Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. „Neue National-Zeitung" Seite 9. geschleudert — der polnische Finanzminister findet Zeit und Lust, Witze zu machen. So bemerkte er zur Deputation: „Lassen wir die X a r r i s c h k e i t e n, reden wir von Tachlis!" oder ^Werden die Schikurim trinken?" Bei den neuen Branntwein-Gesetzen werden Staat und Land, um mit Korytowski zu sprechen, ihren Rchach machen. Wenn aber auch einige tausend Juden verhungern, so nimmt dies im Parlamente niemand tragisch. Wir Laben ja einen Finanzminister, der jiddisch spricht. L. jÜprechsaal» Mannheimer und Jellinek. Sehr geehrter Herr Redakfeui! In der in Ihrem Blatte erschienenen Artikelserie ..Der Obcrrabhiner und sein Vorstand" wird die Behauptung autgestellt, dass der unvergessliehe M a n n h e i in e r die Verleihung der anlässlich der Kröftnung des I.copoldstädtcr Tempels neu kreierten Predigerstelle an dm Kcli--ionslehivr Doktor Cierson Wolf ,,für sein Leben gerne" gesehen hätte, dass der damalige Vorstand sich aber entschieden weigerte, diesen Wunsch Mannheimers zu erfüllen. Ich richte an Sie das höfliche Ersuchen, nachstehender aktenmä.ssiger Darstellung des Sachverhaltes in Ihrem geschätzten Blatte freundlichst Raum geben zu wollen. In der am ib. Jänner 1855 stattget"undenen Sitzung der Dethaus-Sektion wurde über die Besetzung der neuen Predigerstelle beraten. Anwesend waren die Mitglieder: Vertreter Josef Biedermann und die Beiräte S. Lippmann, K. Schlesinger. A. Strauss und IC. Wertheim. Als Gäste wohnten der Sitzung bei: fosef Wertheimer und Prediger Mannheimer. Nachdem letzterer vorgeschlagen hatte, sich vorerst!uu Predigern von Kut ins Einvernehmen zu setzen, machte J:>sef Wertheimer als solche namhaft: Stein in Frankfurt, Geigvr in Breslau und Dr. Jellinek in Leipzig. Mannheimer .sprach sich aus mehrfachen («runden gegen die zwei erstgenannten aus; bezüglich des Doktor Jellinek bemerkte er, dass dieser .ein sehr beachtenswerter Kandidat sei, wissenschaftlich ausgezeichnet, sein Ruf sei ein sehr guter, auch rücksichtlich seines Predigertalentes, und er habe sich um die Gründung des Tempels in Leipzig ein grosses Verdienst erworben." Nachdem Mannheimer noch auf die Rabbiner Dr. J. Fürst, Dr. I.andesberger. Dr. Adolf Schmiedl und Dr. Schuabachcr aufmerksam gemacht hatte, stellte er die Frage, ,,0 b m a n d e n ,R e 1 i g i o n s 1 e h r e r W o 1 f Ii i c h t b C r U c k S i c h t i g e n w o 1 1 e r" Joset Wertheimer entgegnete, dass ,,dieser nicht geeignet scheine, entfernt selbst, nelx-n Mannheimer zu stehen". Letzterer bemerkte hierauf, ,,^>l> man nicht Dr. Kämpf in Prag beachten wolD?" Schliesslich einigte man sich, einen Konkurs zur Besetzung dieser Stelle auszuschreiben. Ausschliesslich auf die vorstehend erwähnte Frage beschränkte sich das Einstellen Mannheimers zu Gunsten der Kandidatur Wolfs. Weder in den früheren, bereits im Jahre 1854 begonnenen, noch in den zahlreichen späteren Verhandlungen über diese Angelegenheit kommt der Name des letzteren auch nur ein einziges Mal noch vor; ebensowenig erscheint er in der Liste der 29 Bewerber. Dass die Anstellung Dr. Jellineks mit Zustimmung Mannheimers erfolgte, wird durch folgenden Vorgang illustriert: Nachdem Dr. Jellinek am 1. November 1856 seine Probepredigt gehalten hatte, wurde in der Tags darauf stattgefundenen Plenar sitzung zur Wahl des Predigers geschritten. Da aus der Mitte der Versammlung der Wunsch laut wurde, vorerst nochmals die Meinung Mannheimers über Dr. Jellinek einzuholen, ersuchte der Vorsitzende. Leopold von Wertheimstein, den Vertreter Moriz Goldschmidt und den Beirat Doktor Maximilian Engel, sich zu diesem zu verfügen. Zu diesem Behufe wurde die Sitzung unterbrochen. Die Genannten berichteten hierauf, Mannheimer habe seine Ansicht im Hinblicke auf das bereits rücksichtlich des Dr. Jellinek abgegebene Gutachten nicht geändert. Er habe gegen die Anstellung desselben durchaus nichts einzuwenden und sei in seiner Meinung über dessen Befähigung zum Redner durch die abgehaltene Probepredigt; nur noch mehr bestärkt worden. Nunmehr wurde — ausnahmsweise geheim — abgestimmt: Dr. Jellinek erhielt 12, Dr. Mcisel 3 Stimmen. Ich zeichne etc. Sigmund Husserl, (Archiv-Beamter der isr. Kultusgemeinde in Wien, ©cstcmich-Qtigapti. Die Wurstfabrik der Knltusgemeinde. Wien, Ende Juni. (Orig.-Korr.) Es war vor einem Jahre, als sich an einem heissen Tage der Kultusvorstand mit der Koscher-Selchwarenfrage beschäftigte. Man kam jedoch zu keinem Resultate trotz längerer Beratungen. Herr David Ritter von G u t ma n n machte dam.ds die witzige Bemerkung: „Wir werden heute selbst geselcht.'* Seitdem hat die Angelegenheit dann noch Fortschritte gemac ht und waren wir vor einiger Zeit in der Lage, mitzuteilen, dass der Kultusvorstand den prinzipiellen I'eschkiss gefasst hat, eine selbständige Selchwarenfabrik zu errichten. In der letzten öffentlichen Plenarsitzung vom. 24. Juni 1. J. teilte nun das Präsidium mit, dass der Kultusvorstand drei Fachmänner gefunden hat, welche unter der Aufsieht des Kabbinates eine Selchwarenfabrik errichten und mehrere Verkaufsstellen eröffnen, sowie ausserdem noch im W ege der Presse dafür sorgen wollen, dass das weiteste Publikum von dieser Acugiundung erfahre. Die Namen dieser Fachmänner wurden jedoch nicht genannt. Damit ist hoffentlich ein für allemal der skandalöse Zustand auf dem Gebiete der Koscher-Wurstwarenerzeugung in Wien beseitigt. Man muss nur staunen, mit welcher Kühnheit die jüdischen Selchwarenfabrikanten ihre Waren als koscher affichieren, wiewohl dieselben nicht nur n i c h t k D scher, sondern ausgesprochen „n e - w e 1 e*', d. h. A a s sind. Wer es nicht glaubt, dem wird es der orthodoxe Rabbiner M a y e r so h n ganz offen erklären. Diese absichtliche I r r e f ü h - r u n g des Publikums seitens der Selchwarenfabrikanten, diese Verhöhnung der religiösen Gefühle der gläubigen Juden geschahen bisher unter stillschweigender Duldung des Kultusvorstandes und des Rab« binates. Die Selchwarenfabrikanten durften sogar mit hebräischen Lettern den „koscheren" Charakter ihrer Erzeugnisse anlügen, und es hat sich bisher keine kompetente Instanz gefunden, die ihnen dies verboten hätte. Diesen Zuständen ist nun ein Ende bereitet! Zwar dürften noch fernerhin die Selchwarenfabrikanten ihre Waren als ,,koscher" anpreisen, allein es sind eben Einrichtungen getroffen worden, um das Publikum zu warnen, und es darauf lauf - merksam zu machen, dass nur die Selchwaren koscher sind, die in der unter der Aufsicht ydes Rabbinates stehenden Fabrik erzeugt werden. Ein sensationeller Selbstmord. Prag, den 29. Juni. (Orig.-Korr.) Am vorigen Dienstag ist der K u 1111 s - R e p r ä s e n t a n t Ernst B. eines „plötzlichen To!es" gestorben. Allem Anscheine nach ist der Verstorbene freiwillig aus dem Leben geschieden, Ueber die Ursachen des Selbstmordes sind verschiedene Gerüchte im Umlaufe, die so unglaublich sie auch klingen, dennoch einen seriösen Hintergrund zu haben scheinen. Ich erfahre darüber folgendes: Ernst B. war Mitglied und Kassier des israelitischen Kreuzer Vereins, Kassier des jüdischen Unterstützungsvereines „Poale Touw" und Armenvater