Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425750--0898-2427216- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28. f aussig, die „$\vb*tUv*%*ttuti§>" und — die #\opal. Der antisemitische Bürgermeister der Stadt Wien, Dr. Karl Lueger, suchte jüngst a conto des Kommimal-Anlehens von 3^0 Millionen Kronen, bloss die Kleinigkeit von 150 Millionen aufzunehmen. Dieses Geld wurde ihm in Berlin verweigert. Sein bisheriger Wiener Bankier, die Landerbank, war zu schwach, um diese Transaktion allein durchzuführen. Da erinnerte sich Dr. Lueger, dass es in Wien einen merkwürdigen Mann gibt. Kr ist Jude, mag sich nicht taufen und setzt seinen Ehrgeiz daran, die höchsten jüdischen Gemeinde-Aemter an sic h zu reissen. Er ist aber auch Bankier, und in seiner Profitwut hat er, der Kultusvorstehcr und Yizc-Präsident des Rabbiner-Seminars, davor nicht zurückgeschreckt, in die von jüdischem Blute durchtränkten Hände der russischen Regierung Millionen zu legen, für welche neue, in der ganzen neuesten Geschichte vereinzelt dastehende Massenabschlachtungen \ on Juden inszeniert wurden. Von diesem Manne verlangte der Bürgermeister der antisemitischen Gemeinderats-Ma jorität Geld, l ud er erhielt es. Jener Jude hat einer Gemeinde, die keinen jüdischen Lehrer, keinen jüdischen Beamten, keinen jüdischen Diener anstellen will, die bei jeder Gelegenheit offenkundig die jüdischen Steuerzahler schikaniert, 150 Millionen verschafft. Denn es galt zu v e r d i e n e n. Da kennt Theodor v. T a u s s i g keine Schranken und keine Skrupel. Die Verbrüderung zweier so ausgesprochener Charaktere, wie es Lueger und Taussig sind, hat uns nicht gewundert. .Wenn auch einige Journale zweifelhafter Art darüber in gut bezahltes Entzücken gerieten und in diesem Bündnis den Beginn einer neuen Aera für die Waener Juden, einen Verzicht Lutgers auf den Antisemitismus anzukündigen versuchten, so haben wir keinen Augenblick bezweifelt, dass Taussig von Lueger für die Bewilligung des Darlehens nichts anderes als einen — baren Profit verlangte. Tatsächlich hat auch Lueger einige Tage später mit seiner ganzen Bartei für die Resolution Schund gestimmt. Das Wiener Anleiten lag auf derselben psychologischen Linie wie die Bogrom-Aktien. Es war geradezu prädestiniert für den Kommandeur des Stanislaus-Ordens. Es war daher überflüssig, sich darüber aufzuregen. Nur eine Zeitung hat sich über das Geschäft Luegers mit Taussig riesig entrüstet. Sie zappelte voll Ingrimm über den „Bump" und verhöhnte die beiden .Vertrags-Parteien; sie wies nach, dass die Banken die Gemeinde übers Ohr hauen. Dieses Blatt war das sozialdemokratische Hauptorgan — Arbeiter-Zeitung". In zwei Artikeln beschäftigte sie sich mit dem Anlehen, und Herr v. Taussig samt seinen Stammesgenossen" bekam am 21. Juni von dem Stammesgenossen der „Arbeiter-Zeitung" folgende Schmeicheleien zu hören : „Herr Taussig — der Jude Taussig! — hat einen großen Triumph erlebt: ihm und einigen anderen S t a m m e s g e - Nossen und Berufskollegen im Geldmarhen wird heute vom Wiener Stadtrat der Dank ausgesprochen. Die Podenkredtfanstalt, an deren Spitze Herr Taussig steht, und die Länderbank, haben sich nämlich — wie der Stadtrat in seinem Bericht an den Gemeinderat so glückstrahlend sagt — „über Wunsch des Bürgermeisters in dankenswerter Weise bereit gefunden, den gegenwärtig zur Ausgabe bestimmten Teil des neuen Anlchens zu übernehmen". Die beiden Banken übernehmen nämlich 150 Millionen Knmen Anlehen zum Kurse von 95.1 25 Prt»-ein und machen dabei ein glänzendes Geschäft; denn sie zahlen der Gemeinde Wien für Obligationen von 150 Millionen Kronen Nominalwert 14j.e87.500 Kronen aus, machen also ein Milliüiiengeschäft, dass jedem Bankdirektor das Herz im Leibe lachen muss. Das Geschäft der Banken ist nichts Verwunderliches. Geschäfte zu machen ist ja der Zweck der Banken: nur von der antisemitischen Gemeindeverwaltung ist es eine merkwürdige Bekämpfung des ,,j ü d i s c h e n K a p i - tals'" — so steht es doch im Programm! —, wenn sie den ,.j ü d i s c Ii e n B a n k e n'* s,»l«-|<(; .Millionengeschäfte verschafft und es noch als ,,da nkensu er; ' preist, dass sich Herr Taussig und Herr Lohn stein zu dem Geschäfte herbeigelassen haben." Hierüber wird der G<-m<-inderat am Dienstag entscheiden und es i>t zweifellos, ila-s die christlich-soziale Majorität beschliessen wird, das jinlisrlie Kapital wieder einmal gründlich zu bekämpfen und jeii den Banken tlas Geschäft abzuschliessen. Durch diesen Pump ist nach der Meinung des Stadtrates der Investiti.'üdu-darf der Gemeinde ..jedenfalls bis über das Jahr i<;<»i hinaus gedeckt"'. D a n tr soll weiterg e p u m p t w e r (I e n." Am 23. Juni wurde das Anlehen neuerlich besprochen. Da lasen wir: ,.Dcr Gemeinderat wnd dem Vebereinkommen heute zustimmen und man wird dabei die Pikanterie erleben, dass die strammen Gemeinder.tt-anur-emhen statt ..Nieder mit den Julien!" aus voller Kehle ,,IP<eh Taussig!" rufen und beschliessen, der Börse, die sie wie das judische Kapital ja auch bekämpfen, Prospekte aufarbeiten zu lassen. ,,Ormer Vodda, wie host du dich verendert!" l)as war wirklich schon von der ,.Arbeiter-Zeitung'". Denn sonst traute sich ja kein anderes Tagblatt, mit dem Bürgermeister und dem Gou\erneur- Stcllvcrtreicr anzufangen. Da gibt's also nichts zu reden. Nun kamen die Inserate. Das Publikum sollte aufgefordert werden, die Obligationen der Kommune zu subskribieren und sein Bargeld für den ,,1'ump" herzugeben. Durften Luegcr-Taussig der ..Arbeiter- Zeitung" zumuten, dass sie das Inserat veröffentlichen, dass sie ihren Lesern die Bedingungen einer Subskription bekanntgeben wird, die sie bisher bekämpft und verhöhnt hat? Durften sie dem Blatte zumuten, dass es einige Hundert Kronen vom;,jüdischen Kapital" annehmen wird? Ja, sie durften. Die Press Katone nehmen — streng nach dem Tarif. Die österreichische Spczhlität, dass ein Blatt ein Unternehmen bekämpp. und dann trotzdem von ihm ein Inserat annimmt, hat sich auch die ^Arbeiter- Zeitung" angeeignet, tretzdein eine so strengmoralische Zeitung in solcher! Fällen besonders diffizil sein sollte. Allein auch bei der ..Arbeiter-Zeitung" gilt der Spruch: Es wisse deine Rechte nicht, was deine Linke — nimmt. L. Unter dem Titel „Das Ende der türkisch-israelitischen Rultnsgemelnde In Wien" haben wir Jüngst einen Artikel veröffentlicht, der grosses Anfsehen erregte. Wir haben uns daher entschlossen, von demselben Verfasser In einer der nächsten Nommern die Behandlnng dieses Themas fortsetzen zu lassen,