Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. „Neue NaHonal-Zeitting" Nr. 31. Nett gekleidet und gut aussehend, — ein Zeichen der trefflichen Fürsorge des Odessaer Gomites, an dessen Spitze Frau Dr. I/ubow Driso steht — kamen die Kinder in Berlin an. Sie wurden in Empfang genommen von den Vertretern des Hilfsvereines der deutschen Juden und der Grossloge für Deutschland. Nachdem die kleine Schar im Bureau des Hilfsvereins der deutschen Juden, gespeist worden war, wurden die Kinder nach der anstrengenden Fahrt, die sie alle gut überstanden hatten, in ihre Quartiere gebracht. .Während des mehrtägigen Aufenthaltes in Berlin, der nötig wurde, um die persönlichen Angelegenheiten der Kinder, ihre Papiere etc. in Ordnung zu bringen, nahmen sich die Vertreter des Hilfsvereins und der Grossloge der Kinder in ider liebevollsten Weise an. Am Montag abends reisten fünf Kinder in Begleitung nach Brüssel, wo dank der Bemühungen des Herrn Konsuls Franz Philippson für die Erziehung der Kinder in bester Weise Vorsorge getroffen ist. Auch für die übrigen Kinder hat der Hilfsverein und die Grossloge gute Pflegestellen besorgt und es ist zu erwarten, dass alle diese Kinder ebenso wie die Waisenkinder, die vor zwei Jahren übernommen wurden, sich in bester Weise entwickeln werden, und dass ihnen nach den trüben Tagen eine hellere Zukunft beschieden sein wird. ' ( m> ÄLL5N wCIttCiLCN Morris Rosenfeld in Karlsbad. Der berühmte Jargondichter Morris Rosenfeld weilt zur Erholung gegenwärtig,in Karlsbad. Geber vielseitigen Wunsch wird der Dichter im Kursaale mehrere seiner Gedichte in englischer Sprache und im Jargon zum Vortrage bringen. Der Ofner Oberrabbiner Doktor Arnold K i s s wird die Werke Rosenfeld's im Rahmen eines Vortrages würdigen. Die Bergjuden aus dem Kaukasus gehen in letzter Zeit in grosser Menge über Odessa nach Palästina. Diese Emigranten erhalten im palästinensischen Komitee alle nötigen Mittel und Auskünfte; sie erhalten eine Preisermässigung auf den Dampfern der russischen Gesellschaft. Vor einigen Tagen sind wiederum 25 Juden ausgewandert. Seit März, in den letzten drei Monaten, zogen ungefähr 200 Familien nach dem heiligen Lande. Im ganzen wanderten über Odessa 850 Personen aus. Die meisten von den Ausgewanderten haben sich im Kaukasus mit der Landwirtschaft beschäftigt, und sie beschlossen, ihr Leben dieser Beschäftigung auch in Palästina zu widmen. Mehrere kauften dort Land und lassen ihre Familien nachkommen. Unter Mitwirkung des Odessaer Komitees bildeten sich dort eigene Kolonien der kaukasischen Bergjuden, an deren Spitze sich der gewesene .Rabbiner in Derbent (Kaukasus) befindet. Im englischen Oberhaus wurde vor fünfzig Jahren, und zwar am 21. Juli 1858, ein Gesetz auf Zulassung der Juden ins Haus der Gemeinen, resp. auf Weglassung der Worte der Eidesformel „auf den wahren Glauben eines Christen" beschlossen. Das Oberhaus hatte durch elf Jahre wiederholt trotz energischer Fürsprache Lord Beaoonsfields diesen Beschluss des Unterhauses verworfen, doch hat es schliesslich nachgegeben. Der erste Jude, der Bohin ins Unterhaas kam, war Baron Lionel Nathan von Rothschild. Ueber den Eintritt Rothschilds ins Parlament berichtete die damalige Presse: „Von Lord John Russell und John A. Smith eingeführt, nahte sich Baron Rothschild dem Tische des Hauses; er sprach die gewöhnliche Eidesformel mit Ausnahme der Schltrssworte, küsste die hebräische Bibel mit bedecktem Haupte, und nach der üblichen Reverenz vor dem Sprecher des Hauses, der ihm herzlich die Hand drückte, nahm er seinen Sitz neben Lord John Russell und Roebuck auf der liberalen Seite der Kammer. Und damit er gleich Anfangs seine Unabhängigkeit wie seine Gesinnung bewähre, gab er bei der ersten Abstimmung sein Votum gegen den Antrag, der es Parlamentskandidaten gestattet, Wagen für die Wähler zu bezahlen." Gehefmrat Profestor Kontor filier den Tahnod. Der Professor für vergleichende Rechtswissenschaft an der Berliner Universität, Geheimrat Kohler, der als Begründer dieser Wissenschaft angesehen werden kann, hat zur Talmudübersetzung von Lazarus Goldsohmidt einen Anhang über das talmudische Recht geschrieben. In dieser Einleitung finden wir folgende markante Stellen: „Der Talmud zeigt die grossen Vorzüge, aber auch die Mängel des Judentums jener Zeit: hohe, religiöse und ethische Begabung, grossen Scharfsinn in der Auseinanderlegung und Kritik der Begriffe, andererseits den Mangel der das Abstrakte anschaulich gestaltenden Gabe und in Verbindung damit den Mangel der juristischen Konstruktion und den Mangel des Verweils auf dem einen bestimmten konstruktiven Gedanken, und so den Mangel der Systematik. Der rechtsvergleichende Forscher hat es aber nicht blos mit Völkern zu tun, welche in der juristischen Konstruktion Geniales geschaffen haben, sondern auch mit denen, welche in schwerfälliger Gedankenfolge die rechtlichen Erfordernisse der Kultur auszuarbeiten unternahmen. Ja, diese Völker sind geschichtlich oft die interessantesten und lassen uns die besten Blicke werfen in das Werden des Rechts, denn gerade hier finden wir oft die vielen Survivals, die erratischen Blöcke, die uns eine Ahnung von dem ursprünglichen Entwicklungsgang des Rechts geben. Andererseits sind nicht immer diejenigen Rechte, die am klarsten und elegantesten entwickelt sind, auch die einflussreichsten gewesen, und gerade was das Recht des heutigen Orients betrifft, war wohl kein Recht bedeutungsvoller als das des Talmuds.u Es wird immer besser. Die russische Regierung, die jetzt die Macht gefunden hat, mit allen ihren Feinden abzurechnen, hat es nun auch auf die jüdischen — Artisten abgesehen. Diese Leutchen, die in Petersburg ungestört in Chantans, Varietes und Sommergärten die Zerstreuung ihrer Mitbürger in diesen schweren Zeiten besorgten und daher das Wohnrecht in Petersburg hatten, erscheinen der Regierung plötzlich gefahrlich. Der Gehilfe des Ministers des Innern hat ihnen daher verboten, sich in Petersburg aufzuhalten. Die dadurch brotlos gemachten Familien beabsichtigen eine Delegation an Stolypin zu senden, der aber inzwischen seine Ferienreise angetreten hat. Etwas für den Abgeordneten Schmid. Der russische Unterrichts-Minister hat befohlen, dass im nächsten Schuljahre zu den Gymnasien in Polen lediglich 10 Prozent Juden Zutritt finden können. In Wa r s c h a u dürfen im ersten Gymnasium gar keine und im III. Gymnasium 5 Prozent jüdische Schüler aufgenommen werden. Die Rabbiner des Kiewer Gouvernements haben jüngst eine Konferenz abgehalten, in der sie sich mit Scheidungen durch Boten und mit den doppelten Vornamen beschäftigt haben. Sehr wiohtige Fragen!