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Neue Nationalzeitung · 1908-06-26 · Heft 26 (26.6.1908) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 26. Gesinnten protestierten laut, die Vertreter der mittleren Linie wie Frankel und seine Freunde waren ni'dit weniger erregt, aber unschlüssig1 und untätig, und die Führer der „Reform" arbeiteten unermüdlich au der Verwirklichung ihrer Bestrebungen. Es fanden Konzilien in Berlin, Brauns'hweig. Breslau und Frankfurt statt, es wurde sehr vi;i geredet. Resolutionen gefasst, das Judentum sollte ..umgejudet". die jüdisch" Geschichte europäisch korrigiert werden. In diesem Momente h ö c Ii s t e r K r r e g u n g" der Gemüter findet sieh der Mann ein, der den temperamentvollen Reformern ebenso temperamentvoll entgegentrat: S a m s o n R a p h a e 1 TT i r s r h. Den Ausschlag gaben seine iS^f> ersrhienenen ..neunzehn Briefe übet* Judentum" und das rS^.S erschienene ..Oiorcb. ein Verstirb über Israel und seine Pflichten". Im ersten Werke behandeis Hirsch die zwei Hauptfragen, die damals ihrer Lösung1 harrten: Staatsbürgerrechte und religiöse Reform. Der Tudrn Pflicht, so lehrte er. ist. sich im Lande einzubürgern und sich vor der Bevölkerung in keiner W: i-<- abzusondern — weder in politischen noch in nationalen Fragen. Sein Buch ..Choreb" oder ..ein Versuch über Israels Pflichten" ist seither zum Kanon der jüdischen Orthodoxie in Deutschland geworden. Die Grundstimmung des Buches ist eine romantische und sie geht auf Bernays der selbst von der Romantik be-Hnflusst Mar. zurück. Hirsch wollte von einer philosophischen Begründung des Judentums nichts wissen und daher seine Abneigung gegen die Arisroteliker. Allein der Feind der Philosophie kommt selbst ohne Philosophie nicht weg und in seinen .genannten Werken kreuzen sich religiös-.' und philosophische Gedanken in buntscheckigster Weis". Praktisch suchte, er die jüdische Orthodoxie zu fördern, indem er die Realschule der israelitischen R e 1 i g i ■> n s gesell s c h a f t v n d die j ü d i s c h e Volksschule i n F r;i nkfn r t g r ü n d e t e, sowie eine vollständige Separierung seiner Gemeinde von der jüdischen Tlauptgemeinde in Frankfurt a. M. vornahm. Aber seine grossen Frfolge verdankte er mehr seinem starken Temperament, seinem eisernen Fleiss. seinem Organisationstalent und seiner uross n. kraftvollen Persönlichkeit als. seinen Schriften. Xicht der ReliLrionsphilosoph. sondern der prinzipienfeste und grosse Volkstribun Hirsch hat Manner wie Geiger und Tost niedergerungen und den strengtraditionellen1 jüdischen Konfessionalismu^ in Deutschland begründet. Von seinen zahlreichen Schriften und Abhandlungen sind noch zu nennen: ..Die Religion im Bunde mit dem Fortschritt" S54^. „Uebersetzung" und Krklärung des Pentateuch" (\$>C>~ —-7S >. „TTebersetmng und Erklärung; der Psalmen" (1S82). ©a* föialystol<eF Pogpomprozcss. (Von unserem Korrespondenten.) II. B i a 1 y stok, den 2r. Jiuv. Die Verhandlung in dem Prozesse hat im allgemeinen wenig Interessantes zu Tage gefordert. Der springende Punkt in der ganzen Prozessfrage ist: Wurde an dem kritischen Tage überhaupt eine Bombe geworfen und wenn ja, wer hat sie geworfen? Die Fragestellung an die Zeugen bewegt sich auch in diesem Rahmen. Wir geben hier einige der interessanteren Aussagen: Der Geistliche Katto witsch: Während der Prozession wurden plötzlich Schüsse hörbar, doch weiss icli nicht, ob sie von Juden abgefeuert wurden. Als ich mit noch einigen Geistlichen den Huligans zuredeten, die Ruhe zu bewahren, schrieen sie uns an: ,,I)as ist nicht euere Sache!" Der Geistliche ZeDnski: Ich habe nicht bemerkt, dass während der Prozession aus Privathäusern geschossen norden wäre. Unter meinen Pfarrkindern habe ich niemals einen Hass gegen Juden beobachten können. Das Verhältnis zwischen ihnen und den Juden war stets ein gutes. j Der Geistliche Kalischcwitsch gibt folgendes zu Protokoll: Als die Unruhen ausbrachen, hielt ich eine Rede an die aufgeregte Volksmasse, um sie zu beruhigen. Da trat ein Mann, es war kein Bauer, sonder ein ,,Intelligenter" an mich heran und sagte laut: ,Bis jetzt Hessen wir euch in "der Prozession gewähren! Euere Arbeit ist vollbracht, jetzt lasst uns unsere Arbeit machen!' Hcrzzerreissend klingt die Aussage des Geistlichen Bcle witsch: Man kann nicht behaupten, dass überhaupt eine Bombe geworfen worden wäre und so kann man natürlich auch nicht feststellen, wer sie geworfen hat. Ich weiss nur, dass plötzlich Militär angerückt kam, und auf die Wohnhäuser zu schiessen begann. Ich selbst habe gesehen, wie die Huligans au» einem Geschäftsladen Kisten hcrausschleppten, sie gewaltsam erbrachen und die Beute auf Wagen luden. Die Entlastungszeugen der Angeklagten machen entweder ganz inhaltslose, oder in sich widersprechende Aussagen. Fast sämtliche Zeugen dieser Kategorie widerrufen ihre seinerzeit vor dem'Untersuchungsrichter gemachten, die Angeklagten stark belastenden Depositionen. Der Präsident des Ge - richtshofes unterstützte diese Taktik der judenfeindlichen Zeugen dadurch, cass er den Advokaten der Privatkläger zu wiederholten Malen die Stellung für den Fall wichtiger Fragen an die Zeugen verbot. Manche Zeugen missdeuteten auch diese Haltung des Vorsitzenden, indem sie gegen jede Fragestelilung von Seiten der Rechtsanwälte überhaupt protestierten. Hcrzzerreissend sind die Schilderungen der Augenzeugen einzelner Mordszenen. Ich beschränke mich auch hier bloss auf die Wiedergabe der Auslagen christlicher Zeugen. So erzählte der christliche Zeuge Prus, wie der Jude Kustin ermordet wurde. Der Mörder versetzte dem Juden zunächst mit einem scharfen Messer einen Stoss ins Herz, 'da aber das Messer brach, ergriff der Huligan einen mächtigen Stein und spaltete Kustin den Schädel. Eine alte Christin erzählte, wie herzlos eine junge Jüdin niedergemacht und ihre Leiche mit Füssen zertreten wurde. Die Aussage des Offiziers Pranzcw gibt eine dem modernen Kulturmenschen unglaublich klin - gende Schilderung von dem tragischen Ende des 72 jährigen K a tz und seiner Familie. Katz bewohnte mit seiner Frau, einem Sohne und der Familie seiner verheirateten Tochter eine armselige Holzhütte. Diese Hütte wurde von den Soldaten beschossen und dann von den Huligans angezündet. Als die Insassen der Hütte vor dem Erstickungstode sich ins Freie zu flüchten versuchten, wurden alle sechs einer nach dem anderen erschossen. Von der greisen Frau Katz, die vor Schreck gelähmt, im Zimmer blieb, fand man später nichts als einige verkohlte Knochen. Selbst die unschuldigen Enkelkinder der Katz wurden nicht verschont, auch sie wurden hingeschlachtet . . . Die Justiz Komödie endete mit der Verurteilung eines Angeklagten zu drei fahren, dreier zu je einem Jahre und acht zu je acht Monaten Gefängnis. Alle anderen wurden freigesprochen. So hat der Czarismtis das vergossene Blut gesühnt, \

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