Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425753--0939-2427260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 31. „Neue National-Zeitung" Seite 5. betreffenden Kreises herbeizuführen. Diese Organisationen müssten wieder einer Landeszcntrale untergeordnet werden. So ungefähr könnte meines Erachtens eine einheitliche Organisation geschaffen werden. Die materiellen Mittel könnten derart bestritten werden, dass jeder Gesinnungsgenosse monatlich einen geringen Beitrag als Parteisteuer entrichte, von dem wieder ein gewisser Prozentsatz der Parteileitung zur Bildung des Parteifondes abgeführt werde. Die Reichskonferenz darf aber nicht vom einseitigen zionistischen Standpunkte beherrscht werden. Es müssen auch Männer herangezogen werden, die, wenn auch abseits vom Zionismus stehend, dennoch bcwusste und überzeugte Kämpfer für die jüdisch-nationale Sache sind. Diese Reichskonferenz müsste nur in einer galizisehen Stadt tagen, denn Galizien vereinigt die grösste jüdische Volkszahl in sich. Gerade Galizien bedarf in erster Linie einer strammen Organisation. Sehen wir ja dort einen eigenartigen Prozess: Konservative, Russophile und Volkspartei haben sich hier zusammengefunden, zu einem gemeinsamen reaktionären Block. Der jüdisch-nationalen Partei wartet ein schwerer Kampf. Soll die jüdisch-nationale Politik nicht ganz in Brüche gehen, so müssen die jüdischen Massen in Galizien endlich organisiert werden! Mögen also die leitenden Faktoren die Notwendigkeit einer politischen Organisation einsehen, eine Reichskonfcrenz einberufen, und daselbst auch ein parteipolitisches Programm ausarbeiten. Fern von jedem Chauvinismus muss diese Konferenz Männern aller national-jüdischen Parteirichtungen zugänglich sein. Theoretische Differenzen müssen fallen gelassen und im Zeichen der nationalen Solidarität soll zum Heile und Wohle unseres Volkes die Landespolitik geführt werden! Nach einjähriger parlamentarischer Tätigkeit des Jüdischen Klubs ist der Zeitpunkt für eine Reichskonferenz am geeignetsten. MARTIN ZIELONKA: 9,£H* Utiden in ßtalf1{0." Ii e i s e 1) r i e f e. I. Mein Eindringen in Mexiko ist ein friedliches. Ich komme nicht, um die Einwohner zu unserem Glauben zu bekehren oder die Juden von Mexiko zur Annahme des sogenannten Reform- Judentums zu zwingen. Ich kam, um die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen zu studieren, und ihnen womöglich die Notwendigkeit einer gewissen Vereinigung vor Augen zu führen, dass sie ihrer Vergangenheit treu bleiben und ihren Kindern ein würdiges Erhe hinterlassen. Das Studium der Verhältnisse, weM\es ich an der Grenze angestellt habe, überzeugte mich, dass nur an einem Ort eine Organisation möglich wäre, und zwar in der Hauptstadt der Republik. Um für dieses Problem besser vorbereitet zu sein hielt ich es für das geeigneteste, die grösseren Städte zu besuchen und aus der Erfahrung der dort lebenden Juden zu hören, was sie über die Möglichkeit einer gewissen jüdischen Organisation in Mexiko denken. So ging ich am 8. Juni von Juarez, welches auf der mexi" kanischen Seite des Rio Grande River, gegenüber von El Paso liegt, nach Chihuahua im Staate Chihuahua, einer Stadt von 35.030 Einwohnern. Da ich diesen Ort von früher her kannte« war es mir nicht schwer, allen dort lebenden Juden, 8 Familien ad 6 jungen Männern zu begegnen. Ausserdem sind noch drei Männer dort, die mexikanische Frauen geheiratet haben. Es ist der Mittelpunkt einer prosperierenden Eisenbahn, es sind Bergwerke und Fabriken dort, doch nur eine Handvoll Juden. Sofort drängte sich mir die Frage auf: Warum so Wenige in einer solch' blühenden Gemeinschaft? Alle sind wohlhabende und angesehene Geschäftsleute und sicherlich sollte anderen dasselbe möglich sein, zu erreichen, was diese getan haben. IL Nordwald, der sich 1867 in der Stadt angesiedelt hat und mit bepackten Maultieren von Kansas durch das Land gezogen kam, ist der Vater der Gemeinde. Ich bin mit der Beantwortung meiner Frage noch nicht zufrieden Ich suche noch die Warum und die Wozu, und in einem zukünftigen Artikel hoffe ich, die verschiedenen Antworten geben zu können. Samstag abends wurde in einer Versammlung, welche im Hause des Herrn Nordwald abgehalten wurde, die Nützlichkeit einer besonderen jüdischen Organisation gründlich besprochen, doch erschien sie für die Gegenwart nicht ratsam. Sie waren zu gering an Zahl, um regelmässigen Gottesdienst abzuhalten, und wenn gelegentlich ein armer Glaubensgenosse kam — gewöhnlich ein professioneller Schnorrer — so wurde er aus dem Hauptfond der Hilfsgesellscbaft für Fredde, deren Präsident Herr L. Nordwald ist, unterstützt. Die Juden werden nicht al> Andersgläubige betrachtet, sondern als Deutsche, Franzosen etc. und mischen sich frei mil den fremden Elementen : sie werden nach ihrem wirklichen Werte gemessen und sind Mitglieder des Chihiiahuaer Fremden-Klubs, einer glänzenden gesellschaftlichen Organisation. Unter den grösseren Geschäften der Stadt beiludet sich das Möbelhaus von Nordwald Brothers, das Metallwaren- und Maschinenhaus von Krakauer, Zork & Moye und das Departement-Geschäft „Las Tres B." von Picard Brothers. Von Chihuahua ging ich nach Torieon und Gomez Palacio. Diese Städte sind wie Cincinnati und Covington in verschiedenen Staaten, und durch einen Fluss getrennt, der zu jener Zeit nur ein trockenes Sandbett war. Erstere ist im Staate Coahuila und hat zirka 30.000, letztere im Staate Durango und hat ungefähr 20.00t» Einwohner. In beiden Städten hörte ich nur von drei Familien und acht jungen Männern, und zwei von den jungen Leuten sind im Begriffe Mexikanerinnen zu heiraten. Obwohl sie gegenwärtig unter der Panik leiden, die in Mexiko mehr als in New-York empfunden wird, fand ich sie geschäftig und wohlhabend. Es sind Fabriken und grosse Etablissements da, und wieder kam mir die Frage, warum keine Juden in diesen blühenden Gemeinwesen seien, wo die persönliche und die Religions-Freiheit gesichert ist, während Hunderte und Tausende in Unterdrückung leiden müssen. Und ich ging jeden um Antwort an. Ungeheuer,. Flächen sind bepflanzt, und so weit das Auge sehen kann, umgeben Baumwollfelder, wie man sie nirgends in den südlichen Staaten schöner sehen kann; die Stadt und reiche Minen zahlen dem Handel ihren Tribut. Da es hier so wenig Juden gab und die Beziehungen der Juden zu den Nichtjuden anderer Länder ebenso herzlich waren als in Chihnahna, hielt ich es nicht für nötig die Leute zur Beratung einer Organisation zusammen zu rufen. Aber es gab noch eine Ueberraschnng. Ich hörte ein Gerücht, dass einige syrische Juden in der Stadt seien, und ich suchte sie unverzüglich auf. Von einem Freunde eingeführt — denn sie sind sehr darauf bedacht, es nicht allgemein bekannt zu machen, dass sie nicht dem vorherrschenden Glauben angehören — hörte ich. dass ungefähr ein Dutzend Männer hier seien, von denen die meisten ihre Familien in Saida, Syrien hatten, und dass sie verhältnismässig kurze Zeit hier waren, Der Aelteste hielt sich erst seit zweieinhalb Jahren in Torreon auf. Sie führen ein Geschäft unter der Firma Nigris Priinos, wo der billigste Sand an die Bauern verkauft wird. Auch nehmen sie kleine Vorräte, mit denen sie zu den Viehzüchtern und ihren Angestellten hausieren gehen. Obwohl sie so gering an Zahl sind, hielten sie vergangenen Rosch Haschoua und Jörn Kippur Gottesdienst ab.