Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. „Neue National-Zeitüng" Seite 7. „i. Sind Eurer Exzellenz die geschilderten, derzeit in der Bukowina herrschenden traurigen Verhältnisse bekannt? 2, Sind Eure Exzellenz genest, zu veranlassen, dass Seine Exzellenz der Herr Minister Dr. Gessmann seine oben charakterisierte Tätigkeit in der bisher ruhigen Bukowina einstelle?" (Es folgen die Unterschriften.) Ein nAner „Kirchenvater". Wien, den 29. Juli. Wie uns aus ärztlichen Kreisen mitgeteilt wird, hat sich der Sohn des Kultus- Vorstehers Dr. Adolf Stein, um an einer Schweizer Universität eine Professur erlangen zu können, getauft. Dieser junge Mann hat übrigens aus seiner Absicht, sich zu taufen, nie einen Hehl gemacht. Damit hat Dr. Adolf Steip, der nicht bloss Kultus-Vorsteher, sondern auch Kurator der israelitisch-theologischen Lehranstalt (Rabbiner-Seminar) ist, den Rekord geschlagen. Die anderen Kultus- Vorsteher haben bloss ihre Töchter getauft; Doktor Stein eröffnet eine neue Serie der getauften Söhne. Es wird ja immer bchöner. Die ,,Kirchenväter" werden im Wiener Kultus-Vorstand bald die Majorität bilden. Die Pensionierung des Professors Feilbogen. Wien, den 27. Juli. (Orig-Korr.) Prof. Sigmund Feil bogen wird das Verhalten seiner Schwägerin anlässlich der Hostien Verteilung in der päpstlichen Kapelle mit seiner Stelle bezahlen. Er ist - über höheren Befehl — um seine Pensionierung eingeschritten. Damit ist der „Fall" erledigt. Es ist aber sehr verlockend, den Fall Feilbogen mit der Affaire Wahrmund in Vergleich zu ziehen. Es wird sich da die krasse Differenzierung zwischen dem jüdischen und christlichen Professor zeigen. Worin bestand denn eigentlich das Vergehen oder die Schuld Feilbogens? Er hat sich vorgedrängt "und hat alle Mittel in Bewegung gesetzt, um den Papst während der Messe mit seinen zwei Damen sehen zu können. Während dieser Messe wurde er durch die Verteilung der Hostie überrascht, es hat sich jedoch korrekt, wie bewiesen, benommen. Seine Schwägerin war minder glücklich in ihrem Benehmen und hat durch dasselbe das religiöse Gemüt der Gläubigen verletzt. Kann Prof. Feilbogen etwas dafür? Nichtsdestoweniger wird Prof. Feilbogen sofort gezwungen, seine Kollegien einzustellen und jetzt wird er pensioniert. Und niemand hat sich seiner angenommen. Weder die „Judenpresse" noch die „liberalen" Parteien. Es war ja nur ein Jude. Anders ist es bei Wahrmund. Dieser hat in einer Massen-Versammlung die Grundsätze der katholischen Religion verhöhnt. Seine Reden waren wohlweislich überlegt. Dafür geschah ihm nichts. Er wurde höchstens auf eine materiell bessere Professur berufen. Die „Judenpresse" und die „liberaeln" Parteien haben darüber gewacht, dass ihm nichts geschehe. Wahrmund avanciert und Feilbogen muss gehen '— in diesem Gegensatz äussert sich am besten das Paradoxe der österre'chischen Politik. Eine jüdisch-wissenschaftliche Preisansschreibung:. Lemberg. Die philosophische Fakultät der hiesigen Universität bringt hiemit zur öffentlichen. Kenntnis, dass aus den der Fakultät von weil. Hippolit Wawelber^ zur Verfügung gestellten Fonds eine Preisausschreibung für die beste in polnischer Sprache verfasste wissenschaftliche Arbeit ü b e r d i e ökonomischen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den polnischen Ländern erfolgt. Die eingereichten Arbeiten müssen diese Verhältnisse besonders vom juristischen, kulturellen oder statistischen Gesichtspunkte behandeln; sie können aber auch allgemeine, mit dem Leben der Juden in Polen oder einzelnen Teilen ververbundene Fragen oder Monographien umfassen (z. B. die Kultusgemeinde der Stadt Warschau oder einer anderen Stadt, die jüdische Bevölkerung in Galizien oder in Lithaueii, den Zustand und die Bedürfnisse der elementaren Bildung unter den polni: sehen Juden, den Stand der Gewerbe unter den polnischen Juden, die Emigration, den Zionismus, die Gewerkschaften, die polnischen Organisationen unten den Juden in Polen u. dgl.). Die wichtigste Vorbedingung aller Arbeiten bildet ihr wissenschaftlicher Charakter, der jede politische Tendenz ausschliefst und doch alle Fragen „vom Standpunkte der allgemeinen Interessen des Landes" zu beurteilen hat. Der Preis für die beste Arbeit beträgt 1600 Kronen. Die Arbeiten sind bis zum 31. Dezember 1909 bei der philosophischen Fakultät abzuliefern. Die Jury besteht nur aus Professoren der Lemberger Universität, darunter der allpolnische Politiker Prof. G 1 o m b i n s k i und als Paradejude Prof. A s z k enas y. Mit den Worten „vom Standpunkte der allgemeinen Interessen des Landes" haben die Preisausschreiber zu erkennen gegeben, dass es ihnen um eine national-chauvinistische Arbeit zu tun ist. Jüdisch-nationale Schriftsteller haben also dabei nichts zu suchen. , >L Deutsches Reich. Die Waisen nach den Poeroni-Opfern. Berlin. Als nach den Oktober-Pogromen vom Hilfsverein der deutschen Juden und von der Grossloge für Deutschland die unglücklichen Kinder, die infolge der Pogrome verwaist waren, zur Versorgung übernommen wurden, inussten 27 Waisen aus den verschiedensten Gründen in Odessa zurückbleiben. Xunmehr sind auch diese Kinder nach Vereinbarung des Hilfsvereins der deutschen Juden mit dem Russofewish Committee in London und der Grossloge für Deutschland versorgt worden. Zehn der Kinder sind vor mehreren Wochen bereits nach Amerika befördert worden und 17 trafen am Mittwoch, den 22. Juni 1. J. in Berlin ein. Zehn Knaben Und sieben Mädchen im Alter von 3—11 Jahren -- nur ein Knabe ist 15 Jahre alt — kamen in direkter Fahrt aus Odessa über Alexandrowo auf dem Bahnhof Friedrichstrasse hier an. Zwei russische Damen führten die kleine Karawane. Die Kinder sind samt und sonders elternlos; entweder haben sie bei den russischen Massacres beide Eltern verloren oder sie hatten nur noch Mutter oder Vater zur Zeit der Pogrome und diese letzte Stütze ist ihnen alsdann durch Mord entrissen worden. Von einem Mädchen lebt freilich noch die Mutter. Sie ist aber infolge des Pogroms wahnsinnig geworden.