Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 27 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425752--0929-2427249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Neüe Nationäl-Zeittüig" Nr. 30. in Aussicht genommene Berufung einer geeigneten Lehrkraft für „mosaisches Eherecht mit Rücksicht auf die österreichische Gesetzgebung" (Organi - sationsstatut § 9 lit. k) zw Tatsache. Auf Vorschlag des Professorenkollegiurns wurde der in Fachkreisen rühmlichst bekannte Hof- und Gcrichtsadvokat, Herr Dr. E. Leo M e i s s e 1 s, mit diesem Lehrauftrage betraut." Herr Dr. Meisseis hat sich bisher auf jüdischem Gebiete weder politisch noch wissenschaftlich bestätigt. Das ist bei jüdischen Institutionen in Wien immer die beste Empfehlung. Der Jahresbericht wird eingeleitet durch eine wissenschaftliche Arbeit des Lektors M. Friedman n: „B a r a i t h a di-Mlecheth h a - M i s c hkan." Tannaitischcr Kommentar zu den Vorschriften über den Bau des Heiligtumes und das Lager Israels in der Wüste. (II. B. M., Kap. XXV ff. und IV. B. M., Kap. IV. und Kap. X.) Deutsches Reich. Eine Studienreise. Berlin. Der Vertreter des Hilfsvereines der Deutschen Juden und Leiter des Zentralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, Herr Paul Laskar (Hamburg) ist vw kurzem von einer mehrwöchentlichen wStudienreise, die er im Interesse der jüdischen Emigration nach den Vereinigten Staaten unternommen hat, zurückgekehrt. Herr Laskar wurde von den dem Hilfsverein befreundeten Organisationen, namentlich von. den Bnei-Brith Logen in Amerika auf das freundlichste empfangen. Die Reise führte ihn zuerst nach Ncw-York, wo er sowohl auf der Einwandererstation EUis-Island wie bei den verschiedenen jüdischen Organisationen eingehende Studien über alle Verhältnisse der jüdischen Emigration zu machen in der Lage war. In einer längeren Konferenz mit dem Einwanderungskommissär Watchhorn wurden die Wünsche und die Bedürfnisse der jüdischen Emigration besprochen. Von Xew-Vork begab sich Herr Laskar nach einer Reihe anderer Einwanderungszentren, so u. a. nach Philadelphia., Chicago, Minneapolis. In Washington hatte Herr Laskar auch eine Audienz bei dem Handelsminister Oskar Strauss und konnte dem obersten Chef des Einwanderungswesens Zweck und Ziele der Arbeiten des Hilfsvereines auf dem Gebiete der Auswanderung, die dem Handelsminister nicht fremd waren, näher darlegen. Die reichen Erfahrungen, die Herr Laskar durch seine Studien an Ort und Stelle und durch seine Besprechungen mit den massgebenden jüdischen Kreisen und den zuständigen Behörden gesammelt hat, werden ohne Zweifel für die jüdische Emigration gute Früchte tragen. pFanlfpeich. Ein Rabbiner-Skandal. Paris. Die französische Presse beschäftigt sich jetzt sehr eingehend mit der Affaire des Rabbiners Henry Brauer in Tours. Dieser klagte das jüdische Konsistorium wegen ungerechtfertigter Entlassung und beansprucht einen Schadenersatz. Henry Brauer wurde in Russland zum Rabbiner ernannt. Nach Tours von der dortigen Kultusgemeinde berufen, fungierte er dort durch 23 Jahre als Rabbiner. In den letzten Jahren entstanden jedoch Konflikte, da er den modernistischen Ansichten der Gemeindeführer nicht zustimmen wollte. Als Anhänger der alten talmudistischen Lehre wollte er dem Fortschritte nicht die kleinste Konzession machen und zog sich deshalb den Hass seiner Gemeinde zu. Zwischen Brauer und seinem Kultusvorstande kam es zu einem ernsten Konflikte, als man einmal die Leiche eines Juden aus dem Wasser zog. Sie hatte drei Wochen in dem nassen Elemente verbracht. Sollte man nun an der Leiche die rituelle Waschung vornehmen oder nicht? Brauer war der Meinung, dass der dreiwöchentliche Aufenthalt im Wasser den Toten genügend gereinigt habe, während die Kultusgemeinde für diesen ein neues Bad verlangte. Ein andermal wollte Brauer den 14jährigen Sohn eines Modernisten nicht als Juden anerkennen und ihn zur Thora nicht vorrufen lassen, weil dieser noch nicht die Zirkumzission überstanden hatte. Selbst die Intervention des Grand Rabbin de France half nicht. Um die Entlassung des Rabbiners durchzusetzen, klagte man ihn schliesslich der grössten Sünden an. Dass er Schweinefleisch esse, nicht an die Unschuld des Drevfus glaube usw. Eines Tages wurde er von seiner Gemeinde aus der Synagoge geworfen und mit einer Entschädigung von 125 Franken'entlassen. Gegen diese Massregel hat nun Brauer mit einer Klage geantwortet. Er gibt an, als Rabbiner ein Einkommen von 5000 Franken bezogen zu haben und verlangt eine dementsprechende Entschädigung, die ihm erlaubt, seine acht Kinder weiter zu ernähren. Man ist auf den Ausgang dieses seit der Trennung von Staat und Kirche ersten Zivilprozesses zwischen Rabbiner und Gemeinde allgemein gespannt. G5MEINU5=ün& - VSReiNSNGUWiCBCW Wien. (Approbation.) Mittels Erlasses des Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 30. Juni d. J. wurde dem vom Israelitischen RHigionslehrer-Vcreine ,,E s r a" herausgegebenen und bereits in zweiter Auflage erschienenen Gebetbuche „S i d (1 u r Kol J a k o b, Gebete Israels für den Schulgebrauch", die A pprobation zum Gebrauche an den allgemeinen Volks- und Bürgerschulen erteilt. Lemberg. Die Jüdisch-sozialdemokratische Partei" wird hier am 15. und \(\ August ihren III. Partei- Kongress abhalten. AllCN WCLttCiieN Das jüdische Haus in Czernowitz ist bereits fertig und dürfte Ende August eröffnet werden. Es ist ein Monumentalbau, der seinem Schöpfer, Doktor Straucher, viele Ehre macht. Protestantische Konsum - Genossenschaften. In einer Konferenz der Geistlichen des Budapester reformierten Kirchenbezirkes wurde der Antrag gestellt, protestantische Konsuni-Genossenschaften zu gründen. Der Seelsorger Franz P e n t e k protestierte energisch gegen die Anwendung des Systems der Katholiken, welches den „ganz unverhüllten Zweck hat, das ungarische Judentum zu Grunde zurichten. Die Reformierten aber haben gar keine Ursache gegen die Juden ins Feld zu ziehen." Die Gründung unterblieb. Ein merkwürdiger Traum. Recht romantisch ist die Grundlage einer rabbinischen Frage (Schaaloh), die dem Oberrabbiner von Bonyhad (Ungarn) ein Amtskollege aus Russis :h-Polen, zur Entscheidung vorlegte. Der Sachverhalt ist folgender: Vor einigen Wochen starb in einer Stadt Russisch-Polens der alte Schochet der Gemeinde. Einige Tage später träumte dem Sohn des dortigen Rabbiners, dass der verstorbene Schochet an sein Bett gekommen sei und ihn zu erwürgen drohte, wenn er nicht nach dem Verstorbenen „Kaddisch" sagen werde. Deutlich hörte er, wie der Schochet ihm jedesmal zurief : „Du bist mein Sohn und hast die Pflicht, nach mir Kaddisch zu sagen!" Der Sohn des Rabbiners erzählte jedesmal den Traum seinem Vater. Dieser be-