Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 23 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. j,Neüe Nätibhäl-Zeitüng1" Nr. 30. ztim Besuche der Wiener Handels-Akademie zu nehmen : man lässt sie einfach nicht aufsteigen. Der Entdecker dieses Kolumbus-Eis heisst Professor Doktor Hans Pischek. * Vor wenigen Wochen durchlief eine ganz kurze Notiz die Tagesblätter, welche in ihrer dürrer Knappheit lautete. : „Der 17 jährige Siegfried Schwar 1, Hörer der Handels-Akademie, II., Tempelgasse 6, hat sich heute (6. Juri) in seiner Wohnung erschossen. Schlechte Fortgangsnoten sollen Ursache des Selbstmordes gewesen sein." Man sollte diesen wenigen Zeilen die Tragik nicht anerkennen, welche ihnen innewohnt; aber jetzt, da der erste betäubende Schmerz über ein junges, von eigener Hand abgeschlossenes Menschenleben gewichen, wollen wir an der Hand beglaubigter Daten diesem „Falle" näher treten. Siegfried Schwarz, der einzige von brennendem Ehrgeiz erfüllte Sohn einer sehr begüterten Witwe, war einer äusserst zärtlichen, sorgsamen Erziehung teilhaftig. Er war trotz seiner Jugend von ernstem Streben geleitet, von der Mutterhand betreut, von tüchtigen Lehrern geistig gestützt, von seiner Umgebung innig geliebt, von seinen Bekannten überaus geschätzt. . . . Allein die Voreingenommenheit des Ordinarius an der Handels-Akademie, das war der Wall, den der junge Selbstmörder zu durchbrechen nicht vermochte, und diese Antipathie war der Riff, an dem sein 17 jähriges Lebensschiff scheitern sollte. Von dieser Antipathie legten mehrfache Aeusserungen Zeugnis ab, die des jungen Studierenden Anlagen anerkennend — es dennoch mit augenfälligem Hasse betonten, dass er unbedingt fallen müsse. Da war der Mutter Herz verbittert, mehr noch das Gemüt des bedauernswerten Hörers, oder Hörigen der Akademie; der Schlag traf den ehrgeizigen Jungen tötlich und in Abwesenheit seiner Mutter am Vorabende des lieblichen Festes ,,Schebuoth" jagte er mit sicherer Hand sich die tötliche Kugel mitten ins Herz. Noch einer also, den didaktische Engherzigkeit und den trotz aller Erleichterungsbestrebungen unserer Unterrichtsverwaltung der unermüdete pedantische >Drill vernichteten. Die am 9. v. M. stattgehabte Bestattung gestaltete sich zu einer erschütterten Trauermanifestation. Hunderte von schmerzbewegten Teilnehmern, Kollegen des Toten — aber keineinzigerder zwei Dutzende von den Professoren — scharten sich um den Sarg des freiwillig aus dem Leben geschiedenen jungen Helden, Der als Redner bekannte Professor Nasch^r fasste in bewegten Worten das Leid der Mutter, den Schmerz der Geschwister und die ganze Tragik des Falles zusammen. Das ist die Geschichte vom Selbstmorde des Siegfried Schwarz, des jungen Opfers der Strömung unserer Zeit, dessen Fortgai;gsnoten bessere gewesen wären, hätte der Zufall ihn nicht zum Sohne einer jüdischen Witwe gemacht.' . . . * Der Klassenvorstarid Prof. Dr. Pischek, der dem Verstorbenen mit den Worten: „Und ,wenn Sie sich auch dreimal bessern, so lasse ich Sie dennoch nicht aufsteigen", schonungslos das Todesurteil verkündete, hat sich nach dem Tode seines Opfers entschlossen, an die gebeugte, trostlose Mutter folgenden Brief zu schreiben: Wien, 8./6. 1908. Sehr geehrte gnädige Frau! Mit tiefstem Entsetzen habe ich aus den Blättern erfahren, dass Ihr Sohn Siegfried, Schüler unserer Anstalt, aus dem Leben geschieden ist. Sollte es sich bewahrheiten, dass der schlechte Fortgang in der Schule die Ursache feines unseligen Schrittes war, so ist es umso tiefer zu beklagen, als noch im Februar d. J. die Leistungen ganz günstige waren und zu den besten Hoffnungen berechtigten. Ich vermag nicht anzugeben, welche Umstände diese plötzliche Wandlung hervorgerufen haben. Ich bitte Sie, in diesen kummervollen Stunden mein tiefstgefühltes Beileid entgegenzunehmen von Ihrem ganz ergebenen Prof. Dr. Hans Pischek m, p. Abteilungsvorstand der I E. * Nim ihr jüdischen Eltern von weit und breit, sendet euere Söhne an die Wiener Handels-Akademie, zu den Pischek's und Genossen. Ihr liefert's statistisches Material der „Reichspost" und menschliche Opfer dem — Zentralfriedhof. Argus. |in Qmnibus. Theodor von Taussig als Wohltäter . . , 4 Angesichts der bevorstehenden Verstadtlichung der Wiener Omnibus-Gesellschaft entsteht für deren jüdische Angestellte die bange Sorge, ob angesichts der antisemitischen Gesinnung des Gemeinderates auch sie übernommen werden. Im Interesse dieser armen Leute haben sich daher die Abgeordneten Dr. Straucher und Doktor Mahl er an Herrn Theodor v. Taussig, als den Finanzier der Kommune, brieflich] mit der Bitte gewendet, seinen grossen Einfluss beim Wiener Magistrate dafür einzusetzen, dass die jüdischen Omnibus - Angestellten nicht aufs Pflaster geworfen werden. Herr v. Taussig hat diesen Brief beantwortet und erklärt, er habe darüber bereits mit dem Magistrats-Direktor Dr. W e i s s k i r chn e r gesprochen. Die jüdischen Angestellten der Omnibus-Ge - Seilschaft dürfen also dem Zustandekommen der Verstadtlichung ruhig entgegensehen. * Ein jüdischer Kondukteur. Als ich jüngst vom Siephansplatz mit dem Omnibus nach Hause fuhr, beschloss ich, diese frohe Botschaft dem jüdischen Kondukteur mitzuteilen. Ich wollte aber nicht sofort mit der Nachricht heraus. Der Kondukteur ist ein alter Mann, seit mehr als zwanzig Jahren steht er im Dienste der Gesellschaft und fährt mit demselben kreischenden Kasten. Vierzehn bis sechszehn, manchmal auch achtzehn Stunden sind sein täglicher Dienst. Sein Taglohn beträgt 2 Kronen 30 Heller, nach Abzug der Krankenkasse 2 K 26 h. Davon soll er selbst leben, Frau und Kinder ernähren. An hohen Feiertagen, oder wenn er sonst einen Ruhetag haben will, bekommt er keinen Lohn. Die Trinkgelder sind seit jüngster Zeit, da der Omnibus-Tarif gesteigert wurde, rapid zurückgegangen. Es ist aber dennoch eine Existenz. Ich fürchtete, dem alten Mann könnte vor Freude, dass ihm