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Neue Nationalzeitung · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 28. mädchen, das beim Abräumen des Tisches ziemlich länglich verweilt. Er hat sich eine neue Zigarette gedreht, die er, geziert, in den Brand setzt. . . . Der Onkel aus der Provinz fährt fort: „Die Degeneration unserer Generation hängt aber wohl kaum mit dem allzuvielen Studium zusammen. Ich alter Zopf bin in dieser Beziehung einer, allerdings veralteten, zopfigen Anschauung. Die jungen Leute studieren heute weniger, leben dafür etwas mehr Und rasch, nur allzu rasch. Sie begeistern sich für die allerneuesten Operetten und ihre Interpretinnen, für Kartenspiel und die moderne, nicht ganz reinliche Literatur, für das Kaffeehaus und das Variete, sie rauchen und tanzein zu viel. Da bleibt freilich wenig Zeit für das Studium. Das ganze aber nennen wir ..neuen Kurs". Er stösst das letzte Wort: mit der Kraft der Ironie hervor, der Vater erwacht aus seinem Schlummer, hört das Wort ..Kurs", und fragt noch etwas traumverloren: ..Was meinst du. bester Onkel, über die „Kurse"? Schlechte Börse war wieder heute, diese Südbahn bereitet mir schlaflose Nächte." — Alle lachen, auch die Lyzeuschülerin, denn auch sie hat es aus einem Gespräche zwischen Vater und Mutter erlauscht, dass der Herr des Hauses leider stark in „Lombarden" engagiert ist. u<nd ihm die Südbahn „durch den Kopf geht4 Der Rechtsanwalt, nachdem da.-- Lac hm -verstummt ist mit überlegenem Tone: „Sie werden mir doch, gutf^ter < mkel, — Sie gestatten wohl, dass auch ich. als Freund des Hauses Sie so (nenne. — zugestehen die Fugend nehme heute zu viel geistigen Ballast .itif welcher der Gleist beschwert, anstatt ihn zu bilden. Bleiben wir bei einem Beispiele : »Wozu plagt man unsere Kinder mit dem +oten Hebräisch? Ich halteals Materialist von der Religion gar nichts, aber, werden durch diese versteinerte Sprache die jungen Leute nicht in Opposition gegen die Religion getrieben?" . . . Triumphierend blickt er nach diesen Worten, wie ein Sieger, im Kreise umher. Die Mutter lächelt ihm beifällig j;u. der angehende Oktavaner stösst eine dichte Rauchwolke aus und ruft ihm ein kräftiges „Bravo" zu. die Lyzealschülerin klatscht begeistert Beifall mir den mager ausgefallenen Händen Der noch immer schläfrige Vater, welcher sich eine englische Pfeife gestopft und angezündet hat, erlaubt sich dir schüchterne Bemerkung: ..Ich \ erstehe freilich von .euerem Dispute nicht viel, auch nimmt einen das leidige Geschäft ganz in Anspruch, aber ich wage doch, zu behaupten, dass ich nicht ganz der Meinung delieben "Doktors bm. Religion muss sein, wir haben sie von unseren Eltern und wollen , dass sie auch am - sere Kinder besitzen, denn sie wachsen ins ohne hin schon über den Kopf." So viel Und -o mutig hatte der gute Vater schon lange nicht zu reden gewagt. Der Oktavaner und die Lyzealschülerin warfen ihm aber auch .-»choii mehr wütende, al« vorwurfsvolle Blicke zu. Die Mutter (Dame in den Vierzigern, will noch, als sehr jugendlich gelten, kleidet sich demgemäss, Frisur ä la Directoire, grosse Boütons, ein wenig geschminkt): „Lieber Mann, dich machen die Kurse griesgrämmig; entschuldige, von der modernen Zeit Und ihren Forderungen, von dem neuen Kurse, wie ihn unser lieber Sohii nannte, verstehst du injchts." Der Doktor nickt l£ir beifällig zu. Der wer ictende Oktavaner (und die Lyzealschülerin sind weniger wütend. Der erstehe dreht sich die dritte Zigarette Der Onkel aus der Provinz: „Gestatten Sie, Herr Doktor, dass ich auf Worte zurückkomme, die Sie vorhin gebrauchten. Sie redeten von Ballast, Schutt, versteinerter, toter Sprache Meine Meinung geht nun dahin, kein Wissenszweig ist Schutt und Ballast. PIs kommt nur darauf an, wie er betrieben »wird. In den Händen einiger wird aus .Wertlosem -Wertvolles, es verhält sich aber auch umgekehrt. So ist es auch beim Studium. Unsere Alten, die man jetzt m das rostende Eisen zu werfen beliebt, hatten ein hausbackenes Sprichwort: „Alles soll man lernen, nichts soll man brauchen " Der Vater lächelt wie traumverloren und doch verständrüsinnig. „Meine selige Mutter", murmelt er für sich hin, „pflegte gerne diesen Satz zu gebrauchen, wenn wir Kinder nicht lernen wollten." Der Onkel aus der Provinz fahrt iort; „Darum, und weil sie erkannten, welche wichtige Waffe das Wissen für sie war, studierten unsere Vorfahren und Heesen ihre Kinder lernen. Für sie war das Hebräische nichts Versteinertes sondern die Quelle, aus der ihnen alle Weisheit Hoss, Die jüdischen Kinder, weh,-he hebräisch lernten, kamen schon mit einem gewissen Fonds an Kenntnissen ins Gymnasium und überflügelten die anderen. Das ist gewesen. Die Erziehung in unseren sogenannten jüdischen Häusern ist eine andere, aber keine bessere geworden. Man macht zu viel Wesens mit den Kindern. Das scheint mir ein Grundübel unserer Zeit zu sein. Es wird zu viel über Kinder gesehneben und noch mehr geredet. Sie sind ja unsere Zukunft. Wenn sich nur diese Zukunft nicht etwas traurig gestaltet." . . . Der Vater hat aufmerksam zugehört. Er scheint, wirklich nicht mehr über die unseligen Lombarden", -»>n ler auch über seine Kinder nachzudenken. Jetzt rafft er sich zu den Worten auf: „Du hast recht, neber Onkel, tausendmal recht. Diese Kinder wollen nicht gehorchen und man s-.>lt sich nur für sie plagen und rackert;. Die Eltern gelten gai nichts, alles :vui die Kinder. Eine schlechte, schwere Zeit." Der angehende Oktavaner dreht nervös an seiner Zigarette. Er kann sich nicht zurückhalten auszurufen: „Der Papa ist durch die Börs< aufgeregt, mit ihm ist nicht zu reden!" Spricht's und eilt zornentbrannt davon. Die Lyzealschülerin folgt ihm, mit der Miene der Verachtung und des Bedauerns zugleich auf dem. nicht sehr geistreichen Gesichre. Die Mama, entfernt sich, um der Köchin Auftrage zu erteilen. Der Vater studiert mit besonderer Aufmerksamkeit das soeben eingelangte Abendblatt. Er ist nicht befriedigt. „Schlechte Ernte m Ungarn» Südbahnprioritäten, Futtermangel in Rumänien, Borysläv"-- murmelt er für sich hin. Der Doktor erhebt sich. Er will zur Stadt zurückkehren.. „Leben Sie wohl, bester Onkel, unsere Anschauungen werden sich nie begegnen", damit verabschiedet er sich venu dem Onkel aus der Provinz, der steh schliesslich' ganz vereinsamt sieht. , „Zu diesen Leuten passe ich nicht", bemerkt er halblaut.....,Trachten wir so, rasch als möglich wieder nach Hause zu kommen/ Er gefällt mir gar nicht der neue Kurs" ... Es ist ganx finster, geworden. ,

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