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Neue Nationalzeitung · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. „Neue National-Zeitung" Nr. 27 Der Feldscher antwortete in einem Tone, (der ungefähr besagte, dass ihr Leben oder Tod von ihm allein abhinge: ,,Ich will euch sagen, was Ihr tun müsst. Freund: legt ihr einen kalten ^Umschlag auf den Kopf and gebt ihr zweimal des Tages diese Pulver, Und gehabt euch wohl." Jacob sah an dem Gesichtsa'usdruck des Feldschers, dass es eine faule Sache sei. die kein Pulver besser machen werde. Es war \ihm ganz klar, dass es für Marfa keine Hilfe gebe, und dass sie bestimmt, wenn nicht heute, so doch morgen sterben müsse. Als sie heimkamen und die Hütte betraten, blieb Marfa einen Moment stehen und hielt sich am Ofen fest. Und Jacob 3ah sie mit heimlichem Missbehagen an, und er erinnerte sich, dass morgen der Sabbath Johannes des Taufers sei und \einen Tag nach Nicolaus das Fest des Wundertäters und dann kam .Sonntag und danach Montag — wieder ein müssiger Tag. Vier Jage lang konnte nichts gearbeitet werden, und Marfa würde sicher an einem davon sterben. Ihr Sarg musste heute gemach* werden. Er nahm den eiser.ien Ellenstab, ging auf die alte Frau zu und nahm ihr Mass. Hierauf legte sie sich nieder, und Jacob bekreuzigte sich und begann, einen Sarg zu machen. Als die Arbeit vollendet war, setzte Bronza seine I »rille auf und schrieb in sein Vcrlustbuch: „Marfa Iwanoff- Sarg — zwei Rubel 40 Kopeken." Und er seufzte. Wahrend der ganzen Zeit hatte Marfa schweigend, mit .geschlossenen Augen dagelegen. Gegen Abend, als es dunkel -wurde, rief sie ihren Gatten : „Erinnerst du dich. Jacob?" sagte sie, ihn freudig ansehend. „Erinnerst du dich, vor 50 Jahren gab lins Gott ein kleines Kind mit gelbem Haar. Du und ich sassen damals jeden Tag am Flusse unter der Weide, und wir sangen Lieder." Und bitter auflachend, fügte sie -hinzu: ..Das Kind starb." „Das ist alles Einbildung", sagte Jacob. Später kam der Geistliche und reichte Marfa das Sakrament und. die letzte Oelung. Marfa begann etwas Unverständliches zu murmeln, und gegen Morgen starb sie. Alte Nachbarfrauen wuschen sie, hüllten sie in ihr Leichentuch und bahrten sie auf. U/m den Diakonus r»»cht bezahlen zu müssen, las Jacob die Psalmen selber und entging auch der Friedhofsgebühr, weil der Hüter dort sein Pate war. Vier Bauern trugen den Sarg umsonst, aus Respekt für die Dahingegangene. Hinter dem Sarge ging eine Prozession alter Weiber, Bettler und zwei Krüppel. F>ie Bauern auf der Strasse bekreuzigten sich fromm. Und Jacob war befriedigt, dass alles in Ehren, Ordnung und Billigkeit vorüberging, ohne dass jemand beleidigt wurde. Als er Marfa das letzte Lebewohl sagte, beklopfte er den Sarg mit den Fingern und dachte: ,,ein ausgezeichnetes Stück Arbeit". Aber als er vom Friedhof heimkehrte, wurde er von ausserordentlicher Müdigkeit befallen. Er fühlte sich unwohl, er atmete fieberhaft und schwer, er konnte kaum auf den Füssen stehen. Sein Kopf war voll ungewohnter Gedanken. Er erinnerte sich wieder, dass er Marfa niemals bemitleidet und niemals zärtlich mit ihr gewesen war. Die 52 Jahre, die sie in derselben Hütte gelebt hatten, dehnten sich wie eine Ewigkeit zuiück, aber während dieser ganzen Ewigkeit hatte er niemals ihrer gedacht, ihr niemals Aufmerksamkeit geschenkt, sondern sie behandelt, als ob sie tein Hund oder eine Katze gewesen wäre. (Schluss folgt.) l^itcratUF. Zionistisches A B-C-Buch. herausgegeben von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Berlin-Charlottenburg 1908. S. 29 3. Das vorliegende Buch kann als ein guter Behelf zur Heranbildung von zionistischen Partei-Agitatoren angesehen werden. Ks dürfte auch als ein Nachschlagewerk brauchbar sein. Auf zirka 300 Seiten werden 180 Stichworte behandelt. Wir finden da Artikel über Amerika als Einwanderungsland, über die argentinische Ivoionisation, über die jüdischen Kolonien Palästinas, ebenso Aufsätze über die Aufklärungsepoche, über den Messianischen Glauben, über Napoleons Absichten zur Schaffung eines Judenstaates, über alle grossen jüdischen) Organisationen, wie der Ililfsverein der deutschen Juden, die ANiance Israelite l'niverselle. der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Galizische Ililfsverein etc. Ein sehr grosser Raum ist dem Zionismus und seiner Organisation, den Kongressen, Bank. Nationalfonds u. dergl. mehr gewidmet. Aiier Alles in Allem ist das Buch lückenhaft und selbst vom zionistischen Standpunkte parteiisch. Es ist doch sonderbar, dass in diesem Buche die Dreyfus- A f f a i r e, die einen Lavastrom von Judenhass über ganz Europa ergossen und die für sehr viele fuden — ja, wie es in diesem Buche heisst, für Dr. ILerzl selbst — den Anstoss zum zionistischen Gedankengang hervorgerufen hat, gar nicht behandelt, sondern mit zweimal zu je einer Zeile abgetan wird: Bernard Lazare. der (icncralstabschcf der Dre\ fus-Kampagne. Lazare, der Z i o n i s t. wird im ganzen Buche überhaupt nicht er w ä h n 1. Auf die jüdische P r e s s e wurde ganz vergessen: dem Hebräischen, das doch nur von einem geringen Teil unseres Volkes gesprochen wird, sind drei Seiten gewidmet — an das I i d d i s c h, die Sprache unserer \ olksma^eu, unserer .Millionen, hat keiner der 40 Mitarbeiter gedacht. Es hätte nicht geschadet, wenn das Buch auch einen kleinen Diskurs über „Diplomatie" enthalten hätte. Der ,.politische Zionismus" basiert ja zum grössten Teile auf Diplomatie, sie gehört doch wirklich zum zionistischen A-B-C. Es mu>s auffallen, dass im ganzen Buche der Name des Professors Vambcry nicht vorkommt. Der berühmte Orientalist hat es erst durch seinen Einfluss ermöglicht, dass Doktor Ilerzl vom Sultan -empfangen wurde. Was dieser Gelehrte, det heute die grösstc Kapazität in der Orientpolitik ist, für die zionistische Bewegung bedeutet, darüber dürfte wohl Herr W o 1 f f s <■ h n Auskunft erteilen können. Dass die .Mitarbeiter darin einig waren, auch sonst Namen jener Personen, die den Zionismus vorwärts gebracht haben, aber heute nicht zur Partei gehören, nicht zu erwähnen, ist selbstverständlich. Es erübrigt uns noch, einiges in der Biographie Dr. Herzls richtigzustellen. Die Behauptung, dass Dr. Ilerzl in London in Audienz empfangen wurde, ist. wenn damit eine Audienz, beim englischen Konig angedeutet werden will, nicht richtig. König Eduard VII. hat eine solche Audienz — die Gründe sind mir genau bekannt — nicht bewilligen wollen. Dafür wurde übergangen die Zusammenkunft Dr. Herzls mit Plehwe. Beide' Vorgänge erscheinen mir historisch von Wichtigkeit. L. \MJ<s$iFtschaftIiches, „Atlas", Lebens-, Militärdienst- und Rentenversicherungs- Aktiengesellschaft. Wien. I., Franz Josefs-Kai 1 (Atlas-Hofj. In der VIII. ordentlichen Generalversammlung wurde der Jahresbericht pro 1907 vorgelegt. Aus demselben geht hervor, dass 6233 Anträge von K 15.8S2.131,— eingereicht wurden, 5176 Polizzen über K 12.210.325,— zur Ausstellung gelangten. Die Prämieneingänge stellten sich auf K 1,115.104,42, die Prämienreserve und die Prämienüberträge auf K 4,468.335,87. Die? Sterblichkeitsverhältnisse sind durchaus günstige gewesen. Aus dem Betriebsüberschusse per K 11.440,26 werden K 6ooo,— dem Dividendenfonds der Versicherten zugewiesen, welcher sich nunmehr auf K 77.014,05 stellt. Der Rest wird auf neue Rechnung vorgetragen. Die statutengemäss ausscheidenden Verwaltungsrate, die Herren Dr. Guido Freiherr von C 1 a u e r, Karl Rächer und Kommerzienrat Gustav \Schwanhäusser wurden wiedergewählt. Das kooptierte Verwaltungsratsmitglied, Herr Eugen M a i, Rentier iin München, wurde in seiner Funktion bestätigt. ,

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