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Neue Nationalzeitung · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Neue National-Zeitung" Nr. 28. Dr. K. FORNBBRG: (JnseFe europäischen KriMl^iC) Es war vor einem halben Jahr. Die Webster- Hall war vollgepfropft mit New-Yorker Juden. Auf der Plattform erschienen die „Kapazitäten" verschiedener Parteien, von welchen ein Dutzend das Wort ergriff. . . . Sie kamen her, um den Gast des Abends zu begrüssen — Dr. B i r n b a u m. Dr. Birnbaum sprach auch selbst in\der Versammlung, und Lobgesänge hörte man von seinen Lippen. Er lobte alles und jedes, was er bei uns vorfand. Die Gassen des jüdischen „Ghettos" tmit ihrem typisch jüdischen Aussehen haben in ihm einen heissen jüdischen Patriotismus und jüdischnationale Empfindungen erweckt. Den jüdischen Zeitungen drückte er sein gröbstes Lob aus; das jüdische Theater hat ihn geradezu begeistert. Dr. Birnbaum suchte uns an diesem Abend zu überzeugen, dass wir allein alle New-Yorker Juden — gut am(1 fromm sind, dass wir den Stolz drs jüdischen. Volkes bilden, dass sich auf uns die ganze Zukunft des jüdischen Volkes stützt. Und mögen wir auch auf uns selbst nicht stolz sein, er, der Redner, sei auf uns stolz. Nüchterne, kritische Menschen haben damals die Frage gestellt, wie ein Gelehrter, ein Denker zu solchen Phrasen, zu einem so leichtsinnigen Urteil komme, bevor er überhaupt Menschen und Umstände näher ins Auge gefasst hat. ,: Seit jenem Abend hat Dr. Birnbaum noch sehr viel gesprochen und uns noch sehr viel Honig um den Mund geschmiert. Wir «aber waren zufrieden und stolz, dass ein solcher 'Mann uns ein derartiges Zeugnis ausgestellt hat. Als nun Dr. Birnbaum nach Wien zurückkehrte, da sprach er wieder über uns. In einer Versammlung gab er Acusserungen zum besten, mit derselben Uebcrzeugungstreue und Begeisterung wie in New-York; nur standen diese Acusserungen im direkten schreienden Widerspruch zu dem Lob, das er uns hier so freigiebig ausgestreut hat. Vor seinen Wiener Zuhörern hat Dr.; Birnbaum selbst jene schönen Bilder, die er hier unseren Augen vorgeführt hat, zerstampft und vernichtet. „In grossen Zügen", lesen wir da, ,,beschrieb er zuerst den allgemeinen Charakter Amerikas, das er in Wildwest, Wildsüd und Wildost einteilte. Der Wildwest zeichnet sich durch eine ursprüngliche, der Wildsüd durch eine überlebte und der Wildost durch eine moderne Wildheit aus". Soweit Amerika im Allgemeinen. Insbesondere aber missfällt ihm New-York selbst, das :cr als einen „Hexenkessel", als eine „Hölle" charakterisiert, wo alle Nationen der Auflösung entgegengehen. Wir wollen bezüglich Amerikas und New Yorks mit T)r. Birnbaum nicht streiten. Wegen der ,,Eindrücke." des Dr. B. haben wir nicht zur Feder gegriffen, son- *) Am 28. Mai hat Dr. N. Birnbaum in dem Wiener Verein „Jüdische Kultur" einen Vortrag gehalten, worin er die New-Yorker Juden einer vernichtenden Kritik unterzog. Dieser Vortrag wurde dann in einer Wiener Zeitung auszugsweise abgedruckt. Zur Abwebr dieser Angriffe veröffentlichte Dr. K. Fornber g, ein angesehener jüdischer Schriftsteller, in dem New- Yorker jiddischen Tagblatt „Die Wahrheit" obigen Artikel, den wir nun über Ersuchen unserer New-Yorker Freunde in deutscher Uebersetzung der Oeffentlichkeit übergeben. Die Redaktion. dern wegen den „Lobeshymnen", die er uns zugedacht hat, den amerikanischen Juden im allgemeinen und dem New-Yorker „Ghetto" insbesondere. Mit Erstaunen hören wir jetzt, dass Idie New- Yorker Juden in die Neu'-Yorker Hölle (hineingeraten sind und sich dort förmlich [am Rande des Abgrundes, vor der Auflösung befinden. Sic fragen nun erstaunt: „Wo sind 0enn die nationalen Schöpfungen, die Dr. B. hier so besungen hat?" Seine Antwort lautet: „Freilich gibt es auch dort Stätten, wo das jüdische Volkstum \ gepflegt wird. Wir finden dort Redaktionen grosser (Tageszeitungen, Theater und Konzerthallen. Allein der politische Radikalismus, der dort zur Schau getragen wird, wirkt geradezu unerträglich." Wir erinnern uns an die Begrüssungsreden, welche an jenem Empfangsabend von Jakob (Gordin und Dr. Szytlowski an Dr. B. als jüdischen Sozialisten, als Revolutionär, als Radikalen gehalten wurden, und wir werden stutzig, i In was für einer tragikomischen Situation befinden sich diese Männer jetzt. Allein es schadet nicht. Mag es ihnen für die Zukunft zur jLehre dienen. Mögen die Herren Revolutionäre und Sozialisten ihre Worte besser abwägen. Das Interessanteste kommt aber erst. Dr. B. ist ein grosser Pessimist geworden, nicht inur betreffs der New-Yorker, sondern auch betreffs der amerikanischen Juden überhaupt. Er hat Angst fvor ihrer Amerikanisierung; er sieht den. baldigen. Untergang der jüdischen Nationalität. In den Augen unserer Jugend hat vDr. Birnbaum plötzlich „nichts als Wildheit" bemerkt. „Schon der Anblick der wildglänzenden Augen dieser kleinen Ungeheuer ruft Entsetzen hervor" — so erzählt er seinen Wiener Zuhörern. In kurzen Worten macht er dann lalles, was bei uns besteht, zu nichts. „Eines ist gewiss" — sagt er — „von den amerikanischen Juden können die europäischen Juden nichts erwarten." Wir möchten gegen Dr. B. nicht grob sein. Wir wollen da die Frage des „guten Glaubens" nicht aufwerfen, da er uns beschimpft, wie wir es nicht getan haben, als er uns lobhudelte. , Persönlich imag Doktor B. vielleicht auch Ursache haben, verbittert zu sein. Einen grossen Erfolg hat er ja hier nicht gehabt. Aber ein Todesurteil haben wir ja dafür doch nicht verdient. Hätte er sich nicht lächerlich gemacht durch seine Kritik, wie er »es bereits getan hat durch seine Lobeshymnen! Allein er ^hat seine früheren Lobgesänge auf Kredit selbst diskreditiert durch seine spätere „Vernichtung". Das enthebt mich von der Verpflichtung, mit ihm weiter £u polemisieren. Sonst wäre es mir leicht, zu beweisen, dass er jetzt als Kritiker von der Wahrheit weit mehr entfernt ist, wie als Lobhudler. i Wir müssen nun gestehen: „Ihr lieben Gäste, Delegierte und sonstige Kapazitäten von jenseits des Ozeans: Lobt uns nicht, wenn Ihr zu uns herkommt, und beschimpft uns nicht, w enn Ihr uns \ erlässt, vielleicht enttäuscht und verbittert. Wir danken Euch für den Honig früher und den Schmutz nachher."

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