Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. durch die Judenhetze, durch den Kampf gegen die jüdischen „Ausbeuter" die Aufmerksamkeit von den christlichen Ausbeutern abzulenken. Der geistige Vater des Herrn Stapinski ist niemand als — Mechanikus Schneider. Bei Herrn Stapinski kommt noch etwas anderes in Betracht. Er will nicht nur seine Bauern durch die Judenhetze -vom Grossgrundbesitze abienken^sondern er möchte seine Anhänger durch materielle Vorteile besänftigen und beschwichtigen. So ebenfalls ganz nach Art der Christlich-Sozialen. Dazu bietet sich demnächst reichlich Gelegenheit. In drei Jahren geht in Galizier^das Propinationsrecht zu Ende und die Schankkonzessionen in allen Gemeinden werden dann von den Bezirkshauptmannschaften en masse zu vergeben sein. Dieses Schankgewerbe haben bis jetzt ausschliesslich Juden ausgeübt; Tausende von Familien leben davon. Die Aufhebung des Propinationsrechtes verpflichtet die Behörden, den jüdischen Schänkern Konzessionen zu geben, da sonsttausende Familien verhungern oder auswandern müssten. Die Vergebung dieser Konzessionen bildet aber schon jetzt den Gegenstand der hässlichsten Machenschaften: Protekionswhtschaft, Nepotismus und Chantage. In Bobrka hat, wie der „Monitor" mitteilt, der dortige Bezirkshauptmann bereits die Schank-Konzessionen nach Belieben verliehen, an seine Frau, seine Schwiegermutter und sonstige Verwandte. Der fürsorgliche Herr Stapinski möchte jetzt auch alle Konzessionen in Anspruch nehmen: für seine Bauern. Es ist geradezu der Gipfel des politischen Zynismus, was sich nach dieser Richtung der neugebackene Obmannstellvertreter, Herr Stapinski, im Polenklub geleistet hat. Dort sagte er: „Ich habe — ich erkläre es offen — für die Schanker gar keine Rücksichten und weide dafür sorgen, dass bei Vergebung der Konzessionen Schikanen angewendet und Schwierigkeiten gemacht werden. Solche Schwierigkeiten müssen auch den Branntweinbrennereien gemacht werden, denn die Branntweinbrenner sind Betrüger. Sie sind übrigens auch selbst Propinationspächter, und die Propinationspächter sind ohnehin reich. Dass wir in Ostgalizi^n 400/0 jüdische Propinationspächter haben, können wir nur den Brennereien verdanken. Viele Brennereien züchten nur Juden, und je mehr Juden, umso weniger Polen. Die Gutsherren mögen lieber selbst auf ihrer Scholle sitzen; sonst sollten sie dieselbe an die Bauern, aber nie an die Juden verpachte n." Diese antisemitische Hetzrede wurde im Polenklub gehalten. Niemand hat ihr widersprochen; die Hausjuden haben sich feige verkrochen. Parallel mit dieser Rede wurde auch im Partei- Organe der „Polnischen Volkspartei", im „Przyjaciel Ludu" eine antisemitische Presskampagne eröffnet. In dem Artikel vom 28. Juni betitelt „Die Forderungen der Bauern", womit der Kampf eröffnet wird, lesen wir: „Die Gutsherren sollten sowohl Holz, als auch Stroh, Heu und Klee 'ohne Vermittlung der jüdischen Ausbeuter verkaufen. Die Redakteure der konservativ-klerikalen Blätter sollten zu dieser Frage Stellung nehmen, denn es widert die Bauern bereits an, wie sich die Gutsherren in Allem an die Juden "wenden. Es ist die höchste Zeit, dass sich die Gutsherren gegenüber den Juden besinnen. 1 Wir haben bereits einige Herren, die den Juden nichts verkaufen. Diesen gebührt unsererseits die Anerkennung. Wenn sich aber ein Gutsherr finden wird, der an Juden nicht einmal seine Schänke verpachtet, so wollen wir davon in allen unseren Zeitungen schreiben, damit es die Anderen aneifere. Wir verlangen dies unbedingt und werden nicht ruhen, bis nicht alles erfüllt wird." Mit dieser; Kampf-Methode hat Herr Stapinski seine ganze Vergangenheit verleugnet. Er ist^ auf das Niveau eines Stojalowski und sonstiger antisemitischer Geschäfts-Politiker ä la Lueger und Genossen gesunken, die ihn, wie er selbst in einem Briefe vom 10. Mai 1902 erklärt hat, anekeln. Damals hat allerdings Herr Stapinski die Unterstützung der Juden benötigt. Aber seine politische Karriere ist noch nicht, zu Ende. Auch Stojalowski hat eine Zeit lang die Juden verhimmelt, um sie dann zu überfallen. Dieser Mann führt heute nur ein politisches Scheinleben und er war einst bei den Bauern beliebter als Herr Stapinski. Ein grosser Berufsstand steht vor einem Abgrunde, tausende Existenzen gehen der Vernichtung entgegen. Denken wir schon heute daran, was |n drei Jahren mit den obdachlosen tausenden jüdischen Familien geschehen wird Nicht nur die Juden in Galizien haben daran ein Interesse, auch Wien und das Ausland werden bei der Massenflucht der Depossedierten überflutet werden Etwas politische Voraussicht könnte ja auch den Juden gewiss nicht schaden. Die Rede Stapinskis sei eine Warnung. Unsere galizischen Brüder sitzen auf einem Vulkan ____ L. Das ßndc der* Hirl<isch=isFaelitischen l^iilhisßcttieinde in ^tfien.*) (Von einem Spaniolen.) II. Die Taluud-Thora. Die türkisch-israelitische Kultusgemcinde unterhält im Elias-Stiftungshause in der Novaragasse ihre eigene Talmud-Thori, verbunden mit einer fünfklassigen Volksschule für Knaben und Mädchen. Offenbar sollen in dieser Anstalt spaniolische Kinder Religionsunterricht gemessen, nach sephardischem Ritus beten lernen und mit den übrigen Elementen des primären Unterrichtes die deutsche Sprache erlernen. Letzterer Umstand ist für Kinder spaniolischer Eltern, welche das Deutsche nicht beherr - sehen, von wesentlicher Bedeutung. Aufgabe und Zweck dieser Schule sind also durchaus löblich und anerkennenswert. In Wirklichkeit führt diese Anstalt jedoch eine Scheinexistenz, sie belastet unnützerweise das Budget de« Gemeinde, leistet aber nichts oder so gut wie nichts, und man muss sich wundern, dass derartiges in Wien überhaupt möglich ist. Wir ken- *) Der I. Artikel erschien in der Nummer 26 vom 26. Juni d. J. Im Zusammenhange mit dem von mir in dem ersten Artikel besprochenen Gottesdienst des türkisch-israelitischen Tempels wäre noch folgendes zu bemerken: In der jüngst stattgehabten Versammlung des Kantorenvereines erzählte Herr Oberkantor Bauer vom türkisch-israel. Tempel, dass ihm die Modernisierung des sephardischen Gottesdienstes übertragen wurde. Welches Wunder! Woher plötzlich dieser Entschluss? Es ist nur bedauerlich, dass nicht gleichzeitig mitgeteilt wurde, wer dieses Mandat dem Herrn Bauer erteilt hat. Es wäre ja nicht uninteressant zu wissen, ob diese Reform nur von der Wiener Gemeinde ausgeht, oder auch alle spaniolischen Gemeinden interessiert. Und steht dieses plötzliche Bedürfnis nach einer so radikalen Umänderung des Jahrhunderte alten Gottesdienstes nicht doch in einem Zusammenhange mit den Artikeln dieses Blattes über die Spaniolen?