Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 28 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. „Nette Nationäi-Zeitung" Seite Ö. schwichtigte anfangs seinen Sohn, er möge dem Traume keine Bedeutung beimessen. Nachdem sich aber der Traum zum viertenmale wiederholt hatte, Hess der Rabbiner die Witwe des Schochet zu sich rufen. Als diese vom Traume hörte, legte sie reumütig das folgende Geständnis ab: „Noch vor 30 Jahren, als ich Amme war, gab mir die Frau vRabbinerin in der Nacht ihr Kind /ai stillen. Da passierte mir im Schlafe das Unglück, dass ich ihr Kind erdrückte. In meinem Schrecken gab ich der Frau Rabbinerin mein Kind zurück und gab vor, dass das tote Kind das meinige ,sei." Nun ergibt sich die Frage, ob die Witwe glaubwürdig sei Und ob man sich auf einen Traum stützen könne. Die Rechtsfrage ist vom rabbinischen Standpunkte eine recht komplizierte. Die Entscheidung des Bony - hader Rabbiners soll bereits erflossen sein und demnächst in Druck erscheinen. Eine amerikanische Ansprache. Ein Richter des Kinder-Gerichtshofes in New-York führte vergangene Woche einen seltsamen Diskurs mit einem Judenjungen, der ihm wegen vorzeitiger Feier des „Vierten" vorgeführt wurde. (Der 4. Juli ist nämlich der Tag der Unabhängigkeitserklärung Amerikas). „Weisst du nicht, dass du den 4. Juli verspottest, wenn du vorher Raketen abfeuerst? Was hast du denn gefeiert? Nichts! Das ist Landesverrat. Du erniedrigst den Nationalfeiertag, verstehst du das? Warum sprichst du nicht? Du starrst mich nur an. Ich sehe, ich habe dein Gefühl gerührt. Ich will dich mit einem Dollar bestrafen." „Euer Gnaden," sagte der Schriftführer, „er ist erst ein paar Wochen aus Russland da. Er versteht nicht englisch." Der Richter überlegte einen Moment. „Gut," sagte er, „das Urteil bleibt aufrecht. Es muss einen Dollar wert sein, in ein Land zu kommen, wo man etwas abschiessen kann, ohne nach Sibirien geschickt zu werden." Die Gleichberechtigung in Frankreich. Mag man vom Dreyfuss-Prozesse was immer halten, es bleibt do h Tatsache, dass die Juden in Frankreich die weitgehendste Gleichberechtigung geniessen. Man vergleiche blos nachstehende Beförderungen und Auszeichnungen aus jüngster Zeit mit den tatsächlichen Verhältnissen wie sie in Deutschland oder — Oesterreich bestehen: Der Brigade-General Valabregue in Nancy wurde zum Divisions-General (Feldmarsohall-Lieutenant) befördert. Abraham Schrameck, Direktor der Gefangenhaus-Verwaltung im Ministerium des Innern, sowie M. Carcassone, Bureau-Chef bei der Zentralverwaltung des Ministeriums für öffentliche Arbeiten, erhielten die Ehrenlegion. Georg C a h e n wurde zum Sekretär des Reichsgerichtes ernannt. Zum Andenken an den jüdischen Marine- Kapitän Salomon Braun und dessen christlichen Kameraden Martin, welche beide im Jahre 1899 in Kongo als Expeditionsleiter massakriert wurden, hat die Regierung in der Heimatsgemeinde der beiden Helden, in Levallois-Perret, ein Denkmal errichtet. Bei der Feier war auch der Marine-Minister Thomson anwesend, der den Heldenmut und verzweifelten Kampf der Gefallenen gegen die hundertfache feindliche Uebermacht in bewegten Worten schilderte. Juden in dei4 deutschen Armee. Die Ordre des Kaisers Wilhelm II. an die Kommanden, wonach bei der Wahl Äi Reserve-Offizieren auf die Konfession keine Rücksicht mehr zu nehmen sei, treibt die antisemitischen Blätter in Deutschland zur Verzweiflung. Sie versuchen es nun, durch verschiedene Auslügen-Stückchen den Sinn des kaiserlichen Befehls zu verdrehen. Das dreisteste Kunststück leistet sich die agrarisch-antisemitische- ..Deutsche Tageszeitung". Sie meint: „Man kann schon zweifelhaft sein, ob die Ordre sich überhaupt auf jüdische Offiziersaspiranten beziehen soll; denn das Judentum bildet doch eine besondere Religionsgemeinschaft, während der Ausdruek ,,K o 11 f c s s i o n" nach dem klaren Sprachgebrauch nur auf die verschiedenen christlichen Bekenntnisse angewandt werden kann. Ausserdem ist bekanntlich nicht das KeHgioiisbekeimtnis, sondern die Rasse dafür ausschlaggebend gewesen, dass man in Deutschland jüdische Offiziersaspiranten im allgemeinen nicht befördert hat. Selbst nenn also der Ausdruck Konfession irrtümlich angewandt worden .sein sollte, so läge in der Ordre nicht im geringsten die Anweisung vor, von den bisher auf diesem Gebiete angewendeten Grundsätzen abzugehen." Allerdings bleibt auch noch der Erfolg der kaiserlichen Ordre abzuwarten. Wir werden ja sehen, ob das Offizierskorps bezüglich des Sohnes des Landtags-Abgeordneten, und Geheimrates Dr. Cassel, der im Mittelpunkte der ganzen Frage stein, von .seiner bisherigen Haltung abweichen wird. Josua Stampfer — gestorben. Ueber den jüngst verstorbenen Begründer der Kolonie Pesach-Tikwah veröffentlicht die ,.Allg. T. R." nachstellende Details: „Sein Leben war gross und reich an tragischen Momenten. Kr hat den Trauerkelch des ungarischen frommen Bochurs bis zur Neige geleert. Hat sich bis auf die Hau) zierschunden, um sein grosses Ideal: als freier, frommer Jehudi im Lande unserer Ahnen zu leben, der Realisierung zuzuführen. Hier haben sie über diesen Phantasten erst gelächelt; dann ihn als gefährlichen Umstürzler verschrien und als er doch konsequent bei seiner Idee: ,,In Erez-Jisroel leben und nicht in den dortigen dumpfen Kläuslein verkrüppeln zu wollen", verharrte, traf ihn wie der Blitz das so billige Apikoiresstigm.i Er musste wandern. Durchquerte den Occident, bereiste den Orient, bis es ihm endlich. Kraft sein t flammenden Begeisterung für Zion, die in den wilden Stürmen nur noch schwoll, gelungen ist. Männer zu finden, die gleich ihm ihr Alles in den Dienst der heiligen Schollen stellten und die nach Jahren einen ungeahnten Lohn für ihren Schwciss und ihre Ausdauer erzielten. Sie alle sind die Luft von Ercz- Jisroel macht weise - ehrliche, fromme, gute Jehudim. In Pessach-Tikwa wird der Chilulschabos und die Verletzi.mg jedes jüdischen Gebotes schwer geahndet. Die Kolonisten, das ist Tosua Stampfers Verdienst, stehen auf der Basis der heiligen Ueberlieferung, während seine Verwandten, das will ich hier hervorheben die gleich ihm noch im zueilen Glied einen ungarischen Gaon in dem Stammbaum führen: die Jos. kas und Tistas, die Caspars und Imres dem Judentum fast ganz abgestorben sind, l ud dafür trifft die Schuld das Golus. dessen stürmische Windrichtung verheerend auf unsere Stammbaum-Kultur wirkt. Er hat das rechtzeitig erahnt und sich in dem düftereichen Klima Erez Jisroel angebaut. Im Schatten eines Esrog baunies ruht sein Körper den ewigen Schlaf. Ueber ihm hält eine Generation Wacht, der sein Andenken heilig ist. als erster, grosser, frommer, ungarischer Jehudi, der in Erez- Jisroel unserem Namen mehr Ehre gebracht hat, als die rollenden zwei Millionen Kronen, die man jährlich für das Keulel opfert." Das Denkmal für Berthold Auerbach, für dessen Errichtung sich im vorigen Jahre ein Komitee gebildet, wird, wie nunmehr festgesetzt ist, aus einer überlebensgrossen E r z b ü s t e des Dichters bestehen, die sich auf einem Sockel aus schwarz-wäldischem Granit erheben soll. Die Mittel zur Beschaffung des Denkmals waren in bemerkenswert kurzer Zeit beisammen — hauptsächlich wohl darum, weil die Herrscher der beiden „Schwarzwaldländer", nämlich der König von Württemberg und der inzwischen verstorbene Gross herzog von Baden, sich mit namhaften Beiträgen an die Spitze der Spender stellten, um auch ihrerseits darzutun, welch' treues Andenken sie dem Dichter der ..Schwarzwaltt geschichten" bewahren. Vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren, nämlich bald nach Auerbachs Tode, hatte auf Anordnung des Grossherzogs von Baden der Bildhauer, Professor Bolz in Karlsruhe eine Porträtbüste des Dichters hergestellt, die allgemein als überaus lebensvoll und charakteristisch bezeich net wurde. Nach dieser Büste soll nun derselbe Künstler das Denkmal schaffen. Im Mai nächsten Jahres wird es in den prächtigen Kursaalanlagen in Cannstatt bei Stuttgart, gegen über der „Auerbach-Linde" aufgestellt werden. Hier, wo