Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-06-26 · Heft 26 (26.6.1908) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425748--0876-2427192
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 7.!0RR6SP0NDSNZ£N ©est«mich«(3n<3arii. Eine geheime Sitzung dp» KnltnsVorstandes. Wien, den 23. Juni. (Orig.-KorrJ Am 14. d. M. fand eine Sitzung des Kultusvorstandes unter Ausschluss d e r O c f f e n 11 i c h k e i t statt. Auf der Tagesordnungstand nebst der Erledigung" laufender Agenden die Beschlussfassung über dein im eren Lesern bereits bekannten Entwurf eines Lchrplanes für den jüdischen Religions-Unterricht. Dieser Lehrplan wurde auch nach längerer Diskussion in der Fassung des Entwurfes angenommen. Unsere Gemeindeväter haben es für gut befunden, die Frage des Rcligions-Untcrrichtes, der doch die weitesten Kreise interessieren soll, im Konventikel abzutun. Und da wundem sie sich selbst, dass die Allgemeinheit für jüdische Angelegenheiten so wenig Interesse hat. Ueber die Diskussion entnehmen wir ans dem uns zugekommenen Kommunique nachstellende Einzelnheiten : Referent Dr. Alfn il B e rg e r legt den Entwurf des neuen Lchrplanes für Volks- und Bürgerschulen vor und erläutert die Grundsätze, welche bei Abfassung' des neuen I.ehrplanes Richtung gebend waren. Auf die Details übergehend, hebt derselbe hervor, dass der Lehrplan für Volks- und Bürgerschulen, welcher auf eirund des Plenarbeschlusses vom 2. Tuli 1900 derzeit in Geltung besteht, von der I. Klasse ab das \ 'ebersetzen und Memorieren, wichtiger Sätze, Responsorien und Benediktionen fordert. Er stellt nicht den Uebergang aus dem Knmpert'schen Lehrplane, sondern die Abänderung des Lchrplanes von 1S94 dar. In diesem letzterwähnten Lchrplanc wurde die Kenntnis der wichtigsten Stellen des Pentateuchs neben der biblischen Geschichte und ..Religionslehre" als Lehrstoff festgestellt. Obwohl kaum der zwölfte Teil aller Verse des Pentateuchs für sämtliche Volks¬ und. Bürgerscluilklassen vorgeschrieben waren, wurde das Lehrziel nicht erreicht. Die Aendcrungcn, welche der neue Lehrplan i'iooo) aufwies, bezogen sieb auf folgende Punkte: 1. Der früher vorgeschriebene Lehrstoff aus dem Pcntnteuch wird nach der Richtung hin gesichtet, dass alle schwer zu übersetzenden Stellen wegfa I I e n, dass im Gebetbuche vorkommende Stellen, und zwar aus dem Gebetbuche genommen werden, dass letzteres etwas mehr in den Vordergrund gerückt werde, um eine verständnisvolle Teilnahme am Gottesdienste zu ermöglichen. 2. Die Zweistufigkeit der biblischen Geschichte entfällt: in der Volksschule wird dies" nur bis zum Tode Moses genommen, damit der Stoff so gründlich behandelt werden könne, dass in der Bürgerschule eine kurze Wiederholung genügt. 3. Die systematische Religionslehre entfällt: dagegen werden auf jeder Stufe die kehren unserer Religion im Anschlüsse an den Text oder in möglichst wörtlicher l"cbersetzung in entsprechender Verteilung gelehrt und dem Gedächtnisse eingeprägt. Nachdem sich bei Durchführung des Lehrplanes vom Tahre 1900 herausgestellt hatte, dass der beabsichtigte Zweck, die Kinder zur Teilnahme nm Gottesdienste, namentlich am Jugendgottesdienste heranzubilden, nicht erreicht weiden könne, wurde im Jahre 1907 der Lehrerkonferenz der Auftrag erteilt, einen neuen Lchrplan vorzulegen, in welchem bezüglich der biblischen Geschichte grössere Konzentrationen und Vereinfachungen und bezüglich des hebräischen Lehrstoffes besonders die E e r t i g k e i t i m h e b r ä i s c h e n L e s e n und die Kenntnis der Lithurgie behufs Teilnahme der Jugend am Gottesdienste anzustreben. Der nunmehr vorgelegte Lehrplan will den angestrebten Zweck erreichen; zunächst durch Einführung von Geschichtsbildern an Stelle ehr vollständigen biblischen Geschichte, durch Eliminierung des Pentateuchs als speziellen Lehrgegenstand in der Volksschule und durch Einführung von Memorierübungen bezüglich der im Gottesdienste häufig vorkommenden Kesponsen. Auch h e b r ü i s c h e (i r a m m a t i k als selbständiger Gegenstand wurde in der Volksschule eliminiert. In dieser Eorm erscheint der Religionsunterricht in der Volksschule als unmittelbare Vorbereitung des Religionsunterrichtes nicht bloss der Bürgerschule, sondern auch der Mittelschule; während aber in der Bürgerschule bereits von der ersten Klasse Pentateuch, wenn auch in sehr massigem Umfange, als Lehrgegenstand eingeführt erscheint, werden in dem in Aussicht genommenen ivuen Lehrplati für Mittels« hulen die beiden ersten Jahre ausschliesslich zum Unterrichte im Siddur verwendet. Kritiken des Lchrplanes sind von Rabbiner Dr. Kuriein (Töplitz") und Professor Dr. Grünfeld 'Brünn' publiziert worden.*) welche in sachlic her Beziehung eine Aenderung des Lehrplanes nicht herbeiführen können, weil der Lehrstoff, welcher für 2 Wochenstunden berechnet ist. eine Erweiterung unter keinen LTmständen verträgt. Dagegen sind die kritischen Bemängelungen, welche be züglich der Mangelhaftigkeit der vorhandenen Lehrmittel vor gebracht wurden, beachtenswert. An der Debatte, die dem Referate folgte, beteiligten, sich die Kultusvorsteher Prof. Dr. S. E b r m a n n. kais. Rat Siegm. Iva u d e r s und Dr. Markus Spitze r, ferner die Herren Inspektoren Prof. M. K a n i! z und Dr. L a n g f <• 1 d e r und die Religionslehrer D. Löwit und Adolf Rotier. Herr Dr. Markus S p i t z e r führt unter anderem h ol gendes aus : Der vorliegende Lehrplan für Volks- und Bürgerschulen bilde einen neuerlichen und gewiss nicht den letzten Versuch, den Religionsunterricht er-.pne-.slii her zu gestalten. die mittlen* Linie zwischen den in uns-p-r Gemeinde herrschenden Strömungen zu finden und scheint der richtige Weg eingeschlagen worden zu sein nachdem di" Veröffentlichung dieses I.ehrnlanes auch nicht eine einzige oppositionelle Stimme im Gefolge hatte. Seitdem der jüdisch- Geist aus den E a m i I i e tili ä u s e r n g e w i c h e n und die religiöse Erziehung durch das Gesetz mit 2 Wochenstunden kontingentiert wurde, hat sich die Erteilung des Religionsunterrichtes zu einem höchst schwierigen, fast unlösbarem Problem gestaltet. Der in Rede stehende. Lehrplan weise einen bedeutenden Eorischritt auf. dass der Fugend die Möglichkeit geboten ward, dem Gottesdienste mit Verständnis und Andacht zu folgen, an heiliger Stätte iene Erhebung und Stärkung des jüdischen Bewusstseins zu finden, welche im täglichen Leben, im Kampfe ums Dasein segensreich nachwirkt. * Professor Dr. Ehrmann führt aus: Religion und Religiosität lassen sich nicht in der Schule lehren, sie sind! Sache der Erziehung und des inneren Empfindens. Was gelehrt werden kann, ist nur der Lehrinhalt einer Konfession, und diesen sollen die Kinder lernen, um -.ich und andere vor unwahren Deutungen und Unterschiebungen zu schützen, den Wert und 'die Geistesarbeit ihrer Vorfahren schätzen zu lernen, sich an ihrem Opfermuie zu erheben und ihr Selbstbewusstsein zu stärken Die-, 1- I.ehrplan bricht mit der Illusion, dass es möglich sei, durch mühselige (Vhersetzungen aus einigen kümmerlichen Bruchstücken der Bibel einen dauernden Gewinn für die Kenntnis derselben, für ihr tieferes Erfassen zu ziehen, namentlich bei der so äusserst geringen Zahl Vi»n Stunden, die hiezu zur Verfügung in der Volksschule stehen. Man kann mit den besten Lehrplänen nichts uisrichi 11. wenn die ausführenden Männer fehlen: ein tüchtiger Lehr 1 - nachwuchs tut not. Der Inspektor für den Religion-Unterricht an Volks und Bürgerschulen Prof. M. Kanitz wies auf die unbedingt notwendige Unterstützung, die der Religionsunterricht im Hause finden müsse, hin. Nach dem Sehlussw >rse des Referenten wurde der Lehrplanentwurf in der Passung der Unterrichtskominissjou angenommen. Jubiläunis-Kantorentaff. Wien. Der anlässllch des 2;jährigen iV-t indes des osterr.-ungar. Kantoren-Vereines am 22 . 23. und 24. Juni in Wien abgehaltene Kantorentia,g hat einen überaus imposanten Verlauf genommen. Am 22., ir Uhr vormittags, fand im grossen Silzungssaale der Wiener Kultusgemeinde unter dem Vorsitze des Präsidenten Oberkantor J. Singer die Festsitzung statt, an welcher in Vertretung der Wiener Kultusgemeinde Herr Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer und Sekretär Dr. Adler, dann mehrere Bethausvorsteher, Vertreter auswärtiger Clemeinden, die Rabbiner Dr. David und Dr. Feucht - wang, ferner die auswärtigen und. Wiener Kan- *) Gemeint ist hier der Artikel des Herrn Prof. Dr. G r ü ni e 1 d. in unserem Blatte. Aiun. d. Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.