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Neue Nationalzeitung · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Neue Naiional-Zeitung" Nr. 27. ger des deutschen Volkes, nicht nur theoretisch, sondern wir eignen uns auch die deutsche Bildung an. Wir werden an seiner Seite stehen, wenn es für Frciheit, wahre Geichberechtigung und Fortschritt kämpfen wird. Denn das deutsche Volk wird in Oesterreich nur so lange die Führung behalten und beanspruchen können, als es an der Spitze der Freiheit marschieren wird. Inzwischen Avollen wir Juden unsere Eigenart pflegen und Kulturarbeit leisten. Wir Juden sind Freunde aller Völker und wollen sie in ihren friedlichen nationalen und kulturellen Bestrebungen unterstützen. Die Deutschen aber mögen beherzigen, was die deutsche unverfälscht arische .Wählerschaft in Innsbruck gesagt hat: Deutschtum und Freiheit mögen identisch sein! Möge das auch wirklich in "Erfüllung! gehen! (Beifall,) Dr. MAYER EBNER. Die antisemitische ]$evfregutig in der föul<o\^ina. Im August 1897 wurde am ersten Zionistenkongress über die Lage der Juden in aller Herren Lander Vortrag gehalten. Ein einfärbiges Bild, gravi und düster. Mir blieb es vorbehalten, eine kleine lichte Stelle in dieses Bild zu malen. Ich sprach über die Bukowina. Eldorado der Juden, keine sittliche, keine leibliche Judennot, 13 °o der;Gesamtbevölkerung des Landes, Juden politisch mächtig, Zünglein an der Wage, Frieden mit allen Nationen. ,,Antisemit" ein Schimpfwort, ,,Philosemit" ein Ehrenname. Der Judenknecht" noch nicht entdeckt. Blauer Himmel und Sonnenschein. Nur ein kleines Wölkchen am Horizont. Die nationale Sonderung der Juden und Deutschen hatte bereits begonnen, bei den Deutschen im Zeichen des — Kreuzes. Sie nannten sich „Christlich-Deutsche" und trieben volle zehn Jahre bis Ende 1907 deutschnationale Politik. Zehn Jahre deutscher Antisemitismus — allerdings gemildert durch deutsche Ohnmacht und jüdische Ueberlegenheit. von den eigenen Stammesgenossen nicht ernst genommen, weil die deutschnationalen Recken vor jeder Wahl den Antisemitismus abschworen, um mit Hilfe der Juden, die alles vergessen und aus der Erfahrung nichts lernen, Mandate und eintragliche Sinekuren zu erlangen. Das war zehn Jahre lang. Nun hat eine rieue Epoche begonnen. Der christliche Sozialismus hat offiziellen Einzug in die Bukowina gehalten. Zuerst Vals deutscher, vor einigen Wochen als rumänischer, bald als internationaler christlicher Sozialismus. Im Sturmschritt geht er durch das Land, das Kreuz ist die Fahne, das Judentum ist der Feind, Presse und Versammlung sind die Waffen, Hohn und Schimpf, Spott und Verleumdung' sind die Geschosse, und wirtschaftlicher Boykon, Ausweisung der russischen und rumänischen Flüchtlinge, zertretene jüdische Existenzen und politische Nullifizierung sind die unausbleiblichen Folgen dieses Kampfes. Die christlichsoziale Bewegung steht noch in ihren Anfängen, aber sie steht und es wird von der Parteileitung eifrig betont — im Schutze der Regierung! Muss man da £nicht an das Beispiel in Russland denken,,wo die schwarzen Hundertschaften gleichfalls unter dem Schutze der Regierung stehen! Schon hat der sozialdemokratische Abgeordnete von Czemowitz-West das fürchterliche Wort v o n der Möglichkeit eines Pogroms in der Bukowina gesprochen. . . . 1897 Eldorado, 1908 Schauplatz möglicher Pogroms! Wie erklärt man den Wandel der Zeit? Ich will in knappen Zügen antworten. Vorerst: Ist das deutsche Volk, ist ,das rumänische Volk --- denn vorläufig handelt es sich -um diese Nationen - den Juden so ifeindlich gesinnt, dass die Betätigung des Judenhasses zum inneren Bedürfnis geworden ist? Ich kenne Landend Leute und sage entschieden: nein. Der deutsche Bauer mag ebenso wie der rumänische ich füge auch hinzu — wie der ruthenische und ipolnische den Juden ganz gut leiden. Aus eigenein Antriebe wird unsere Landbevölkerung den Juden nie ein (Leides tun. Judenfeindlich ist nur die Intelligenz [dieser Nationen. Aber auch diese Intelligenz hat sich bis vor nicht langer Zeit mit den Juden gleichfalls ganz gut vertragen. Tiefere Ursachen hat eben die christlichsoziale Bewegung in der Bukowina nicht. Sie ist keine politische, keine wirtschaftliche Notwendig - keit, sie entspringt nicht dem Bedürfnis nach „Befreiung vom Judenjoch". Die Deutschen sind .gerade mit Hilfe der Juden im Lande gross geworden. Zu zwei Drittel zumindest sind die Juden die Träger deutscher Kultur, um ein Drittel numerisch (Schwächer als die Juden, figurieren sie dennoch im Landtage mit 4:3 (4 Deutsche und 3 Juden), im Reichs rat 2: 1 (2 Deutsche, nur 1 Jude), im Czcrnowitzcr Gemeinderate bis vor kurzem 19: 18 (bei 12.000 Deutschen und 23.000 Juden), das Präsidium -der Handelskammer wurde den Deutschen überlassen, die Bukowinaer Sparkasse — von Juden gegründet;— ist in Händen der Deutschen usw. Der deutschnationalen Propaganda ,- ind die Juden nie;entgegengetreten. Sie haben ihre Reifeisenkassen, Warenhäuser und Konsumvereine gegründet — die Juden haben mit Achtung zugesehen, wie zielbcwusste Eührer fürs Volkswohl arbeiten. So oft die Deutschon politischen Frieden mit den Juden wollten, sie haben ihn gehabt und er hat ihnen Früchte getragen. I :nd doch ist der grössere Teil des deutschen Volkes im Begriffe. ,sich bei den Christlichsozialen einzuschreiben. Daran ist die unter den Deutschen des Landes bestehende, beklagenswerte Spaltung schuld. .Abgeordneter Skedl und Regierungsrat Widman sind die Männer, die sich nicht vertragen; scheinbar Mar es der Judenpunkt, über den man stritt. S k e d 1 galt ,als der liberale Judenknecht, Widman als der nackensteife nationale Heros. Es ist aber gar nicht wahr, denn die christlichsoziale Presse „Bukowinaer Volksblatt" und deutschnationale Presse „Bukowinaer Nachrichten" überbieten einander an Antisemitismus. In Wahrheit ist es der Kampf um die Herrschaft, und da Herr Widman im deutschnationalen Lager sich nicht durchsetzen konnte, da er im Kampfe um das deutsche Landgemeindemandat gegen den Kandi - daten des Abgeordneten Skedl, Herrn Keschmann, unterlag die Juden haben zugunsten des Kcschmann gestimmt - ging er nach geschlagener Wahlschlacht mit seinen Getreuen zu . den Christlichsozialcn über, die er noch im Jahre 1907 mit Feuer und Schwert vertilgen zu Kulissen geglaubt hat. Kr gründete das christlichsoziale Volksblatt, 'das . in jeder Nummer den alten Verganischen .-Kohl aufwärmt, die jüdischen Frauen zu Dirnen und alle Juden zu Gaunern stempelt, den Boykott der Juden predigt und mit dem Ritualmord wie mit dem Pogrom spielt. Er gründet Vereine und hält Versammlungen, in denen — damit nichts an dem traurigen Bilde

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