzel alles Unglückes! . . ." Kr bekam einen Weinkrampf — und konnte kein Wort mehr herausbringen. Ich wollte ihn beschwichtigen und sagte: ,,Beruhigen Sie sich, mein Herr! Wer kann, wer darf die verschlungenen Wege der Vorsehung ergründen wollen? Das lTnabänderliche, von Gott Gewollte muss man mit Fassung und Ergebung ertragen. Komm/t ja doch alles so, wie es von: der weisen und allgütigen Vorsehung in unabänderlichem Ratschluss vorher bestimmt ist. Ihren Eltern — gesegnet sei ihr Angedenken — war es nicht gegönnt, länger zu leben, und dieser Polizeipräfekt war nur ihr Todesengel. Sie dürfen ihr Leben nicht in die Schanze schlagen, jetzt, wo sie zur Einsicht gekommen sind, dass ein: Jude nur Jude und nicht Russe sein kann, dass die Assimilation dem Juden nur schaden und nichts nützen kann — jetzt dürfen Sie nicht sterben; nein! Sie müssen jetzt für Ihr Volk, dem Sie erst von diesem Zeitpunkte an anzugehören beginnen, tapfer kämpfen." ..Meine Eltern, meine Eltern!" stammelte er. „Seien Sie doch Mann!" sagte ich. „und ertragen Sie Ihr hartes Schicksal mit Fassung und Ergebung!" ..Nein! Es kann nicht, sein^" fiel er mir schleunigst ins Wort. ,,Er muss heute noch seine sündige Seele in meiner» Händen aushauchen" ... Und so war es auch; am nächsten Morgen las ich in der Zeitung: „Gestern nachmittags-gegen1 5 Uhr hat der vor kurzem aus dem Spital entlassene Salomon Manassohn den Polizeipräfekten Iwan Pawlowski auf offener Strasse erschossen und dann sich selbst die todbringende. Waffe an die Schläfegedrückt" ...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.