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Neue Nationalzeitung · 1908-07-31 · Heft 31 (31.7.1908) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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ttr. 91. ^Viiilleton. A. II. GONZEB (Berll.) Bas ©H#nal» (Von einem Jüdischen Schnorrer nachjrjsihjt) Die Geschichte ist mir in Berlin passiert) als ich die Hauptstadt zum ersten Male aufsuchte. Die Namen der meisten hiesigen jüdischen Wohltäter waren mir aus den Jahresberichten der Wohltätigkeitsvereine^ die ich während meiner freien Zeit wohlweisslich studierte3 gut bekannt. In denselben war mir der Name eines Kommerzienrates N, besonders aufgefallen. Es gab fast keinen Wohltätigkeitsverein, in dem derselbe nicht entweder das Amt eines Vorsitzenden, Vorstandsmitglieds oder sonst irgend ein Ehrenamt bekleidete. Das musste doch wohl ein wirklich herzensguter Mensch sein, dachte ich mir und fasste zugleich den Entschluss, denselben mit meinem ersten Besuche zu beehren. Nun was denken Sie? Der Herr Kommerzienrat hatte wohl grosse Sehnsucht nach mir gehabt? Natürlich! Auf unserem „Ho'ei", wo wir selber ein wohlorganisiertes sogenanntes Adressenbureau für unsere „Branche" erhalten, habe ich bei einem Kollegen zwar die Adresse meines Kommerzienrates für ein paar Groschen ermitteln können, nieine übrigen Berufsgenossen bezweifelten aber sehr den Erfolg dieses Besuches, da niemand von unseren Leuten zu ihm persönlich zugelassen wird, i Man wird immer an das Büro verwiesen. Die haben schon solche „Statuten" — erklärten sie mir. Aber ich machte mir nichts daraus und begab mich nach dem Tiergartenviertel. t „Was wünschen Sie denn hier?", brüllte mich der Portier an, als .ich an der Hausglocke läutete, so dass mir doch ganz ängstlich zu Mute wurde. Ich fasste mich aber bald wieder. „Ich muss zum Herrn Kommerzienrat. . . . Ja ... . ich komme vom Rabbiner. Der Herr Kommerzienrat hat ja heute Jahrzeit nach seinem seligen Vater und gebraucht arme Leute zum Beten .... Verstehen Sie!. . . ." Zur Bestätigung meiner Angaben zog ich schnell aus meiner Tasche ein Rödelheimer Gebetbuch und zeigte es dem Goi. Sie werden es gar nicht glauben, sage ich Ihnen, ich wurde sofort zum Kommerzienrat zugelassen, zu diesem grossen Wohltäter, zu dem sich noch kein einziger unser einer persönlich mal herangewagt hatte. Sie können sich auch kaum vorstellen, was für ein Gesicht der „Kosin" bei meinem ersten Auftreten geschnitten hat. Kr stand wie verblüfft da, ohne einen Ton aussprechen zu können. — „Was wollen ,Sie denn hier eigentlich", sagte er endlich, „und wieso wurden Sie zu;mir gelassen?" Der Herr Kommerzienrat sah in diesem Moment aus, als ob er vom Schlage gerührt wurde, so sehr war er von meinem Besuche überrascht. „Ew. Hochwohlgeboren, ich bin ein armer Israelit aus Rusland, in Polen, bei Kischeniew . . . Ich möchte Ew. Hochu ohlgeboren gefälligst bitten....." , i Mehr war nicht in meinen Kräften herauszubringen, denn der Herr Kommerzienrat blickte mich mit einem Gesichte am als ob er mich ganz zu verschlucken beabsichtigte, wie es die mageren Kühe im Traume Pharao's mit den fetten Kühen gemacht hatten;; , — „Aber wer hat Sie denn zu mir geschickt und wie kamen Sie bloss dai 'rauf/' ,3Ich komme aus Polen, in Russland, bei Kischeniew" — wiederholte ich meinen gut eingeprägten Refrain» v , Das Gesicht des Kommerzienrats wurde plötzlich entschieden verändert. . , — „Sagen Sie mal", fragte er mich in einem Ton, als wenn er sichj an etwas erinnert, „waren Sie schon nicht einmal hier?" „Niemals", antwortete ich ruhig und ganz wahrheitsgemäss. — „Sagen Sie doch bitte bloss die Wahrheit, ich muss es wissen." , ( Natürlich gab ich wiederum dieselbe Antwort. — „Aber um Gotteswillen, Sie kommen mir ja so bekannt vor, ich musste Sie doch bereits einmal gesehen haben." „Ew. Hochwohlgeboren hat sich wohl geirrt, bin erst das erste Mal in Berlin, bin aus Polen gekommen, von Kischeniew in Russland." In demselben Moment trat ein junges Fräulein ins Zimmer und überreichte etwas dem Kommerzienrat. —■ „Siehe mal, Kindchen, siehe sich mal diesen Mann an, ist er nicht schon einmal hier gewesen?4,4 Das Mädchen sah mich mit einem verächtlichen Blicke an und antwortete überlegend: „Ich glaube — ja!" Es wurde mir seltsam zu Mute. Zwar war ich mir keiner Schuld bewusst, jedoch quälte mich schon der Gedanke, wie ich aus dieser Klemme ganz herauskommen könnte. Ich hätte bereits aut die ganze Sache verzichtet. Das Mädchen warf nun einen Blick auf das Gemälde, dass an der .Wand des Kabinetts hängt und rief mit einer kreischenden Stimme: „Siehe da Papa!" Der Kommerzienrat wandte seine Augen dem Wandgemälde zu, dann musterte er uns beide, mich und das Bild. Sein Gesicht schien ruhiger, und ich glaube sogar mitleidsvoller zu werden. — „Ja richtig, treten Sie bitte näher," rief er mir zu, „kennen bie dieses Bild hier?" Ich habe aber an diesem Bilde nichts gefunden, als einen armen Juden mit zerlumpten Kleidern und mit einem Stock in der Hand; das war alles. Dagegen gefiel mir der Rahmen besonders gut; ich glaube, er muss aus echtem Golde gewesen sein. „Keine Ahnung", antwortete ich. — „Das kann doch aber unmöglich sein, haben Sie vielleicht mal Modeil gestanden?" Ich schwieg. „Er hat dich wohl nicht verstanden, Papa!" sagte das Mädchen.

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