Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Mordprozesses Huszt den Volksinstinkten ein Opfer hingeworfen hat, und das den ländlichen Konsum- Genossenschaften namhafte Subventionen gewährt, daran, gegen die Juden den Hauptschlag zu führen. Als Mittel hiezu dient die Brannt w e i n v o r 1 a g e. In Ungarn wohnen 800.000 Juden, wovon 200.000 auf Budapest entfallen Die Provinz-Juden leben zum grössten Teil vom Handel sowie vom Branntwein-Ausschank. Die besser Situicrtcn betreiben Slivovitz-Brennereien. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, dass zirka 300.000 Juden in Ungarn sich schlecht und recht vom Kleinhandel und Ausschank ernähren. Während nun bisher die jüdischen Kleinhändler allein von den Genossenschaften üm ihr Brot gebracht werden, droht das neue Branntweingesetz durch die bevorstehende Einschränkung des Konsums und , den damit eingeleiteten Uebergang zum — Branntwein-Monopol den Juden ebenfalls mit der Aushungerung. Zudem kommt noch der von Wekerle angekündigte Kampf gegen die Slivovitz-Brennereien. Die Regierung beabsichtigt staatliche Brennereien zu errichten und genossenschaftliche zu fördern. Es sind von der Regierung für die in grossem Masse einzurichtenden Fabriken bereits die Kessel bestellt worden. Diese Massregel soll angeblich dazu dienen, um den Landwirten zum besseren Verkaufe ihrer Produkte zu verhelfen. Zu diesem Zwecke will Wekerle sogar einen Preistarif aufstellen. Was soll aber mit den kleineren Brennereien geschehen? Die müssen zu Grunde gehen. Denn Staatsbürger und Steuerzahler, auf die man "Rücksicht nimmt, sind in Ungarn nur Landwirte. Die Juden können verhungern. So macht Herr Wekerle — wSozialpolitik. Deutsches Reich. Professor Dr. Georg Adler. Berlin, Ende Juni. (Orig.-Korr) Professor Adler von der Universität Kiel hat seinem Leben freiwillig ein Ende gemacht. Der j.5 jährige Mann konnte es nicht verschmerzen, dass er nun zum zweiten Mal bei Vergebung einer ordentlichen Professur übergangen wurde, weil er sich nie ht t a ufen lassen wollte. Die jüdische Presse Deutschlands stellt aus diesem Anlasse tiefsinnige Betrachtungen über die Zurücksetzung der Juden in Preussen an. Es ist aber nichts Neues, dass ein Preussen, im Reiche des Ballinismus, keinen ordentlichen jüdischen Professor, mit Ausnahme der älteren jüdischen Mediziner, mehr gebt. Denn auch die „liberalen" Professoren selbst mögen keinen Juden. Die Taufe allein macht in ihren Augen professorenreif . . Und das alles, wiewohl sich doch die „israelitische" Intelligenz in Preussen sehr ehrlich die Mühe gibt, als deutsch zu erscheinen. Dem verstorbenen Professor A d 1 e r gebührt in einem jüdischen Blatte auch deshalb eine beson - dere Erwähnung, weil ihm die jüdische Wissen - schaft einiges zu verdanken hat. Neben Ruhland war Adler der einzige Akademiker, der der Sozialreform im alten Judentum seine Aufmerksamkeit zugewendet hat. Sein Buch ,,Dic Soziaircform im Altertum" (Jena, 1*897) enthält eine besonderen Abschnitt „Die Sozial reform im alten Israel", worin an der Hand des Pentateuchs und der Propheten ein System altjüdischer Sozialpolitik aufgebaut wird. Er streicht dabei besonders den Satz aus einem Romane Disraclis heraus, dass in der ganzen Kulturwclt „durch die Gesetze vom Sinai dem rastlos arbeitenden Volke alle sieben Tage wenigstens ein Ruhetag gesichert wird". Zu diesem Thema hat Professor Adler auch die leider sehr spärliche Bibliographie zusammen g< tragen. I nd diesen Mann mussten wir im schönsten Mannesalter verlieren! Eine hebräische Mittelschule in Jaffa. Frankfurt a. M. Das „Bureau des Misrachi für Westeuropa" versendet nachstehende Mitteilung: Vor etwa Jahresfrist hatte die Leitung des „Misrachi" beschlossen, eine Mittelschule in Palästina zu gründen. Nach genauer Orientierung und in Berücksichtigung der Urteile massgebender Persönlichkeiten in Palästina, endlich auch nach Rücksprache mit den Leitern der grossen Organisationen, welche das Schulwesen in Palästina beeinflussen, hielt der „Misrachi" Jaffa für geeignet, dort eine Schule zu eröffnen. Nachdem sich auch Herr Oberrabiner Kuck-Jaffa mit dem Projekte einverstanden erklärt hat, soll die Eröffnung der untersten Klasse baldmöglichst erfolgen. Die Schule soll ihren Zöglingen eine gründliche Bildung aus Tnach und Shass vermitteln, und sie zugleich befähigen, als pflichtbewusste, gesetzestreue Juden, ihren Lebensunterhalt durch redliche Arbeit selbständig zu erwerben. Die Unterrichtssprarhe wird das Hebräische sein. Arabisch als Landessprache soll vom zweiten Schuljahre an gelehrt werden, und eine europäische Sprache nur in den oberen Klassen und nur in dem Umfange, als es die Handelsbeziehungen Jaffas, respektive Palästinas, erfordern. Auf diese Weise hofft der „Misrachi", die strebsamen und tüchtigen Elemente, welche heute infolge der zu hoch bewerteten Kenntnisse der europäischen Sprachen im Unterrichtsplan der palästinensischen Jugend zur Auswanderung verleitet werden, zur Scsshaftigkcit in Palästina zu erziehen. Ein erweiterter Schulrat soll demnächst gebildet werden. Demselben werden neben den bisherigen Initiatoren anerkannte führende Männer des gesetzestreuen Judentumcs angehören. QEMClNb6»«W VSREiNiNMftRilWW Wien. (B i b o 1 s c Ii u 1 - P r ü f u n g.) Die Bibelschule im <S„ Bezirke, Wim. Neudeggergasse 12 (Tcmpclgebäude) veranstaltete am 30. Juni, halb 5 Uhr die Jahresprüfung. Als Gäste \varcn anwesend: Der Rabbiner des Bethauses <S. Bezirk Dr. Bauer, als Vertreter des Kultusvorstandes Anits- Diter Braun, Tempelvorsteher Architekt T. Modern usw. Der Präses Hermann Beek, der sieh für das Gedeihen ihr Schule lebhaft interessiert, entschuldigte seine Abwesenheit durch seinen Kuraufenthalt. Der PrüfungsstolY war in der I. Abteilung ('Schüler der :>; Yolksschnlklasse -: Dcbersetzung: III. Buch Moses aus Achre-Mos, Kdau^chim, Emor, B'har. IVchukaussai. In der II. Abteihing (Bürger- und Mittelschüler): Dcbersetzung: V. Buch Moses aus R"eh, Schoftim, Ki-sezc, Kisowau. In beiden Abteilungen wurde auch hebräische Grammatik, die zur Erleichterung der Dcbersetzung des Hebräischen erforderlich ist, geprüft. Die Prüfung machte durchwegs einen erfreulichen Eindruck. Viele aufrichtige und verdiente Anerkennung fanden der Lehrer und die Schüler in den Ansprachen, die die Herren Rabbiner Dr. Bauer, Braun und Vorsteher Modern nach der Prüfung an die Schüler richteten.