Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425749--0889-2427206
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 7. fehle ein getaufter Jude namens S c h ä f e r Vorlesungen über den Talmud hält. Die deutsche christlichsoziale Partei ist nach meiner Ansicht n u r e i n e \V i d in a n a f f a i r e. Sie wird in sich zusammensinken, wenn W'idman (vom Schauplatze abtritt, ebenso wie sie nicht entstehen würde, wenn Widman nicht aufgetreten wäre. Anders die r u in ä n i s c h e christlichsoziale Partei. Das rumänische Volk ist zwar nicht christlichsozial, schon aus dem einfachen Eirunde, weil die griechischen Orientalen nicht klerikal und schon gar nicht katholisch-klerikal sind. Aber die rumäni - sehen Abgeordneten haben es als notwendig (erkannt, sich einer der grossen Parteien im Tarlamente anzuschliessen. Sie sind ihrer kaum fünf im Parlament, während die Ruthenen, die in der Bukowina mit ihnen um die Vorherrschaft konkurrieren, den .stärksten Rückhalt an dem grossen Ruthenenklub 'haben. Um nicht von dem wachsenden, ausgreifenden Kuthenentum niedergebügelt zu werden, mussten sie sich einer grossen, nicht slavischen Partei'anschlics sen, mit der sie-die meisten Berührungspunkte haben. Die agrarischen Christlichsozialen stehen ihnen nun näher als die Sozialdemokraten oder die auf dein ausschliesslich nationalen Standpunkt stellenden Deutschen. Diesem Anschlüsse der Rumänen an (die Christlichsozialen ging eine Einigung im zerklüfteten rumänischen Pager voraus, so dass wir Juden mit begründeter Betrübnis vor der Tatsache stellen, dass das ganze rumänische Volk zur Fahne der Christ lichsozialcn steht und mit Widman Hand in Hand geht. Wir Juden tragen an diesem Zusammenschluss der Rumänen unter der christlichsozialeu Flagge keine Schuld und selbst wenn unsere Presse den führenden Kopf unter den Rumänen. Herrn Aurel voa Onciul. auf Rosen gebettet hätte, wir hätten "wahrscheinlich diese Entwicklung nicht aufhalten können. Von jüdischer Seite wird dem Dr. Straucher /.um Vorwurfe gemacht, dass er die Schuld an dem Anschhiss der Rumänen an die Christlichsozialen trage, weil er bei den letzten (äemeinderatswahlen den Rumänen zwei Mandate weggenommen und sie den Polen gegeben habe. Es ist zwar richtig, dass das bei den Rumänen Erbitterung hervorgerufen hat, aber diese Mandatsverkür/ung ist wahrhaftig kein Grund zu einer feindseligen Betätigung gegen die Juden. Denn einerseits hat ein Ted der luden mit den ..Unabhängigen Juden" ge-timmt, die mit den Rumänen koaliert waren und für die Erhaltung des Besitzstandes, auch des rumänischen .arbeiteten : andererseits wäre dieser Anla^s zu kleinlich für einen Schritt \ on so weittragender Bedeutung. Nun stehen wir Juden vor der fertigen Tatsache, dass Rumänen und Deutsche chri-HF hsozial sind. Was das heilst, besagen die deutschen und rumänischen Blätter: es weht Pogromluft. Der jüdische Einflu-s >st so gering geworden. dass wir bei der Regierung nicht einmal die Konfiskation einer einzigen Nummer des christlichsozialen Organe^ erwirken konnten, obwohl dasselbe sich vielfach gegen das Strafgesetz vergeht. Die offiziellen Führer der fuden halten wohl Versammlungen, m denen von einer ..christlichsozialen Gefahr" und der Notwendigkeit einer Organisation gesprochen wird. In Wahrheit aber geschieht gar nicht-; die ..jüdische" Presse schweigt die Bewegung tot und glaubt darin die Panacee gefunden zu haben. D i e J u d e n s i n d ohne e i g e n c Pres s c, die, wenn schon alles verloren gehen soll, wenigstens die Ehre retten k a n n. Die unglaublichsten Märchen werden über die Juden verbreitet und wir haben kein jüdisches Blatt, dass die handgreiflichen Fügen öffentlich widerlegen würde. Es kommen schlimme Zeiten. PARLAMENT. Der Jahrmarkt in Ulaszkowce. Wer hat nicht von den berühmten Märkten in \ laszkowee gehört ' Sie datieren noch aus den Zeiten der polnischen Unabhängigkeit und sind für die drei Nationen Polens und Galiziens noch heute das, was für Deutschland die Leipziger Messe. Die luden nennen den Ort kurzweg ,,Faszkewitz/\ Dort bekommt man Alles, was selbst der Kulturmensch für seinen Haushalt und seine Bequemlichkeit benotigt: Seide, Brillanten und Vollblutpferde. Der geniale Krakauer Kunstakademie-Direktor Falat hat dieses wirre Durcheinander in einem reizenden Aquarelle festzuhalten verstanden. Von diesem fahrmarkt leben Tausende Menschen. Nicht bloss die Händler, die aus allen Richtungen ihre Waren herbringen, sondern auch die Einwohner von Ulaszkowce selbst: fuden und Rutheneil. Sie vermieten für die dreiwöchentliche Marktdauer Wohnungen und Gewölbe, die Juden sind besonders als Makler. Fuhrwerker, Lastträger beschäftigt. Von dem Verdienste dreier Wochen leben sie das ganze Jahr - müssen sie leben . . Diesen kargen Bettelpfennig dürfen sich die Fimvohner von Ulaszkowce nicht mehr verdienen. Sic dürfen kann Gewölbe und kein Zimmer vermieten, der fahrmarkt darf überhaupt auf dem Gemeindegebiete nicht stattfinden. Die zuständige Bezirkshauptmannschaft Czortkow hat im vorigen fahre die epochale historische Fntdeckung gemacht, dass der Jahrmarkt ein Privilegium Seine r F x z e 1 I e n z d es G r a f e n L a n c k o r o n s k i in W i e n ist. Der Herr Graf, der als Kunst-Mäcen bekannt ist und alljährlich Hunderttausende auf Kunstwerke ausgibt, reflektiert darauf, dass der Markt nur auf seiner Besitzung in Ulaszkowce stattfinde, dass seine Gebäude ausschliesslich als Mietobjekte verwendet werden; für ihn spricht ja das Privilegium. Beides behauptet die Bezirkshauptmannschaft. Die Pri\ilegiums-Urkunde hat kein Mensch gesehen; dass Herr Graf Fanckoroaski, der ein vielfacher Millionär ist, hunderte Familien auf den Bettelstab bringen w ill, hat Niemand gehört. Und doch werden in ("laszkowee von einein Kommissär Fäden ges c blosse n, W a r e n konfisziert. Straf e n diktiert. Rekurse an die Stattha.lterei bleiben unerledigt liegen. So war es im vorige n Jahr. Heuer w iederholt es -och. Sollen wir von Gewalt, von russischen Zustanden, oder gar von einer brutalen Schlachzizenhenschaft sprechen nein, das geht nicht. Gesetz ist Gesetz und wenn e,s auch nur ein Privilegium ist. Dass dieses Privilegium erst zu 'Page kam, aF Ulaszkowce zwei oppositioneile Abgeordnete, darunter einen Jüdisch-Nationalen, gewählt hafttc, war wohl nur ein Zufall. Vor vierzehn Tagen kam ein Vertreter der Gemeinde Ulaszkowce nach Wien, um durch Interven-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.