Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 24 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5. durch die Intervention des Herrn v. Taussig diese Existenz erhalten bleibt, noch etwas geschehen. Wie selten passiert's im Leben, dass sich ein so grosser Mann und vielfacher Millionär wie Herr von Taussig eines armen Juden annimmt. Ich begann also ein — Interview. Es war ein schöner Tag und der Omnibus war leer. Ich schaute mich nach allen Seiten um lind wagte es dann, ganz leise, damit es der Kutscher nicht höre: „Wie viel Juden seid's Ihr denn bei der Omnibus-Gesellschaft?" Der Kondukteur wurde bald sehr redselig. Er war gar nicht ängstlich. Er antwortete ohne weiteres: — „Wir sind zirka 60 Mann!" , „Gibt es auch jüdische Kutscher oder Stallbedienstete?" — „Kutscher gibt es, ich glaube — fünf. Im Stalle waren zwei, aber sie sind davongelaufen." Nun hielt ich die Zeit für gekommen, dem Manne die frohe Botscliaft mitzuteilen. Der Mann schien mir gefasst. Nun sollte es heraus. „Gott sei dank. Jetzt kann euch Juden nichts mehr geschehen. Ihr müsst's bleiben. Wissen Sie nicht, wer sich für euch einsetzt?" Ich näherte mich dem Manne, um für alle Fälle bereit zu sein. Da hörte ich aber was Unglaubliches. Der Mann blieb ruhig stehen und sagte: — „Wir waren im Goles (Golus) und wir werden nur ein neues Goles haben." ,,?!...." — „Man wird uns übernehmen, aber in kurzer Zeit bald wieder herausbeissen. Die Seckaturen, die wir jetzt schon bei der Gesellschaft zu erleiden haben, werden noch grösser werden. Die Revisoren haben an uns immer was auszusetzen und unsere christlichen Kollegen. . . . Wir sind auf alles gefasst." * Ein christlicher Kondukteur. Tags darauf fahre ich auf derselben Strecke. Im Omnibus war zur Abwechslung ein christlicher Kondukteur. Der Wagen bbibt am Stephansplatz zu lange stehen und ich fraje den Kondukteur, warum er sich nicht beeile. „Das hängt nicht von mir ab" — erwidert er und zeigt auf den Schaffer, der mit einem Notizbüchel in der Hand die Wagen nach allen Richtungen abwinkt. Endlich setzt sich auch mein Omnibus in Bewegung. Er hat sich aas dem Gesichtskreise des Schaffers entfernt. Da meint der Kondukteur: „Was hält er uns so lange auf, der teppete Juden-Bua, der schäbige!" Und dann murmelt er vor sich hin: „Schon höchste Zeit, dass man das Gesindel hinausjagt!" L. Unsere P. T. Abonnenten werden am gefl. Zusendung der Pränameratlonsgebfihr *nlässlich des Quartalswechsels mittels der ihnen zugehenden Erlagscheine ersucht. Die Administration. „(Unsere europäischen Kritiker." Wir erhalten von Herrn Dr. Nathan Birnbaum nachstehende „Berichtigung": Geehrte Redaktion! In Nr. 28 Ihres geschätzten Blattes brachten Sie einen „Unsere europäischen Kritiker" überschriebenen Artikel, der sich mit meiner Person befasste. Ich ersuche Sie nun, mit Berufung auf § J9 des Pressgesetzes, höflichst um Aufnahhie folgender Berichtigung: Es ist nicht wahr, dass ich in meinem in der „Jüdischen Kultur" in Wien gehaltenen Vortrage „die New-Yorker Juden einer vernichtenden Kritik unterzog." Wahr ist vielmehr, dass ich die grossartige nationale Entwicklung des New-Yorker (Ost-) Judentums schilderte, aber auch die Gefahren besprach, die dieser Blüte drohen. Es ist nicht wahr, dass ich! bei dem Begrüssungsabend in Webster-Hall in New-York „Lobgesänge" hören liess, dass ich „Alles und Jedes", was ich im New-Yorker Judentum vorfand, ,,lobte". Wahr ist vielmehr, dass ich den gewaltigen Eindruck schilderte, den der jüdische Stadtteil New-Yorks mit seinem (grandiosen jüdischen Leben auf mich' machte. Es ist nicht wahr, dass ich! ,,seit jenem Abend den New-Yorker Juden noch sehr viel Honig um den Mund geschmiert habe." Wahr ist vielmehr, dass ich in allen amerikanischen Versammlungen, die der ersten in Webster-Hall folgten, wohl auch den grossartigen Eindruck[-.schilderte, den das Juden viertel von New-York auf mich machte, aber auch in mahnender Weise und ohne die geringste Beschönigung die von mir bemerkten Uebelstände kritisierte. Es -ist nicht wahr, da^s ich in meinem in der .Jüdischen Kultur" in Wien gehaltenen Vortrage die Juden in New-York als „förmlich am jRande des Abgrundes" stehend hinstellte. Vielmehr sprach' ich von der unverwüstlichen Lebenskraft des jüdischen Volkes, das selbst am Rar.de eines Abgrundes ein so starkes nationales Leben aufzubauen vermochte. Es ist nicht wahr, dass ich das New-Yorker Judentum als „vor der Auflösung" befindlich hinstellte. Wohl sprach ich von der grossen Gefahr, in der es sich infolge der sogenannten Amerikanir sierung befindet, aber ich sprach auch die Hoffnung aus, dass es diese Gefahr überstehen werde, und ich gab auch meine Gründe für diese Hoffnung an. Es ist nicht wahr, dass ich in den Augen der amerikanisch-jüdischen Jugend „plötzlich" „nichts als Wildheit" bemerkte. Wahr ist vielmehr, dass ich meine Ansichten über die sozusagen amerikanisierte jüdische Jugend Amerikas in allen amerikanischen Versammlungen mit ebensolcher Schärfe und ebenso drastisch wie im Wiener Vortrage, und gewöhnlich auch unter der stürmischesten Zustimmung der Zuhörer, zum Ausdruck brachte. Es ist nicht wahr, dass ich vom „polirischen Radikalismus" sprach, der geradezu unerträglich wirkt. Ich sprach vielmehr von! einer Art unerträglichen Radikalismus, der sich bei allen Parteien finde. Und ich habe diesen Radikalismus in gar keiner Beziehung zu den „nationalen Schöpfungen" oder zu den Pflegestätten des jüdischen Volkstums gebracht. Es ist nicht wahr, dass ich sagte: „Eines ist gewiss, von den amerikanischen Juden können die europäischen, nichts erwarten." Vielmehr sagte ich,