Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-07-24 · Heft 30 (24.7.1908) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
Seite 21 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425752--0923-2427243
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2. Nr. 30. schatt zu eröffnen; seine Aufgabe wäre es, jenes politische Zentruni für die Juden in Oesterreich zu bil den. das bisher jeder jüdische Staatsbürger, von Bregenz bis Itzkany, so schmerzlich vermisst. Dazu gehören aber Arbeit. Hingebung, geistige Anstrengung und jenes Mass von Selbstlosigkeit, das den nationalen Kämpfer vom politischen Streber unterscheidet. Die Herren des Jüdischen Klubs sind aber von allem Anfang darauf bedacht, mehr ihre Person als die Sache in den Vordergrund zu stellen. Sie haben von vornherein auf die Mitarbeitrrschafl national gleichgesinnter und pohtiseh besser geschulter Männer verzichtet, weil sie gefürchtet haben, dadurch in den Schaden gestellt zu werden. Sie haben ihre ganze Kraft erschöpft in der Zusammenstellung von Interpellationen und Paria mentsreden, weil man dadurch rascher in den Vordergrund tritt. Organisatorische und programmatische Arbeit haben sie nicht geleistet. Wenn etwa jemand neugierig wäre, das Programm dieses Klubs kennen zu lernen, so würde seine Neugierde gar nicht befriedigt werden. Denn der Klub hat noch keine Zeit gehabt, sein Programm auszuarbeiten: seine wirtschaftlichen Anschauungen sind niemandem bekannt, am aller wenigsten die Mittel und Wege, die er einzuschlagen gedenkt, um das wirtschaftliche Massenelend der galizischen Judenschafl zu sanieren. * Noch ist es Zeit! Das parlamentarische Regime unserer Monarchie bedingt es, dass die politische Stellung der jüdischen Bevölkerung von der jeweiligen parlamentarischen Konstellation abhängig ist. Je mächtiger die antisemitischen, und je ängstlicher die „liberalen" Parteien, umso „vorsichtiger" die Haltung der Regierung und prekärer die Lage der Juden. Deshalb hat die gesamte Judenschaft Oesterreichs ein starkes Interesse an dem Bestand eines jüdisch-parlamentarischen Klubs. Gemeinde - bund und Hilfsverein sind ohnmächtig, wenn sie sich nicht auf eine jüdisch-parlamentarische Organisation als ihre politische Wortführerin stützen können. Das mögen die Herren vom Jüdischen Klub und die Führer unserer Gemeinden bedenken. Die Parlamentsferien haben begonnen. Es wäre Zeit das Versäumte nachzuholen. Dr. S. R. Landau. Dr. MAJER BALABAN: Die historischen ßcnl<niälcp dep Duden in f)olen. (Eli Vorwort zur Jüdischen Kunstgeschichte In Polen.1) Seit 900 Jahren leben die Juden auf diesem Boden; durch 900 Jahre teilen sie mit den anderen Einwohnern Freud und Leid. Kein Wunder, wenn wir nach so einem Zeitraum hinter uns blicken und fragen: Welche Kunstdenkmäler werden einst den zukünftigen Generationen vom Leben der Juden Zeugnis ablegen? WTas hinterlassen sie denn Dauerndes ihren Nachkommen? Welche Werke der Kunst haben sie als Produkte einer gemeinsamen 1. Die Akademie der Wissenschaften in Krakau hat vom Autor die Abfassung einer Geschichte der jüdischen Kunst in Polen für die uissenscliaf fliehe Enzyklopädie (polnisch) yerlangt. Aus Versuchen und Skizzen ist obiges Vor- ATOrt entstanden. Kultur auf diesem Hoden geschaffen, den sie seit soviel Generationen bewohnen? Es jst für den Forscher sehr schwer darauf erschöpfend zu antworten, l'olcn ist kein ellenbreites Land, sondern ein mächtiges Gebiet, dass sich von einem Meer zum anderen ausdehnt, das in Bezirke und Gebiete zerteilt und das seit hundert Jahren in drei Teile zerschnu ten ist. Jede der drei Mächte hat ihrem Teil eine andere Kultur aufbürden wollen; jede war bemüht mit einor fremden eisernen Schichte dir /arten Schöpfungen des heimischen Geistes zu erdrücken. Wenn w ir dalnv dieses Thema nur oberflächlich berühren, so können wir dies nur insoweit tun, als uns die historischen Quellen zugänglich sind und die Kunstdenkmalc-- sich bis heute erhalten haben. Eine solche Arbeit kann daher auf Vollständigkeit keinen An^pruch erheben. I. Was verstehen wir unter jüdischer Kunst? Nach einer allgemeinen Kegel verstehen wir unter einem Produkte jüdischer Kunst einen von einem Juden geschaffenen Gegenstand, der sämtliche Merkmale jüdischer Individualität an sich trägt. Hiehergehören Gegenstände für den Synagogendienst, Friedhof - Denkmäler sofern sie nicht eine Nachahmung der anderen Richtungen in der Kunst sind, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Leuchter, Manuskripte, ja selbst die Synagogen oder ihre Bestandteile. Zwei Hindernisse standen jedoch der Entwicklung der jüdischen Kunst und der jüdisch-polnischen Kunst insbesondere im Wege. Es ist dies zuerst das Verbot der heiligen Schrift: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder das, das oben im Himmel, noch das, das unten auf Erden, oder das, das im Wasser unter der Erde ist." Das zweite Hindernis bildete die mittelalterliche Zunftordnung, welche die Juden von der Teilnahme an den gewerblichen Zünften ausschloss und sie damit an der gründlich;n Erlernung und der Ausübung der Gewerbe hinderte. Da in den früheren Jahrhunderten die Kunst fast ausschliesslich einen religiösen Charakter hatte, so hat das Verbot der heiligen Schrift die Aus - Übung der Malerei und der Skulptur unmöglich gemacht. Lediglich die spanischen und portugiesischen Juden haben dieses Verbot verletzt und sich der figuralen Ornamentik zugewendet. Die Ueberreste dieser Kunst treffen wir noch auf den Friedhofs - Denkmälern der luden in Altona. Dorthin haben sich nämlich sehr viele Flüchtlinge von der Pyrenäischen Halbinsel begeben. Die polnische Zunftordnung, welche die Juden von den Zünften ausgeschlossen hat, wm .le in Lemberg vom König Sigismund III. mit Dekret vom 20. Juli 16292) bestätigt und damit wurden auch die Institutionen der Gewerbetreibenden ausserhalb der Zünfte, die sogenannten ,,Stümper", die von den Zünften verfolgt wurden, sanktioniert.3) Es ist klar, dass sich eine solche Winkelkunst nicht entwickeln konnte und es verbleibt daher das jüdische Handwerk auf sehr niedriger Stufe, wiewohl sich gegen Ende des 17. und 2. Balaban: Die Lemberger Juden im XVI. und XVII. Jahrhundert. Seite 435—7. (Polnisch.) 3. Bostel Ferdinand: Beiträge zur Geschichte der Lemberger Goldschmiedekunst im XVI. und XVII. Jahrhundert in den Berichten der Kommission für Kunstgeschichte der Akademie der Wissenschaften in Krakau. Band V (polnisch).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.