Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. ,Neue National-Zeitung' Seite 5. zcntsatz nach den Ausweisen der Statistik ^ein ganz geringer. (Abgeordneter Prochazk a: Jetzt wird er berichtigen, dass der Rothschild kein Jude ist!) Reden Sie doch nicht solch' blöden 'Quatsch! Sie sind wahrscheinlich hier bestellt, um solche faule Witze zu machen! (Abgeordneter Prochazka: Er gift' sich!) Natürlich, über Ihren Unsinn, |wcnn Sie immer solche Witze und Blödheiten machen. Ich bin nicht der Anwalt des Rothschild, aber Sie ii n d Ihre Partei m achen mit Baron Rot hschild Geschäfte f Zwischen ruf) u n d nehmen Geld von Taussig — laden sie zu Ihren Festivitäten und Bällen. Das Judenelend in Galizien. Der Strom der kapitalistischen Entwicklung hat: in Galizien Bilder won Elend und Verkümmerung hervorgebracht, wie sie in Europa sonst nicht zu finden sind, hat Typen von Menschen Und Lebensgewohnheiten geschaffen, welche »alle Schilderungen der kühnsten Pessimisten in den Schatten stellen. Blasse, magere, abgehärmte Menschen, die Kleider zerrissen und die Fetzen nachhängend oder zusammengenäht, gewöhnlich verschmiert mit Talg, Kalk oder anderen Stoffen, oft mit Teer bestrichen, das ist das gewöhnliche Aeussere eines jüdischen Proletariers. Die Weiber, in den dreissiger Pahren schon stark gealtert, mit'gelbem, hartem Teint, ein Gesicht voll Runzeln, in ärmlichen, abgetragenen Kleidern lassen die Spuren einstiger Jugendfrische nicht mehr erkennen. Und solche Menschen anit solchem Aussehen, Hunderte an Hunderte, Tausendc an Tausende gereiht, wohnen sie in übertünchten, unregclmässigen Lehmhütten, die vom Geschrei schmutziger Kinder und den tausenden qualvollen Sorgen ums tägliche Brot erfüllt werden. Die Gassen, welche aus diesen Häusern gebildet werden, bieten einen einzigen Anblick dar. Die Häuser haben vielfach keine Aborte und keinen Hofraum; aller Mist und aller Unrat kommt daher auf die Strassen und in die Gräben und in vielen Gassen schlängelt sich durch deren Mitte im Sommer'bei einer Hitze, die Bäche austrocknen macht, stets ein grünlichschimmernder Bach. In den Hütten wohnen in einzelnen Zimmerchen mitunter Familien mit acht Kindern. Kein Wunder, dass Krankheiten aller Art, Skrophulose, Augenkrankheiten, Lungensucht usw. furchtbar hausen, dass die Sterblichkeit, deren Durchschnitt im ganzen Lande 32 Promille beträgt, bei den jüdischen Proletariern gegen 60 Promille ausmacht. 1 Meine LIerren! Hören Sie die paar Zeilen! Das ist kein Stoff zum Lachen, hochwürdi'gster Herr. (Abgeordneter Pastor: Ich lache?) Nicht Sie, aber der Herr Abgeordnete B a u c h i n g e r. Darüber, dass Leute so verwahrlost sind, lachen Sie? Das sind entsetzliche Daten, es ist herzbrechend, wenn man dieses Elend sieht, und die Abgeordneten des Landes Galizien ohne Ausnahme, ohne Unterschied der Parteistellung werden Ihnen diese Zustände bestätigen. ,,Dic Lebenshaltung dieser Unglücklichen ist die niedrigste: während der Woche Kartoffel, Maisbrot und Zwiebel, alles spärlich, alles abgerechnet und abgewogen ,1md nur am Samstag ziert Fleisch niederer Gattung den Tisch. Unter den Arbeitern verdient in erster Reihe die volle Aufmerksamkeit der jüdische Handwerker. Das jährliche Einkommen eines solchen Handwerkers kann auf 100 bis 200 fl. beziffert werden. Das sind die Ausbeuter! In den Kerzenfabriken ist das Personal ausschliesslich weiblich. Junge Mädchen zwischen 16 lund 18 Jahren arbeiten zeitweise ununterbrochen 33 von je 36 Stunden und verdienen für je 12 ■Stunden 30 bis 40 kr. Das Los dieser Mädchen ist jedoch ein beneidenswertes gegenüber dem anderer. Mädchen, die beim Federschieissen beschäftigt sind, haben "inen Taglohn von 10 bis 20 kr. Ebenso traurig ist die Lage derjenigen Mädchen, die von den Bohnc.iexporteuren zum Auslesen und Reinigen der Bohnen verwendet werden. (Abgeordneter K u n s c h a k : Wer (sind diese Exporteure?) Meine Herren! Die christlichen und jüdischen Wucherer und Ausbeuter beuten gleichmässig den jüdischen und christlichen Arbeiter und kleinen Mann aus. Die Ausbeulung ist international und interkonfessionell. Wir verurteilen ^gleichmässig die jüdische und die christliche Ausbeutung, Sie aber sind parteiisch und verurteilen nur die jüdische Ausbeutung. Auf unsere Beurteilung übt es keinen Einfluss, von welcher Nation oder Konfession die Ausbeutung ausgeht -wir verdammen sie ausnahmslos! Bei einem Taglohn von?; bis 20 kr. sitzen sie zu |20 bis 30 an der Zahl in engen Stübchen zusammengepfercht, Körper an Körper bis 9 Uhr abends in eine undurchdringliche Staubwolke gehüllt, aus der mitunter ein heiseres Lachen oder ein trockenes Husten herauszittert." Ein tiefes Weh ergreift jedes Mcnscbcnhcrz. wenn man sich diese erschütternden Verhältnisse Und Zustände vergegenwärtigt. Diese Schilderung habe ich hier vorgebracht, um einmal das furchtbare Elend der jüdischen Proletariermassen in Galizien, einem Lande, welches nahezu 000.000 Juden zählt, zu zeigen, und um einmal die phantastischen Darstellungen von dem grossen jüdischen Reichtum und der Arbeitsscheu der Juden zu zerstreuen. Ich muss nur zumi .Schlüsse erklären, dass wir hier unser jüdisches Volk unerschrocken, mit Dcbcrzeugung' und Opferwilligkeit vertreten und auch den änderen zum Bewusstsein bringen werden, dass wir auf keine Weise uns persönlich oder das jüdische Volk werden beschimpfe1 lassen. Ich rufe insbesondere den antisemitischen Fraktionen der deutschen Parteien in Erinnerung, dass wir Juden durch fahrzehnte dem deutschen Volke treueste Gefolgschaft geleistet haben; wir haben uns deswegen den Hass und die Gegnerschaft der anderen Nationen zugezogen. Glücklicherweise gibt es derzeit unter den slawischen Völkerschaften keine organisierten antisemitischen Parteien, und werden im Hause die luden von den slawischen Völkern geschont und nicht beschimpft. Wohl wirkt der deutsche Antisemitismus ansteckend auch auf die arideren Völker — wir erwarten jedoch von dem gesunden Sinne der nichtdeutschen Völkerschaften, dass sie allen Verhetzungen gegen die Juden standhalten werden. Die Feindschaft der Deutschen und ihre unausgesetzten "Bemühungen auf unsere Entrechtung hat uns die schmerzlichste und bitterste Enttäuschung gebracht. Das haben wir gewiss nicht um das Deutschtum verdient. Wir sind nichtsdestoweniger, und zwar nicht um der schönen Augen des deutschen Volkes willen, sondern wegen der gigantischen deutschen Kultur Anhän-