Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-07-31 · Heft 31 (31.7.1908) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425753--0938-2427259
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. jr ^Neüe Natidnal-Zdtiing" Nr. 31. Franzosen, sie alle huldigten dem „genie de l'eau froide". So ist dieses herrliche Stückchen Erde ein wahrer Ort des Lebens ein Vereinigungsplatz für die Völker geworden und man sieht, wie gut sie sich vertragen können, wenn sie nur wollen Von unseren Glaubens- oder Volksgenossen sagten wir bereits: sie teilten sich hier in Zionisten und Nicht-Zienisten. Zu den letzteren gehören insbesondere die frommen Brüder aus dem Deutschen Reiche, denen unser österreichisches Essen sehr gut schmeckt, während wir (/esterreicher ihnen immer noch als Rückständige in der Kultur erscheinen. Von ihrer Höhe blicken sie mit einem gewissen verächtlichen Nasenrümpfen auf uns herab. Die Weisheit und Wissenschaft, die sie mit Suppenlöffeln verspeisten, haben wir, nach ihrer Anschauung, nicht einmal mit Teelöffeln zu uns genommen. Das ist Ansichtssache. Aber dieser Hochmut hat manchmal etwas unangenehmes, was uns die gute Laune verderben könnte, wenn wir sie uns verderben liessen. Zum Aergern ist man doch nicht „aufs Land" gegiüigen, hinaus in die Beiye und grünen Täler. Wir überlassen also diesen Herren Norddeutschen das Vergnügen, sich über unsere „Jause" und so manches andere österreichische oder W iener Wort lustig zu machen. Auch sie haben schöne Ausdrücke. Wir lächeln darüber, wenn sie einen Menschen sehr „genudelt" finden, d. h. für sehr gut gefüttert und demgemass wohlaussehend. Und wie läppisch und lächerlich kann man es bezeichnen, wenn mein guter Beuthiner, Gleiwitzer oder Breslauer die Sonne ein „Visitenkärtchen" schicken lässt aus den dunkeln Wolken, die noch immer ihr sich nicht erschöpfendes Nass herniedersprühen auf die bereits ganz und gar durchtränkte Mutter Erde! .Das ist es eben, woran man draussen in der Natur vergrsst: man vergisst der Menschen und ihrer Schwächen, rann lächelt über sie und findet sie ganz und gar nicht beachtenswert. Als ob man ununterbrochen auf Höhen wanderte, so scheint es uns, wenn man die Erhabenheit der Natur vergleicht mit der Niedrigkeit der Menschen. „Man kehrt immer wieder zu seiner alten Liebe zurück", ein altes, französisches Sprichwort, dessen Wahrheit zu erkennen ich hier zwischen diesen Bergen, Wäldern, Kuppen und Quellen Gelegenheit hatte. Immer wieder zieht es mich und Hunderte andere hieher in diese herrlich-schöne und doch so bescheidene Gebirgsgegend, die von ärmlichen, aber zufriedenen und biederen Menschen bewohnt wird. Es wäre schade, wenn die Menschen auch in diesem Erdenwinkel ihre Leidenschaften, ihre Fehler, ihren Streit und ihre Begehrlichkeit brächten. Das protzige, aufdringliche, snobistische Wesen, das wir m\ anderen Owen, die als Sommerfrischen einen Ruf erlangt haben, wahrgenommen, ist von dieser Gegend bislang fern geblieben, was wir mit Freuden hier anmerken. Es hat das ganze Gehaben an diesem stillen Orte des Friedens und der Naturschönheit einen demokratischen Zug, den wir tm gerne vermissen möchten. Wenn nur die Sonne wieder nicht allein ein „Visitenkärtchen'*, sondern eine umfangreiche „Visitenkarte" sende, d. h. uns mit ihren erwärmenden Strahlen erfreuen wollte! Vorläufig „klärt es sich, weder dicke noch dünne auf". Doch wir müssen hoffen, und dazu sind v ir Juden erzogen worden. Es muss doch hommer werden! Dann gellt es hinauf in die Berge, die sich jetzt unsichtbar gemacht haben mit ihren Wolkentarnkappen. Es geht hinauf zu der sprudelnden Quelle, wo uns ein .Waldhäuschen begrüsst und wir uns die „Sauere, die so einzig süss schmeckt", köstlich munden lassen. Diese Redensart stammt nicht von mir, sondern von einem norddeutschen Fräulein, dessen. Heimatsgemeinde an der der russischen Grenze liegt. Und, wenn sie diese echt norddeutsche, paradoxe Phrase gebraucht, lächelt der zionistische Student an meiner Seite, der von der Zukunft schwärmt und die Gegenwart bedauert So pendeln wir hier fortwährend zwischen der Wahrheit der Natur und der Schwäche der Menschheit. Ein Ort der Gegensatze ist's, an dem wir uns befinden, vielleicht getällt er uns deshalb so gut und zieht uns mächtig an sich heran .... MOSES HOROWITZ (Zaleszczyki) . %w QF£anisationsfra£e* Schon im Sommer 1907, nach den Reichsratswahlen, wurde in einem '1 eile der jüdischen Presse die Notwendigkeit einer einheitlichen Organisation besprochen und die Einberufung einer jüdischen Reichskonferenz, an,der alle auf dem jüdischen Volkstum beruhenden Richtungen teilzunehmen hätten, angeregt. Nun scheinen ab n' gewisse führende Kreise zu glauben, mit der Lemberger Konteren/ alles erledigt zu haben. Andererseits dürften die bei den Wanten abgegebenen 34.000 jüdisch-nationalen Stimmenauf die leitenden, Krei.se derart eingewirkt haben, dass sie sich einreden, diese Stimmenanzahl bekunde etwa — Organisation. Ich behaupte dagegen, dass wer jüdisch-national stimmt, noch lange nicht so gesinnt ist. Die Stimmenamahl drückt Dloss den Emfluss und die Kraft der Partei aus. Jüdisch-national ist, wer .sich als ein tätige^ und vollbewusstes Glied der Parteigemeinschaft betätigt. Es dürfen nicht bloss die Gefühle in Extase versetzt werden, um Mandate zu erobern, sondern es muss e i n lebendiger Organismus geschalten werden, dessen Glieder von diesem Leben beseelt sind. Deshalb ist die Organisationsfrage von grösster .Wichtigkeit. Bisher gab e.-> in verschiedenen Orten einzelne Personen, die kraft ihrer l. Überzeugung und Fähigkeit die Massen in ihrem Sinne zu beeinflussen vvussten. Man gab sich damit zufrieden. Fand sich hier und dort solch ein fähiger Agitator, war's gewiss gut; Avenn nicht, liess man's dabei bewenden. So sind vielfach die jüdischen Volksmasscn zur politischen Reite en.ogen worden, während sie in den meisten Orten in totaler Finsternis stecken. Es fehlen dort eben verlässliche Männer, oder es hält sie die Feigheit zurück, polnisch aufzutreten. Ein grosser f eil unserer jüdischen galizischem Intelligenz in kleineren Städten fühlt jüdisch. Allein den einen bindet die ansehe Klientel oder Praxis, den anderen der gesellschaftliche Verkehr; er kann nicht das Odium des Zionisten auf sich nehmen. Nennt ja der Bezirkshauptmanai jeden Juden, der politisch „unveriässhch" ist, „Sionist". Es müssten also von der Parteileitung bewährte Männer bestimmt werden, bestimmte Ortschaften zu bereisen und zu organisieren, und zwar nach dem auf der Rcichskonierenz ausgearbeiteten Statut. Es müssten Lokal- und Bezirksorganisationen, den Wahlkreisen angepaßt, geschaffen werden, um einen engeren Kontakt zwischen den Wählern des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.