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Neue Nationalzeitung · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 29. „Neue National-Zeitung" Seite 11. "peuillefon. JEAN PAUL d'ARDESOHAH: as jüdische fplieatcF in Russland. Wer eine Zeitlang im Hochsommer in Warschau, dieser eigenartigen Stadt, geweilt hat, die gleichsam der letzte Vorposten Europas ist in einer schon ganz fremd anmutenden Welt, der wird auch die Warschauer Sommertheater einmal gesehen haben. Sie sind neben den ausserhalb der Stadt in hochumzäunten Gärten gelegenen Häuschen, neben den zwei ziemlich kahl ansehenden Konzertgärten, von denen einer jahraus jahrein von einer deutschen Musikkapelle, der andere von einer polnischen Bauernkapelle besetzt ist, das einzige, was die Stadt an Abendunterhaltungen bietet. Die kleinen, in den Schatten uralter Bäume gebetteten Landhäuser sind eigentlich nur für die reichen Prasser da. Das sind anspruchsvolle, für den Geschmack eines Westeuropäers aber dennoch ziemlich primitive Restaurants mit diskreter Nachtmusik, deren unverschämte Preise hier kein Mensch zahlen würde. Die Abendkonzerte in den beiden Konzertgärten sind für das •ernstere Publikum. Die Sommertheater, deren es eine Anzahl gibt, — für die Strasse. Man besucht sie meistens im Vorbeigehen, auf einige Augenblicke, um ein Glas Bier zu trinken, einen Freund zu treffen, sich nach Bekannten umzusehen. Ein bunt zusammengewürfeltes, auf- und abflutendes Publikum füllt den Zuschauerraum — einen mit \Stühlen, Bänken und Tischen gefüllten Hintergarten. Die Bühne türmt sich an der kahlen grauen Mauer einer Mietskaserne empor, und über den Wipfeln der Bäume kann man geradezu in die Fenster der umliegenden Etagenwohnungen sehen. Man redet durcheinander, ruft, bestellt sein Abendessen, begrüsst sich — auf die Bühne achten nur wenige. In solchen Theatern kann man zum ersten Male jüdische Dramen sehen. Es sind vielleicht insofern noch nicht ganz echte jüdische Dramen, weil sie, obgleich sie ausschliesslich das Leben der russischen oder polnischen Ghettos schildern, nicht von Juden, sondern von polnischen Schriftstellern geschrieben sind; oft selbst von namhaften, wie Gabriela Zapolska oder Theodor Jeskc-Choinski. Der Pole zeigt ein reges Interesse für seine jüdischen Mitbürger, was bei dem grossen Prozentsatz, der in ganz Westrussland die jüdische Bevölkerung ausmacht, durchaus erklärlich ist. Obgleich er ebenso wie der Russe von diesem Volks - stamme auch noch dur:h die Mauer einer ihm unverständlichen Sprache — durch den jüdischen Jargon — getrennt ist, so versucht (er trotzdem, so gut es geht, in das Gefühlsleben dieser fremden Welt, zu der er in so vielfachen Beziehungen steht, einzudringen. Es gelingt ihm auch zuweilen ganz gut. Diese von Polen geschriebenen jüdischen Dramen sind überaus interessant. Die ganze Art dieser szenischen Verkörperungen, die grotesken, überreizten Gesten, das groteske Milieu undiKostüm werden selbst einen Zuschauer fesseln, der die Sprache nicht versteht. Unvergesslich bleibt im Jojne Firulkes der Typus eines jüdischen Don iQuixote, den ich in einer solchen Theatervorstellung zuerst kennen gelernt habe. Jojne Firulkes*) ist der .kränkliche, kraftlose Idealist, mit einem Pergamentteint und grossen scheuen Rehaugen, mitten in einer,Welt der brutalsten Rücksichtslosigkeiten, die durch die schrecklichen sozialen VerliäJtnisse, in denen das jüdische Proletariat in Russland zu leben gezwungen ist, zum äussersten gesteigert werden. Er scheint so schwach und wehrlos, dass seine Niederlage \ von vornherein eine Selbstverständlichkeit ist. Die Welt, in der er steht, ist durch Elend, Verachtung gefühllos und hart gc\v;>; len. Wie sich Liebe in diese Umgebung des, verzweifelten, alles verschlingenden Kampfes ums Dasein verirrt, erscheint fast rätselhaft. Wie ein Hamletgespenst taucht sie a.uf. Jojne ist die Verkörperung dieser Liebe — rein blasser, hilfloser, dem Hass und der Grausamkeit .ausgesetzter Märtyrer. Er unterliegt, aber eine Aureole steigt aus diesem leidvollen Menschenschicksal und schimmert still und ungetrübt in die Dunkelheit der hoffnungslosen, grenzenlos traurigen, erniedrigten Welt. Dieser Jojne Firulkes ist fast wie ein Symbol der verkümmerten Seele jener 3—4 Millionen jüdischen Proletariats, die nur dem Namen nach russisches Bürgerrecht besitzen, die schutzlos in Hass, Verachtung und Schmurz um ihr bisschen Leben und um ihr bisschen Lieben kämpfen müssen. Wie kann die Literatur einer solchen Menschengemeinschaft sein? Schon die Sprache selbst, ein aus hebräischen und deutschen Brocken zusammengesetztes Gemisch, ist eigentlich eine dem Tode geweihte Sprache, eher dazu besLimmt, das Gröbste, Not - wendigste auszudrücken, als tiefere Gedanken. Und dennoch gibt es Schriftsteller, plie in dieser Sprache schreiben. Die Gesamtliteratur des Jargons ist freilich nicht allzu reich an Werken. Zur Charakteristik wird es genügen, wenn gesagt wird, dass man sie, d. h. also alle belletristischen, wissenschaftlichen und belehrenden Werke, die für diese 3—4 Millionen sich ausschliesslich des jüdischen Jargons bedienenden Menschen geschrieben worden sind, für den Preis von zirka 200 Mark kaufen kann. Darunter befinden sich 89 Bände im Preise von über 40 Pfennig pro Band, 37 im Preise von über 1 Mark, mehr aber als einen Rubel kosten nur die Gesamtausgaben der berühmtesten Jargonschriftsteller, ein paar dickleibige Romane und literarische Jahrbücher, die sich zusammen auf 45 Bände belaufen. Trotz dieser grossen Billigkeit der einzelnen Werke gibt es weder Privatsammlungen, noch Bibliotheken, in denen diese Bücher zu haben wären. \ Auch die Jargonpresse hat es nicht viel besser. Im ganzen gibt es 7 jüdische Jargonzeitungen und -Zeitschriften im russischen Reiche, von denen 4 in Russisch-Polen und 3 in Russland erscheinen. Diese Zeitschriften sind ebenfalls sehr billig. Das in Polen erscheinende „Jüdische Tageblatt" *) So beisst der Held eines von Gabriela Zapolska verfassten gleichnamigen Dramas, welches an den grössten polnischen Bühnen mit Erfolg aufgeführt wurde. Anm. d. Red.

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