Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. „Neüe Natiohäl-Zeittmg" Nr. 2.3. niger aus Leidenschaft, sondern aus Frivolität und Gesinnungslosigkeit. Wie vor mehr als vier Jahren in diesen Blättern nachgewiesen worden, liefern in Wien das weitaus grösste Kontingent jüdischer Täuflinge nicht etwa die ökonomisch abhängigen Stände, sondern die F i n a n z w e 11, der grösste Kaufmannsstand, die Hausbesitzerklasse, kurz alle jene, ,,die es nicht nötig haben", die nicht der Not gehorchen. In Galizien ist ein Getaufter in der Familie ein Schandfleck auf deren Ehre. In Wien ist man stolz auf ihn, man brüstet sich mit ihm. Junge Leute aus „guten" Häusern sprechen i von der Taufe wie von einem Ausflug nach dem Semmering, Getaufte verkehren ungehindert in jüdischen Familien, besonders wo ,,mitgiftige" Töchter zu holen sind, und tragen so das Kontagium «weiter. Die Christen wissen natürlich ganz genau, was von dem sittlichen WTert und dem Ernst dieser Taufen zu halten ist. Man muss sich unwillkürlich fragen: wie mag wohl der Boden beschaffen isein, dem solche Früchte entspriessen? Und was soll man von den „Hütern des Weingartens" denken, denen die Wartung und Pflege dieses Bodens anvertraut ,war? Es ist gewiss unrecht, jemanden für die «Handlungsweise seiner Nachkommen ohne weiters verantwortlich zu machen; aber für das Betragen und ydie Führung einer ganzen Generation darf und muss (ihre Vorgängerin, Erzieherin und Erblasserin, zur Verantwortung gezogen werden. Daher werden alle, (die seit einem Menschenalter die geistigen Lenker (der ersten jüdischen Gemeinde Oesterreichs gewesen, für die Apostasie der jetzigen Generation vor dem Richterstuhl der Geschichte Rechenschaft ablegen müssen. Ich fürchte, das Urteil wird nicht günstig sein. PARLAMENT. Die antisemitische Bewegung in der Bukowina. Aus dem Artikel des Herrn Dr. Mayer Ebner haben unsere Leser den Stand der antisemitischen Bewegung im äussersten Osten unserer Monarchie erfahren. Der Verfasser hat auf die Gefahr aufmerksam gemacht und die Führer der Bukowinaer Judenschaff aufgefordert, endlich einmal einzuschreiten. Dieser Appell ist nicht ohne Erfolg geblieben. In der Sitzung des Parlamentes vom 15 d. M. haben Abg. Dr. Straucher und Gen. an den Ministerpräsidenten eine Interpellation gerichtet. In derselben wird ausgeführt, dass, seitdem Dr. Gess mann Mitglied des Kabinetts geworden sei, in der Bukowina organisierte j ud en f e in d 1 i c h e Parteien entstanden seien, die unverkennbar unter der Patronanz des genannten Ministers stehen. Die Organe der antisemitischen Parteien im Lande geHeren sich als 1 Organe eines Ministers und wirken auf gewisse offizielle Kreise dadurch geradezu einschüchternd. Die genannten Blätter enthalten in jeder Nummer die wütendsten und unerhörtesten Beschuldigungen der Juden, predigen den wirtschaftlichen und sozialen Boykott und fordern zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung auf. Eine solche gewissenlose Agitation könne nur die bösesten Früchte zeitigen. Es sei unerhört, dass in einem modernen Rechtsstaat ein Mitglied der Regierung Parteien offenkundig favorisiert, die derartige Tendenzen verfolgen. Die Interpellanten fragen, ob der Ministerpräsident veranlassen wolle, dass der Minister Dr. Gessmann seine Tätigkeit in der bisher ruhigen Bukowina einstelle. Wir wollen die Bedeutung einer Interpellation nicht überschätzen. Allein es scheint, dass sich die Juden in Bukowina und ihre Führer endlich zu rühren anfangen, nachdem sie es bisher ruhig zugesehen haben, dass sie geradezu eingekreist wurden. Bei der Interpellation allein darf man es aber nicht bewenden lassen. Die christlich-soziale Bewegung in den kleinen Städtchen und im Gebirge Bukowinas hat Dimensionen angenommen, dass sie nur durch eine organisierte Abwehr zurückgewiesen werden kann. Mögen die berufenen Faktoren daran denken. * * * Abgeordneter Dr. K o I i s c h e r von Kolomea hat es abgelehnt, diese Interpellation mitzufertigen. Wie man in den Couloirs hört, beabsichtigt Minister Dr. Gessmann nach Schluss des Parlamentes eine Reise nach Bukowina zu unternehmen... fCORReSPONDeNZCN 9estOTeich>(&|itgai*fl. Der HiJfsverein für Galizien. Wien, den 15. Juli. (Orig.-Korr.) Der Hillsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien versendet im Anschlüsse zum Geschäftsbericht pro 1907 einen kurzen Bericht über seine Tätigkeit im laufenden Jahre. Nach einer kurzen Schilderung des Umfanges der Arbeiten in den verschiedenen vom Hilfsvereine betriebenen Industrien wird unter der Rubrik „Sonstiges" nachstehendes ausgeführt. Sozial-ethische Aktion. Im Laufe dieses Jahres haben wir uns auch eingehend mit der Frage beschäftigt, wie unsere Tätigkeit, die bisher in erstefr Reihe darauf gerichtet war, „die materielle Lage der Juden in Galizien zu verbessern", dahin ausgedehnt werden könnte, „das Kulturniveau dieser Juden nach Möglichkeit zu heben", um auf diese Weise auch die andere, im § 1 unserer Statuten als Zweck des Hilfsvereines angegebene Richtung unserer Tätigkeit intensiver zu pflegen. Wir sind im Begriffe, eine Anzahl Gutachten darüber einzuholen, durch welche Veranstaltungen die Hebung des Kulturniveaus herbeigeführt werden könnte, um sodann ein Programm für diese Tätigkeit auszuarbeiten. Wie wir hören, wird vom Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin im Laufe des Herbstes eine Konferenz zusammenberufen werden, die aus Oesterreichern und Deutschen bestehen und sich ebenfalls mit der Aufstellung eines Programmes für diese Aktion befassen soll. Organisation. In Durchführung des § 21 unserer Statuten hat die Yereinsleitung Veranlassung getroffen, dass in Lemberg und Krakau aus der Mitte der dort wohnhaften Vereinsmitglieder je ein Beirat bestellt werde. Diesen Beiräten wird Gelegenheit gegeben werden, sich über wichtigere Vereinsangelegenheiten, insbesondere über solche von grundsätzlicher Bedeutung, zu äussern. Sie können auch Initiativ-Anträge stellen und Anregungen geben. Da in Wien mehrere Körperschaften etc. bestehen, deren Wirksamkeit darauf gerichtet ist, Juden in Galizien kulturell zu fördern (Galizischer Hilfsverein, Isr. Allianz, Baron Hirschstiftung, Vertretung der I. C. A.) ohne dass diese Körperschaften mit einander bisher in regelmässiger Verbindung standen, wurde von uns die Anregung gegeben, durch zeitweilige Konferenzen der Sekretäre dieser Körperschaften eine solche Verbindung herzustellen, eine Anregung, die überall günstig aufgenommen wurde und demnächst verwirklicht werden wird. Wir entnehmen dieser wichtigen Eröffnung den Entschluss des Vereines, den galizischen Juden nicht nur wirtschaftliche Hilfe angedeihen zu lassen, sondern sie auch mit den Segnungen der westeuropäischen Kultur bekannt zu machen. Vielleicht möchte sich der Verein diese Arbeit doch lieber ersparen!