Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 29. Uebel noch nicht so gross und die Gemeinde viele reiche Mitglieder zählte, hätte sie mit (Erfolg eingreifen und Vorsorgen sollen. Jetzt ist es leider zu spät. Und doch könnten wir mit berechtigtem Stolz einige edle, vornehm gesinnte Männer in ^unserer spaniolischen Kolonie namhaft machen, die zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit bereit (sind, den Armen und Bedrängten zu helten. Diese Wohltäter im edelsten Sinne des Wortes sind es, welche viele schwere Fehler und Sünden der türkisch-israelitischen Kultusgemeinde halbwegs wieder gut machen; ihnen allein ist es zu danken, wenn nicht alle Armen und Kranken mit Tränen in den Augen und Verwünschungen auf den Lippen .Wien verlassen. Der türkisch-israelitische Friedhof. Unsere Gemeinde besitzt am Zentralfriedhof ihre eigene Abteilung. Mit echt spanischer ^Grandezza wollen wir sogar nach dem Tode mit den übrigen Juden deutscher Zunge nicht in Berührung kommen und lassen uns in angemessener Entfernung von ihnen separat begraben. Mancher wird das lächerlich finden; wir kennen sogar gute Juden, welche einen Frevel, eine Sünde darin sehen. Denn das Judentum anerkennt keine Klassenunterschiede, weder im Leben noch nach dem Tode; es verabscheut jedes Kastenwesen. Das ficht uns aber wenig an. Wir sind eben Spaniolen, haiten viel von uns, sind ein vornehmer Zweig am alten jüdischen Baum und lassen uns separat begraben. Das Wörtchen „uns" umfasst jedoch nur jene Spaniolen, welche in der Lage sind, die horrenden Beerdigungstaxen zu zahlen. Mindere Leichen überlassen wir gerne der deutschen Gemeinde, und für ganz unbemittelte Leute aus dem Orient, welche in Wien sterben, haben wir überhaupt nie Platz. i Noch einen charakteristischen Zug müssen wir anführen, weil er die Gesinnung und Tendenz unserer spaniolischen „Grossen" gar köstlich illustriert. Als vor Jahren der langjährige Sekretär tder türkischisraelitischen Kultusgemeinde, jetzt ein Advokat, auf seinen Posten resignieren wollte, war er es gewesen, der einen Spaniolen und dermaligen Steuerzahler der Gemeinde veranlasste, sich um die freiwerdende Stelle als Sekretär zu bewerben: „Sie beherrschen beide Sprachen, besitzen auch sonst alle Eignungen, um diesen Posten gehörig auszufüllen; für etwaige juristische Fragen, wel;he sehr selten vorkommen, wenden Sie sich an mich, ich stehe Ihnen gerne zu Diensten." Durch diese freundlichen Worte hat sich .der Betreffende dazu bewegen lassen, sein Gesuch zu überreichen. Eine Erledigung hat er darauf nie erhalten. Dafür wurde jemand anderer zum Sekre - tär bestellt; er ist zwar kein Jurist, hingegen aber — Christ. , Warum wir das so spät veröffentlichen? Es ist ja möglich, dass Herr Gessmann, Bielohlawek oder gar Herr Dr. Lueger.in Person diese Zeilen zu lesen bekommen. Warden die Herren Antisemitenführer nicht zu Tränen gerührt sein von diesem geradezu heroischen Beispiel jüdischer Toleranz und Vorurteilslosigkeit! Ein Christ als Sekretär einer jüdischen KuJtusgemeinde I Und der enttäuschte Spaniole? Ei, der kann sich eventuell beim Erzbischof von Wien als Sekretär anstellen lassen. Die (jeneral^epsainnilunß der ^Jevvish Qolonizatton^ssociaiion. (Schluss.) Die Tätigkeit in Russland. In Russland haben sich die ökonomischen und sozialen Verhältnisse der juden leider nicht geändert. Das Land selbst leidet unter der politischen Krisis, schlechten Ernte und v. irt^chaftlicher Depression. Die am meisten Geschädigten sind unsere Glau - bensgenossen, die gar keine Sicherheit haben, nicht einmal die ihrer Existenz:. Wann werden sie einmal von den Ausnahmegesetzen befreit werden, welche alle Gewalttaten gegen ihr Leben gestatten? Wann wird es ihnen gestattet sein, in Frieden zu leben und zu arbeiten? Es genügt, das zu sehen, was die Juden in freien Ländern erreicht haben, um zu erkennen, was Russland nach ihrer persönlichen und politischen Emanzipation gewinnen würde. Wir warten, wir hoffen! Das neue Regime in Russland gestattet diese Hoffnung. Aber bis dahin (dürfen wir nicht untätig bleiben. Wir bereiten die jüngere Generation für diese glücklicheren Verhältnisse vor. Wir geben ihnen in unseren Elementar-, Handwerks-, Landwirtschafts-Schulen ausser der Allgemeinbildung eine Erziehung, die Lust zur Arbeit und die fachmännischen Kenntnisse. Ohne Zweifel würden unsere Schulen noch bessere Resultate ergeben, wenn sie in einer ruhigen und freien Atmosphäre Jagen. Wir könnten einer grösseren Anzahl von Kindern die Wohltat des Elementarunterrichtes angedeihen lassen. In unseren Schulen befinden sich gegenwärtig 7000 Kinder oder genauer gesagt 9000, wenn man die Schüler der Elementarklassen hinzuzählt, die den Handwerkerschulen angeschlossen sind. Die Zahl dieser beläuft sich auf 41. Sie wurden zu Ende des Jahres von 2400 Schülern, Knaben und Mädchen, besucht, sie würden noch mehr Kinder aufnehmen und denen, die sie besuchen, mehr Nutzen bieten, wenn das Elend der Eitern nicht die einen überhaupt verhindeite, sie zu besuche;), und die anderen zwingen würde, sie frühzeitig zu verlassen. Unsere landwirtschaftlichen Schulen leiden unter der Lage der Juden. Die Landwirtschaft ist ein Beruf, der immer schwieriger auszuüben ist, aber wozu ihn ergreifen, wenn es den Juden verboten ist, sich auf dem Lande anzusiedeln? Nichtsdestoweniger unterhalten wir unsere Schulen, weil uns nichts anderes übrig bleibt als eine solche fortdauernde Abwehr. Die Welt steht übrigens unseren jungen Agronomen offen. Sie werden ihr einen Anteil von Kräften bringen, von welchem Russland so leicht hätte Nutzen zieh m können. Der Erfolg der Darlehenskassen. Es bleibt mir noch übrig, Ihnen kurz über einen anderen Teil unserer Tätigkeit zu berichten, nämlich über unsere Darlehenskassen, die wir zur Unterstützung der kleinjn Kaufleute, der Industriewie der Landarbeiter begründet haben, denen es oft an Geldmitteln fehlt, um W'aren, Handwerkszeug oder sogar Lebensmaterialien einzukaufen. Um der bisherigen wucherischen Ausbeutung zu steuern, haben wir diese Darlehenskassen begründet, in denen jeder auf Grund einer kleinen Geldeinlage Mitglied werden kann und dafür den Vorteil geniesst, zu niedrigem Zinsfuss 100, 200, 300, 400 Franken und noch