Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425751--0913-2427232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 29. „Neue National-Zeirung" Seite 5. mehr, wieviel er gerade braucht, erhalten zu können. Die Darlehensnehmer unterhalten nicht allein diese Kassen, überall, selbst in den kleinsten Marktflecken, gibt es edle Menschen, die ohne persönlichen Vorteil derartige Kassen gründen, sie einrichten lind verwalten. Sie widmen ihnen Zeit und Mühe. Ueberall wächst die Zahl der Mitglieder, die ihre Ersparnisse dort niederlegen. Die Darlehen verviel - fachen sich und die Darlehensnehmer zahlen mit lobenswerter Pünktlichkeit zurück. Wenn Sie einen Blick auf die von uns in diesem Bericht aufgestellte Tabelle werfen, werden Sie sich von der Wichtigkeit dieser Einrichtungen überzeugen. Ihr Aufschwung i:t lange Zeit in "Russland durch die Verwaltungsbehörden gehindert worden. Im Jahre 1906 bestanden 166 Kassen, im letzten Jahre sind 223 neu eröffnet worden. Ihre Zahl wäre noch beträchtlicher, wenn die zuständigen Instanzen in gewissen Provinze:i sie genehmigen wollten. So zählten 100 Kassen, die den durch unsere Gesellschaft gewährten Vorteil boten, im Jahre 1907 an Mitgliedern 59.923; nie entnommenen Darlehen beliefen sich auf 5,826.212 Rubel, die Summe der Rückzahlungen betrug 4,008.666 Rubel 12 Millionen Franken. Wenn man die geringen Beträge der Darlehen berücksichtigt, so kann man daraus entnehmen, wie gross die Zahl derjenigen ist, die sie in Anspruch nehmen, und wie segensreich diese Institution der Darlehenskassen ist. Das von der Bevölkerung den in Rede stehenden 100 Kassen anvertraute Kapital betrug bis zum Schlüsse des Jahres 2,800.000 Rubel. Diese Kassen sind ebenso unentbehrlich für die Landarbeiter. Wie Ihnen bekannt ist, widmen "wir seit einer Reihe von Jahren unser Interesse der zahlreichen jüdischen Bevölkerung, die in Russland von der Landarbeit lebt und in kleinen Städten oder in Marktflecken wohnhaft ist. Wir haben beigesteuert zur Verbesserung der Arbeitsmethoden, zur Einführung von neuen Kulturen, wir haben den Kolonisten Vorschüsse gegeben zum Erwerb von Vieh, von Ackergerätschaften, zur Anlage von Obstgärten, zum Weinbau usw. Was ihnen fehlte waren '.Geldvor - schüssc, die nach kurzer Frist rückzahlbar waren, von denen sie zu gewissen Zeiten des Jahres ausgedehnten Gebrauch machen, hauptsächlich zur Zeit der Aussaat und der Ernte. Solche Darlehenskassen sind neuerdings in den Kolonien eingerichtet, und. wir haben ihnen den grösslen Teil der für ihre Gründung notwendigen Kapitalien zur Verfügung gestellt. Die finanzielle Hilfe für Galizien. In Galizien, wo der Pauperismus ganz besonders gross ist, gedeihen diese Kassen in gleicher Weise. Bis zum Schlüsse des Jahres gab es dort 17 Kassen mit 11.310 Mitgliedern, welche für Kronen 236.310 Aktien subskribiert haben. Diese Kassen verfügten über einen Fonds im Gesamtbetrage von 1,073.946 Kronen, die Höhe der Darlehen im letzten Jahre ist bis auf 1,636.063 gestiegen. Sie betreiben regelmässig ihre Tätigkeit, und es ist ihnen gelungen, einen Reservefonds von 78.000 Kronen sich zu beschaffen, der von j dir zu Jahr im Steigen begriffen ist. Die Haupttätigkeit bleibt Kolonisation. Ich habe Ihnen nun, meine Herren, eine Uebersicht über unsere Arbeit in diesem Jahre gegeben, die von dem Rechenschaftsbericht noch ergänzt wird. Wir müssen immer davon ausgehen, die Entwicklung unseres Werkes systematisch und mit Beharrlichkeit durchzuführen, und wir dürfen niemals unser Augenmerk von unserer Haupttätigkeit, der Kolonisation, ablenken lassen. Wir hegen keinen sehnlicheren Wunsch als den, für eine noch weit grössere Zahl unserer Glaubensgenossen segensreich wirken zu können. Der gute Wille allein schafft es nicht, wir brauchen auch Zeit dazu. Die Rückkehr der Juden zum Ackerbau ist ja noch ein neues Problem. Selbst wenn man ihnen Gelegenheit gibt, Ackerbauer zu werden, so scheint es doch notwendig, sie dafür heranzubilden. Ihre Lehrjahre in Palästina wie in Argentinien waren improvisiert. Sie haben dorthin die Eigenschaften gebracht, die man ihnen nicht rauben kann: die Intelligenz, die Liebe zur Arbeit, eine unermüdliche Ausdauer. Gegenwärtig sind sie gute Ackerbauer; es genügte, ihnen den Boden zu geben, die Gerätschaften, um sie vorwärts kommen zu lassen. Nach einer Erfahrung von kaum einem Vierteljahrhundert ist dieser Erfolg erreicht. Er ermutigt uns, vorwärts zu schreiten. Wir suchen nach neuen Stätten zur Kolonisation, und wir haben durch unseren Administrator Mr. Niege verschiedene Gegenden des Orients zu diesem Zwecke in diesem Jahre besuchen lassen. Die einzigen Länder, wo eine Kolonisation unmöglich ist, sind diejenigen, wo unsere Kolonisten herkommen. Verkennen diese Länder noch immer, was sie gewinnen würden, wenn man den Kolonisten mit der Freiheit zugleich das Recht am Besitz geben würde, was man ihnen bisher verweigert hat? Das ist keine theoretische Behauptung. Mögen sie über uns lesen und sich informieren; sie werden schon eines Tages gewahr werden, was sie verlieren, wenn sie nicht human gegen unsere Glaubensgenossen verfahren. ©ie «Dudentaufen in Wi<?n und (galizien.*) Wie eine blutige Ironie wirkt es, wenn man bedenkt, dass in Wien ein besonderer Verein**) existiert, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Taufbewegung — in Galizien zu bekämpfen. In Galizien kommt ein Tauf fall auf ungefähr zehntausend Juden, in Wien schon auf vierhundertzwanzig. In iWien sind also die Taufen ungefähr 25 mal so häufig als in Galizien. Die Taufen in Galizien sind im allgemeinen Zwangstaufen: ein armer Lehrer oder kleiner Beamter wird von den Staatsbehörden solange ausgehungert, bis er sich von der alleinseligmachenden Kraft der Kirche überzeugt. Oder aber ein schlecht erzogenes, auf Abwege geratenes Frauenzimmer knüpft ein Verhältnis mit r:nem christlichen Taugenichts an und lässt sich von ihm verführen und ins Kloster bringen. In solchen Fällen bläst der erwähnte Wiener Verein in die grosse Trompete und rettet das Judentum — in Galizien. Hier ist jede Taufe eine furchtbare Katastrophe, eine Tragödie — in Wien ist eine Taufe stets eine Farce. Man tauft sich \vtx nicht aus Not, noch we- *) Im Juliheft von „Ost und West" befindet sich ein Artikel von B. Samuel „Die Juden in Oesterreich", der speziell die Wiener Massentaufen in so treffender Weise behandelt, dass wir es nicht verantworten könnten, wollten wir diese Stelle1 unseren Lesern nicht zur Kenntnis bringen. Anm. d. Red. **) Gemeint ist der Wiener Verein „U n i o n". Anm. der Red.