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Neue Nationalzeitung · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Saite 12 Nr. 29 und die „Lodzer Nachrichten" kosten 2 Pfennig, „U nser Leben" 4 Pfennig pro Stück. Nur der Preis für eine illustrierte Wochenschrift, die einzige in Jargonsprache in Russland, beträgt zirka 15 Pfennig pro Heft. Etwas besserer Verhältnisse erfreut sich die jüdische Jargonpresse in Rursland selbst. Die in Petersburg erscheinende Zeitung „Der Frajnd" kostet 6 Pfennig pro Nummer, muss aber mit bedeutenden Subventionen rechnen, die aus dem früher ersparten Fonds geschöpft werden, als diese Zeitung noch das einzige alltäglich erscheinende Jargonblatt in Russland war. Die in Wilna herausgegebene Wochenschrift „Das Jüdische Volk", das offizielle Organ der russischen Zionisten, wird vom (Zionistenbunde unterstützt, erscheint aber trotzdem äusserst unregelmässig, da es sich in ununterbrochenen Geldnöten befindet. Eine bedeutend wichtigere Rolle spielt das Theater. Das jüdische J&rgontheater ist eigentlich erst neueren Datums: Es wurde im Jahre 1876 gegründet, und zwar in Rumänien, im 'Lande der frühesten Judenverfolgungen. Der Begründer Abraham Goldfaden eröffnete es in seinen Jahrmarktbudenvorstellungen in dem sog. Balagan. Die Schau - spieler dieses Theaters waren auf der 'Strasse aufgelesene Burschen, Zündhölzchenverkäufer, aus der Lehre gejagte Lehr jungen; Da sich für das Theater keine Mädchen gewinnen Hessen, so wurden auch die Frauenrollen von diesen Burschen gespielt. Goldfaden, selbst ein Mann von nicht geringem Talent und grosser Tatkraft, war die Seele des Unternehmens. Er erfüllte die vielfältigen Pf hebten eines Theaterdirektors, Instrukteurs, Regisseurs, warb neue Kräfte für sein Theater, schrieb neue Stücke und trat sogar auf, wenn es galt, ein fehlendes Mitglied zu ersetzen. So schwer die Tage war, in der sich das Unternehmen befand, so feindlich sich dieser Gründung selbst die jüdische Presse und öffentliche Meinung verhielten, gelang es dem unermüdlichen Direktor doch, sich durchzusetzen. Eine Wendling zum Besseren trat hauptsächlich ein, als Goldfaden nach Beendigung des russisch-türkischen Krieges (im Jahre 1878), mit seinem neuen Theater nach Odessa übersiedelte. Hier schienen selbst Aussichten auf reichlichen Gewinn zu winken, als schon nach wenigen Jahren der Tätigkeit Goldfadens in Ode^a das ministerielle Verbot gegen die jüdischen Jargontheater, deren Zahl sich, durch die Erfolge Goldfadens ermutigt, rasch vermehrt hatte, der Sache cm jähes Ende bereitete. Eine Zeitlang fristeten noch einzelne Truppen als deutsche Theater ihr Dasein, viele gingen ein und der Rest wanderte nach Amerika aus, von wo er erst im Jahre 1905 nach dem Novembermanifest des Zaren nach Russland zurückkehrte. Besonders hoch wird man die erzieherische Wirkung dieser Musentempel natürlich nicht veranschlagen können. Das Repertoire ist nicht!sehr reichhaltig und im grossen und ganzen ziemlich wertlos. Man darf nicht vergessen, dass es die Wünsche und den Geschmack der niedrigsten, ungebildeten jüdischen Volksschichten befriedigen soll. Das bessere jüdische Publikum, das zuerst die Jargonvorstellungen aus Neugierde, dann zum Spass -besuchte,— blieb immer mehr aus, und selbst in Städten, wo heute ein ständiges jüdisches Theater spielt,; wie z. B. in Warschau, Lodz. Odessa,, Wilna, ziehen es die gebildeten Juden, die bekanntlich zu den eifrigsten Theaterbesuchern zählen, vor, ein polnisches oder russisches Theater zu besuchen. Die Jargontheater aber spielen vor dem ärmsten j,Volke und — vor leeren Bänken. 1 Das Los dieser jüdischen Theatertruppen ist ebenso trostlos, wie das der Jargonschriftsteller. Sie leben in beständigem Elend, dem Verhungern inahe,. ohne jegliche Anerkennung oder Beachtung. Wenn eine solche Theatertruppe die Stadt verlassen will,, in der sie Vorstellungen gegeben hat, muss sie sich erst das Reisegeld zusammenbetteln. Trotz diesem äussersten Elend hat die jüdische Jargonliteratur dennoch einige Blüten getrieben, die nicht ohne Anmut und Schönheit sind. Gewiss sind (die beliebtesten Theaterstücke des Jargons, wie z. B. die zahlreichen dramatischen Werke von Schöner, dem Schöpfer einer endlosen Reihe von vorgeblich höchst interessanten Romanen, erbärmlichster Schund, der selbst unsere schlechtesten Schauerromane noch übertrifft; um so überraschender wirkt das Güte. Der bedeutendste dramatische Schriftsteller der Jargon - literatur ist Jakob G o r d i n, der von seinen Glaubensgenossen zum „jüdischen Shakespeare" ausgerufen wurde. Er hat neben dem erblindeten, grössten jüdischen Jargondicht^r Morris Rosenfeld derr eisernen Bestand der Järgonliteratur geschaffen. Künstlerisch geschlossener als die Werke des talentvollen, aber zuchtlosen Gordin, der neben dem Besseren auch recht viel Schlechtes geschrieben hat,, sind die Dramen von Schalom Asch, dessen Ruhm selbst vor kurzem nach Deutschland gedrungen ist. Eins seiner Dramen „D e r Go 11 d e r ,R a che", dessen Verdeutschung im S. Fischerschen Verlage in Berlin erschienen ist und von Reinhardt in Szene gesetzt wurde, ist trotz allem, was die Kritik dagegen zu sagen hatte, das unverkennbare Werk eines Dichters. Die Welt, die Schalom Asch enthüllt, ist die der untersten jüdischen Bevölkerungsschichten in Russland — ein Thema, das igleich ihm alle anderen jüdischen Jargonschriftsteller mit Vorliebe behandeln. Schalom Asch wählt aus dieser vWelt Motive, die in ihrer Gewagtheit an die Vorwürfe Maxim Gorkis erinnern. Er behandelt sie aber > durchaus eigenartig, mit einer zuweilen echt orientalisch anmutenden Glut, die in einzelnen Szenen des Dramas „Der Gott der Rache" z. B., hauptsächlich in der Liebesszene zwischen Manjka, einem „gefallenen" Mädchen aus dem „Geschäft" von Jankel Schepschowitsch und Rowdele, seiner blutjungen, schönen Tochter an alttestamentarische Liebeslieder erinnert. Alttestamentarisch ist übrigens auch der Grund - gedanke des Dramas. Schalom Asch kann aber auch Stimmungen schaffen, die uns wie Poesien wiegen. Eine solche Szene, vielleicht die schönste im Drama „Der Gott der Rache", ist die Mairegenszene im „Geschäft" von Jankel Schepschowitsch, in der .sich das verrufene Haus auf einige Augenblicke in ein wunderbar getöntes Frühlingsidyll verwandelt. So strebt selbst ein armer, geschundener Strauch am Wege, so kahl und dornig er1 dasteht, seine Blüten zu treiben. Auch er mochte In Prunk und Schönheit prangen. Mögen seine Blüten auch poch so leidend blass sein, wie das bleiche (Pergamentgesicht -des armen Jojne Firulkes. Es sind ßlumen — Zeugnisse des allerobernden Dranges nach Liebe.

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