Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31; ohne sie dann auslösen zu können. Das sind die Ursachen der Notlage der Judengemeinden und das ist die Antwort auf die Frage, warum wir keine Altertümer besitzen, warum die alten Kahalbücher, die Pinkes, verloren gegangen sind und warum die Juden ihre synagogalen Schätze bei Privaten aufbewahrt haben. Dieser letzte Umstand hat es auch verursacht, dass öffentliches Gut sich von Vater auf Solln vererbt hat, bis schliesslich daraus im Wege der Ersitzung ein Privateigentum einzelner Familien geworden ist. (Fortsetzung folgt.) Dr. MAX GRÜNFBLD: %vWf aus den Sudeten- Gräfenberg, Juli 1908. Dies ist eine alte Gewohnheit, dass die Briefschreiber aller Nationen und Bekenntnisse derartige Reisebriefe mit mehr oder weniger witzigen Bemerkungen über das Wetter beginnen. Ich fange also an: Das Wretter ist in diesem sonst herrlichen Erdenwinkel, in dieser „Perle der Sudeten", — es gibt im übrigen noch andere Orte in den Sudeten, die diese Ehrenbezeichnung für sich in Anspruch nehmen, — seit einigen Tagen abscheulich. Natürlich machen die Leute, die hier aus dem Norden Deutschlands, aus Polen, Russland und anderen interessanten Gegenden unseres alten Erdteils zusammengeströmt sind, über diesen sich nicht erschöpfen wollenden Jupiter Pluvius ihre oft gar nicht geistreichen Bemerkungen. Mein Zimmernachbar, ein ehrsamer Berliner, betrachtet das in dichtes Gewölk gehüllte Gebirge, und dem Gehege seiner Zähne entströmen die geflügelten Worte: „Es klärt sich dicke uff", d. h. ins Gemeindeutsche übertragen „es wird langsam besser". Ein frommes Bürschchen, „Theologe", — aber jüdischer, — aus Breslau, meint: „Wenn die Chassidim reisen, regnets." Offenbar rechnet er, der zukünftige Verkündiger des Gotteswortes, sich zu den Chassidim, denn mich und den Zionisten in unserer Gesellschaft kann er doch nicht meinen. .Was die Zionisten anlangt, so sind sie hier ziemlich 'reichlich vertreten und insbesondere aus Galizienund Russland kommen viele, der modernsten jüdischen Richtung Huldigende, hiehcr. Ein Theodor Herzl-Abend, der jüngst zum Andenken an den Dahingeschiedenen veranstaltet wurde, gab dazu Anlass, djass man sich seiner in einer Jargon-, hebräischen und deutschen Rede erinnerte. Im übrigen vergeht den Leutchen die Zeit hier zwischen Kartenspielen, Politisieren und Spazierengehen; letzteres ist allerdings durch den endlosen Regen gründlich verdorben worden. L:nd doch ist die Natur hier so wunderbar herrlich. In den allinählig aufsteigenden .Wäldern murmeln die Quel» len, deren erfrischendes und erquickendes Wasser zuerst den Bauern Priessnitz auf den Gedanken brachte, menschliches Gebreste aller Art damit zu heilen. Die „Wasserkur" ist ein Universalheilmittel geworden für unser durch Alkohol, Politik, allzureichliches Essen, zuvieles Rauchen und andere Aufregungen aller Art vielfach degeneriertes Geschlecht. Wasser und Milch und keine Zigarren, das sind die Rezepte, nach denen man die nervöse Menschheit von den Krankheiten der Zeit heilen möchte. L^nd so kehren wir alle zur Natur zurück. Wenn wir nur das leidige Politisieren und Zeitunglesen lassen könnten! Die Kurkommission freilich scheint dafür Sorge zu tragen, dass wir uns am Lesen der Journale nicht allzusehr den Magen verderben. Es liegen einige Wiener, Breslauer, Berliner Zeitungen auf, die uns getreulich über die jungtürkischen Bewegungen, die neuesten Hinrichtungen; ewigen Kursstürze; die Eulenburg- und andere Affairen berichten. Von jüdischen Zeitungen fand ich im Lesesaale kein einziges^ was, bei der grossen Anzahl unserer Volksgenossen, die diesen Kurort bevölkern, cm wenig Verwunderung erregt. Man wundert sich auch darüber, dass in dem sogenannten Vergnü - gungskomitec, mit dem jeder Kurort^ also auch der hiesige, gesegnet ist, kein Jude Sitz und Stimme hat; Ein etwas feuriger Volksgenosse wollte stante pede eine jüdische Volksversammlung einberufen, um diese Ungeheuerlichkeit z ir Sprache zu bringen. Ich weiss nicht, ob er diesen Gedanken zur Ausführung bringen wird, um die Hintansetzung des Judentums, auch auf diesem Gebiete, in feurigen Worten zu brandmarken. Jedenfalls wäre es sehr angezeigt, wenn sich die Herrschaften erinnerten, dass die Juden sehr viel Geld in diesen Wasserkurort bringen und wenn wir den famosen Schulantrag Schmid auf hiesige Verhältnisse anwendeten, gebürten den Juden zumindest 2/;i Stimmen in allen das Wohl und Wehe dieses Kurorts beratenden Körperschaften. An Unterhaltungen und Zerstreuungen aller Art fehlt es inmitten dieser Wälder und Berge nicht, wo die Quellen ihr sanflcs Lied murmeln von der Schönheit und Pracht der Natur. WTir haben hier Tanz-Reunions, Theater, Tombolas und jetzt planen einige wagemutige Seelen auch die Veranstaltung eines Kabarett-Abends. Es soll deklamiert, gesungen, gespielt und getanzt w erden. Wie ich höre, wird ein Teil des Reingewinnes für die Anlegung eines — Friedhofes verwendet werden, nach dem sich die Kultusgemeindc Freiwaldau sehnt. Diese Kultusgememde mit ihren wenigen jüdischen Seelen führt ein Dasein, das man schon eher ein Vegetieren nennen könnte. Zwar sorgt sie dafür, dass die Kurbedürftigen wenigstens am Sabbathe mit ihrem Gotte Rücksprache nehmen können. Auch für diejenigen, die nach ritueller Atzung begehren, ist in geeigneter Weise Sorge getragen. Ebenso ist ein koscheres Speisehaus auf der Höhe des Gräfenbergs. Wie iman demnach sieht, kann hier der Jude nach seiner Fasson selig werden. LTnd so scheint der Kultusgemeinde Freiwaldau nichts anderes zu fehlen, als ein „guter Ort". Mögen sich unsere Volksgenossen dessen erinnern und ihr Scherflein dazu beitragen, um diesen Wunsch zu erfüllen. In diesem Sinne wünschen wir den Sängern, Deklamatoren, Klavierspielern etc. des zu veranstaltenden Kabaretts bestes Gelingen. Man redet allerdings, inmitten des üppigen Lebens, in dem hier die Natur prangt, nicht gerne vom Tode. Die Wälder in ihrer reichen Pracht, das segenspendende Wasser, die heiteren Menschen, dies alles predigt: Leben, Leben, Leben. Nahezu alle Nationen, die unseren Erdteil bewohnen, haben daher dem Lebensverkündiger, dem Begründer der Wasserkur, in Denkmälern und Inschriften ihre Bewunderung und Huldigung ausgesprochen. Wir besitzen hier eine Preussen-, eine böhmische, eine rumänische, eine englische, ja sogar eine griechische Quelle, die da geziert ist mit dem Ausspruche Pindars, der schon den alten Griechen verkündete : „Das Beste ist das Wasser." Die Ungarn, die Polen, die