Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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tfr. 21 nen den jetzigen Stand dieser jüdischen Volks- und Religionsschule nicht genau, würden aber jede Wette eingehen, dass in allen fünf Klassen zusammen kaum fünfundzwanzig Kinder beider Geschlechter die Bänke drücken, wovon die Mehrzahl Nichtspaniolen sind. Es fällt uns nicht bei, den dort wirkenden Lehrkräften irgendwelche Vorwürfe zu machen oder ihre Befähigung in Zweifel zu ziehen. Die Schuld an dieser beschämenden Siiuation fällt auch glicht so sehr auf die Gemeinde selbst, als auf uns Spaniolen mit unserem schmachvollen Indifferentismus in religiösen Dingen. Mit ganz geringen Ausnahmen kümmern wir uns um den Religionsunterricht unserer Kinder überhaupt gar nUbt und halten es unter unserer Würde, sie in die Talmud-Thora in der Novaragasse zu schicken. Dies gilt besonders von den materiell besser gestellten Spaniolen. Die Reichen brauchen keinen Gott. Da der Religionsunterricht aber ein obligater Lehrgegenstand ist, so hilft man sich in der Weise, dass man die Kinder einige Lektionen privat nehmen lässt, und die Note „Vorzüglich" oder „Lobenswert" ist ihnen für das Schulzeugnis sicher. Das wird seit Jahren so geübt, ohne dass ein Mensch danach frägt, ob diese jüdischen Kinder überhaupt einen Begriff von Religion und solchen Dingen haben. Wir möchten ganz dezidiert behaupten, dass unter den Spaniolen der ^besseren" Klasse, welche ihre Schulbildung in Wien genossen haben, die wenigsten so viel von jüdischer Geschichte wissen, als in der dritten Volksschulklasse gelehrt wird. Das hindert sie freilich nicht daran, wenn sie nur mächtig viel Geld haben, in den Gemeindevorstand gewählt zu werden und die Gemeindeangelegenheiten zu leiten. Mit welchem Erfolg, das liegt offen zu Tage. So und nicht anders sieht es mit dem Religionsunterricht bei uns Spaniolen aus. Das Asyl in der Novaragasse. Die türkisch-israelitische Kultusgemeinde zu Wien unterhält im Elias Stiftungshause in der Novaragasse auch ein „Asyl" für arme zugereiste Juden. Diese schöne, echt jüdische Institution besteht bei allen Gemeinden des Orients, ob gross oder klein. Nur geht die Gastfreundschaft unter den noch nicht „modernisierten" Juden des Orients in der Regel noch um einen Schritt weiter, indem sie die zugereisten Stammesbrüder zu Gast laden und sie im „Asyl" nicht wohnen lassen. Wie aber steht es damit bei unserer Wiener Gemeinde? Wir möchten in unseren Ausführungen obfektiv und kühl bleiben. Allein der Gedanke an die schmachvolle Behandlung, welche armen zugereisten Juden seitens gewisser Organe der Gemeinde oft zuteil wird, facht in uns und in jedem gesitteten Menschen flammenden Zorn, bittere Entrüstung und Empörung an, und wir fragen uns, wie um Gottes willen der Gemeindevorstand derartiges dulden kann! Dabei handelt es sich nicht etwa um herumreisende professionelle Bettler, welche diese Behandlung erdulden. Die Bettler des Orients wissen genau, wieviel sie von der türkisch-israelitischen Gemeinde in Wien zu erwarten haben und bleiben wohlweislich aus; in der Regel trifft es Schwerkranke, arme Männer oder Frauen, welche nach Wien kommen, um bei hiesigen Professoren und Aerzten Linderung und Heilung ihrer Leiden zu suchen. Es sind dreifach uv.glückliche, dreifach hilfsbedürftige Menschen: arm, krank, wildfremd und der Sprache nicht mächtig, welche im „Asyl" in der Novaragasse für einige Tage Obdach suchen. Da kommen sie aber schön an. Sie .werden zunächst abgewiesen, und da die Acrnisten sich in ihrer Ratlosigkeit nicht ohne weiteres abweisen lassen, steckt man sie endlich widerwillig ins sogenannte „Asyl", nicht ohne wiederholt und mit Nachdruck zu betonen, dass dies nur auf drei Tage und keine Stunde länger geschehe, denn so will es angeblich eine famose Hausordnung und eine gewisse polizeiliche Vorschrift, die sogar der Hausmeisterin in der Novaragasse bekannt ist. Dieses „Asyl" besteht aus einem zweifenstrigen Hofzimmer mit einem finsteren Vorzimmer. Zwei Betten, zwei Kästen, zwei Holzstühle und ein Tisch bilden die Einrichtung. Alles voll Staub, nicht gelüftet, verwahrlost. Für Licht und Beheizung im Winter reicht's nicht; die Gemeinde hat kein Geld dafür, und der Stifter hat es seinerzeit unterlassen, etliche Groschen für eine Petroleumlampe und einige Zentner Kohle zu testieren. An ein Stück Brot für die Unglücklichen äst nicht zu denken. Das Budget d t Gemeinde, welche das „Asyl" nur verwaltet, könnte solche Ausgaben nicht vertragen. Wenn also die kranken Menschen kein Geld haben, so sitzen sie eben im Finstern, können nach ihrer Wahl entweder im eiskalten Zimmer erfrieren oder auch Hungers sterben. Dass kein Mensch sich um das weitere Schicksal dieser Unglücklichen kümmert, ist selbstver - ständlieh. Die Organe der Gemeinde kennen nunmehr nur eine Sorge: die unerbetenen Gäste wieder loszuwerden, nur rasch und gleichviel, auf welche Art. Fort, nur fort mit ihnen! Wer fragt darnach, ob so ein schwerkranker Mensch den Weg zu einem Arzt findet, ob er ins Spital aufgenommen wird oder nicht! Man überlässt ihn seinem Schicksal, gibt ihm, wenn er nicht gestorben ist, was oft genug vorkommt, eine halbe Fahrkarte bis zur nächstbesten Gemeinde und zehn Kronen für Zehrung, und nur fort, fort, weit .weg mit ihml Man möge nicht gl.uiben, dass wir übertreiben. Im Gegenteil. Wir können mit konkreten Fällen und Tatsachen dienen. Man hat uns von vertrauenswürdiger Seite einen Fall erzählt, wo ein armes jüdisches Weib von einem Diener der türkisch-israelitischen Gemeinde sogar geschlagen wurde. Ein anderer Diener soll eine Mutter, welche zwei an Rückenmarkschwindsucht schwerkranke Söhne im „Asyl" hatte, beschimpft haben, weil sie für die Nacht ein Stückchen Keive von ihm verlangt hat. Aber wozu sich mit einzelnen widerlichen Vorkommnissen und Details aufhalten, wo das Bild in seinen Umrissen schon so absiossend wirkt! So viel über unser „Asyl" in der Novaragasse. Mit der Armenpflege in der Gemeinde selbst scheint es auch nicht viel besser bestellt zu sein. Die Verarmung unter den Spaniolen Wiens macht reissende, verheerende Fori schritte. Man könnte verhältnismässig erschreckend viele Familien namhaft machen, die noch vor zwanzig Jahren reich, zumindest aber wohlhabend waren und jetzt total ruiniert sind. Nur ist der Spaniole viel zu schamhaft, um es öffentlich zu bekennen oder gar die Hand auszustrecken; lieber stirbt er Hungers. Die Gemeinde kennt alle diese verschämten Armen, hat aber die Mittel nicht, um zu helfen. Damals, als das