Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. ,N ein- N ationul-Zeituug"'4 Feuilleton. Seit« IV ANTON TSCHECHOW RoHischild's (5«i6c. Die Stadt war klein, kaum mehr als ein Dorf, und sie war beinahe ausschliesslich von alten Leuten bewohnt, von denen so selten einer starb, dass es rein zum verzweifeln war. Im Hospital, sogar im Gefängnis wurden nur sehr selten Särge Verlangt. Mit einem Wort, das Geschäft war schlecht. Wenn Jakob Iwanoff Sargtischler der Bezirksstadt gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich sein eigenes Haus besessen und sich Jacob Matwitsch genannt: aller so war er nur unter dem Namen facob und dem Gassen-Spitznamen „Bronza", den er aus dunkler Ursache einmal erhalten hatte, bekannt und lebte so arm wie ein einfacher Muszik in einer kleinen, alten Hütte mit einem einzigen Zimmer. Und in diesem Zimmer lebten er u.id Marfa; die übrigen Einwohner waren ein Ofen, c:n Doppelbett, die Särge, eine Tischlerbank und der ganze Hausrat.; Doch Jacob machte bewundernswerte Särge, dauerhaft und gut. Für Musziks und kleine Handelsleute zimmerte er sie alle in einer Grösse, indem er sich selbst zum Modell nahm. Diese Methode schlug niemals fehl, denn obwohl er 70 jähre alt war, gab es keinen grösseren und stärkeren Mann in der ganzen Stadt, nicht einmal im Getangnis. i< ur 1-rauen und Männer guter Herkunft machte er seine Särge nach Mass und gebrauchte zu diesem Zwecke einen eisernen Ellenstab. Aufträge für Kindersärge nahm er sehr ungern an, verfertigte sie ohne Mass und gleichsam verächtlich, und so oft er für seine \rbeit bezahlt wurde, rief er aus: „Danke. Aber ich muss sagen, es liegt mir nicht viel daran, meine Zeit mit Kleinigkeiten zu vergeuden!" Neben der Sargtischlerei zog Jacob ein kleines Einkommen aus seiner Geschicklichkeit mit der Geige. Bei Hochzeiten in der Stadt spielte gewöhnlich ein jüdisches Orchester, dessen Anführer der Zinnschmied, Moses Ilitsch Schakes war, der mehr als die Hälfte der Einnahme für sich behielt. Da Jakob sehr gut Geige spielte und besonderin russischen Gesängen grosse Fertigkeit besass, verwendete ihn Schakes manchmal im Orchester und zahlte ihm fünfzig Kopeken pro Tag, exklusive der Gaben von den Gästen. Wenn Bronza im Orchester sass, schwitzte er, und sein Gesicht wurde purpurrot. Es war immer heiss, der Knoblauchgeruch erstickend; die Violine wimmerte, an seinem rechten Ohr schnarchte die Bassgeige, an seinem linken weinte die Flöte, die von einem schmächtigen, rothaarigen Juden gespielt wurde, welcher ein ganzes Netz roter und blauer Acderchen im Gesicht hatte, und der denselben Familiennamen trug wie der Millionär Rothschild. Sogar die fröhlichsten Klänge unterstand sich dieser verwünschte Jude traurig zu spielen. Ohne eigentlichen Grund war Jacob langsam von Hass und Verachtung gegen die Juden durchdrungen worden und besonders gegen Rothschild; begann mit Hänseleien, beschimpfte ihn dann und wollte ihn einmal sogar schlagen. Aber Rothschild fuhr auf und sagte mit wütenden Blicken: ..Wenn ich dich nicht wegen deiner Talente respektierte, würde ich dich /um. Fenster hinaus fliegen lassen." Dann fing er zu schreien < n. So wurde Bronza sehr selten im Orchester beschäftigt und nur in besonders dringenden Fällen, wenn einer der Juden abwesend war. Jacob war niemals gute.- Laune gewesen. Er wurde immer von dem Gcd.,nf-cn an die Verluste übermannt, die er erlitten. Zirre Beispiel: an Sona- und Feiertagen zu arbeiten, wcr< eine Sünde, Montag war ein langweiliger Tag im«! so weiter, so dass er auf die eine oder andere Art ^e/vvungen war, ungefähr zweihundert Tage im jaU müssig zu sein. Das w ar ein Verlust! An: :». Mai deletzter, jahres wurde Marfa plötzlich krank. Sie atmete schwer, trank viel Wasser und wankte .Dennoch marine sie am nächsten Morgen Feuer im Ofen und ging um Wasser. Gegen Abend jag sie darnieder. ..jacob," rief Marfa plöi/.lici*, „ich sterbe.44 Er sah sein Weib an. irr Gesicht war rot vom Fieber und ungewöhnlich khr und freudig; und Bronza, der gewohnt war, ihr blasses, furchtsames und unglücklich blickendes Amlitv. zu sehen, fühlte sich verwirrt. Es schien, als L sie wirklich sterbett uolhc v.nd in clor Erkenntnis), dass sie für immer die Hütte, die Särge und Jaob .verlasse, glücklich wäre. Fnd jetzt schaute aic zm Decke hinauf, und ihre Lippen zuckten, als werrr sie den Tod, ihren Befreier, gesehen hätte 1 nd :r n ihm flüsterte. Als die Sonne hoch stiind, borgte er von einem Nachbarn einen Karren un<) brachte Marfa ins Hospital. Es waren nicht \ieit Patienten da, und er musstc nur drei Stunden wanew. Zu seiner Freiute wurde er nicht vom Doktor, sondern von Maxim Xikolaitsch, dem Feldscher, empfangen, einem alten Manne, von dem man sagte, dass er, wenn auch betrunken und streitsüchtig, mein wisse als/der Doktor. „Möge es euch wohl ergehen!" sagte Jacob, die alte Frau in das Ordinationszimmer führend. „Vergebt mir, Maxim Nikolaitsch, dass ich euch mit meinen nichtigen Angelegenheiten behellige. Aber hier, Ihr könnt es selber seben> mein Gegenstand ist krank. Die Gefährtin meiner Lebens, sozusagen, entschuldigt den Ausdruck . .." Der Feldscher zog die grauen Augenbrauen izusammen, streichelte seinen Backenbart und begann, die alte Frau zu untersuchen, die gebeugt, fleischlos, mit spitzer Nase und offenem Munde auf dem Tabourei .-ass, so dass sie einen- Vogel glich, der im' Begriffe ist, zu trinken. ..>.u". sagte der Fchbelu; langsam und seufzte dann. ..Influenza und \ iellei«:iei.i bisschen Fieber. Es ist jetzt der Typhus in dei Stadt. Was kann ich tun? Sie ist eine alte Frat- Wie alt?" ..Neunundsechzig ]ahi< . Maxim Nikolaitsch." „Eine alte Frau. Es ist hohe Zeit für sie.4* „Natürlich! Euere Bemerkung ist sehr richr tig", sagte Jacob, aus Höflichkeit lächelnd. „Und ich bin euch für euere Freundlichkeit ausserordentlich dankbar; aber erlaibt mir eine Benierkumj: jedes Insekt liebt sein Leben." . v