Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. »Neue National-Zeitung' Seite 5. schlicht Und klar herunter. Darauf ist es zurückzuführen, dass die zahlreichen Orientalen, welche nach Wien kommen, einmütig' erklären, dass sie im Tempel in der Zirkusgasse kein Wort mitbeten können, 'weil sie sich mit dem Vorbeter absolut nicht zurechtfinden und weil sie ihn nicht verstehen. Sie finden diesen Gesang" weder sephardisch noch askenasisch, sondern absolut unjüdisch. Ganz derselben Ansicht sind auch die meisten unter den hier ansässigen Spaniolen. Sie sind aber leider vielzu indifferent, um Abhilfe zu schaffen. Es ist aber eine unbestreitbare Tatsache, dass die wenigsten mitbeten können, Und wir kennen viele Spaniolen, welche aus diesem Grunde das schöne Gotteshaus beharrlich meiden. An Wochentagen und am Sabbath ist der Tempel regelmässig leer, und ohne die dafür bezahlten Minianleute könnte überhaupt kein Gottesdienst abgehalten werden. Ganz anders ist es dagegen bei Hochzeiten erster Klasse und gelegentlich der alljährigen Sultansfeiern. Da prangt und leuchtet alles in Licht, Flitter Und Glanz, da rauscht es von Geigen, Harfenklang, Chor und Orgel, dass man förmlich glaubt, einer Festvorstellung in der Hofoper beizuwohnen. Schade, jammerschade, dass die Hochzeiten erster Güte innerhalb der spantolischen Kolonie immer seltener werden und dass es nur zwei Sultansfeiern jährlich gibt! Für minderwertige Hochzeiten dagegen sind wir schwer zugänglich. Wir haben die Taxen so hoch bemessen, dass es fast immer unliebsame Streitereien setzt und die Parteien es oft vorziehen, sich entweder in der Wohnung oder in einem anderen minder kostspieligen jüdischen Bethause trauen zu lassen. Und gerade der Tempel ist es mit seinem ministrierenden Personal und allem, was drum und dran hängt, welcher neun Zehntel des Budgets der Gemeinde nutz- Und zwecklos verschlingt. Hier wären grössere Ersparnisse möglich, mit denen zur Sanierung der Verhältnisse sofort begonnen werden müsste, wenn man sich eben entschliessen könnte, mit dem bisherigen System aufzuräumen. Aber daran ist wohl kaum zu denken. Ausser dem Tempel besitzt die türkisch-israelitische Kultusgemeinde noch eine Talmud-Thora - schule, eine Jeschiwah, ein Asyl für arme zugereiste Juden Und eine separate Abteilung am Zentralfriedhof. Es wäre hochinteressant, auch diese Institutionen eingehender zu besprechen und darzulegen, wie dieselben funktionieren und ihren Zwecken entsprechen. Doch müssen wir uns dies für heute versagen. Erfreuliches wird auch darüber leider nicht zu berichten sein. Die türkisch-israelitische Kultusgemeinde in Wien geht ein und verschwindet von der Bildfläche, weil sie das Wesen des Judentums und den Kern desselben nie erkannt und begriffen hat. Sie wäre an erster Stelle berufen gewesen, für alle Spaniolen im Orient als Vorbild zu dienen, erzieherisch auf sie zu wirken, jüdisches Wissen, jüdische Kultur unter ihnen zu fördern und zu verbreiten. Das hat sie nicht getan. Desto eifriger hat sie dafür den fremdartigen, imjüdischen Formentand getrieben und nachgeahmt. Eine jüdische Gemeinde, die das tut, versündigt sich aber am Judentum. Die türkischisraelitische Kultusgemeinde hat ihr Schicksal verdient. SAMUEL MAX MELAMED: Samson Raphael pirsch. (Zum hundertsten Geburtstage des Begründers der Jüdischen Orthodoxie in Deutschland.) Die Leidensgeschichte eines Reformators bildet immer ein verkürztes Kapitel Gejstesgeschichte der Zeit, in der er gelebt und gewirkt hat, und so sind auch Lcbensgcschichte und Schicksale des Begründers der jüdischen Orthodoxie in Deutschland die verkürzte Zusammenfassung der Geschichte seiner Zeit. Am 20. Juni rgoS erinnern sich Tausende und Abertausende dieses Mannes, denn er hat seinen Verehrern und Bewunderern nicht nur Bücher, sondern einen positiven Lebensinhalt als Erbe hinterlassen. Zunächst die Daten. Am 20. Juni 1S08 zu Hamburg geboren, entschloss sich der früh reife junge Mann, sich dem geistlichen Beruf zu widmen. 182^ bis 1S2C) studierte er unter dem bekannten Talnutdisten Jakob E t 1 i n g e r in Mannheim Talmud und jüdisches Schrifttum, eignete sich währenddessen eine gründliche profane Bildung an, die es ihm ermöglichte, im Jahre 1S29 die Universität Bonn zu beziehen, wo er mit seinem späteren grossen Gegner' und Antipoden Abraham Geiger zusammentraf. 1834 Landesrabbiner in Oldenburg, 1S41 Obevrabbiner in Osnabrück, 1847 Landes r a b b i in: r v o n M ä h r e n und Oesterroic h i s c h - S c h 1 e s i e n mit Sit/ in X i k o 1 s hu r g und als solcher gleichzeitig M i t g 1 i e d d e s M ä bris c h e n L a n dt a g s. folgte er 1851 dem Rufe der kaum gegründeten indischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M., in welcher Stadt sein organisatorisches und religionspolitisches Hauptwirken sich entfaltete, Die g rosse jüdische R e f o r m b e w e g u n y in Deutsch land. die mit dem Tode Mendelssohns einsetzt, hatte innerhalb fünf Jahrzehnten die ganze deutsche Judenheit ergriffen. Tn ihrer ersten Phase, als Männer wie Friedländer und Jacobson n an ihrer Snitzc standen, hatte sie mehr politischen und ökonomischen Charakter: sie war ein Mittel zur Erlangung bürgerlicher Rechte, die die deutschen Tuden damals noch nicht besassen. Durch die Verwischung aller religiösen Gegensätze, die die Juden von der Gesamtbcvölkerung trennen, glaubten sie, beziehungsweise ihre Führer, rasch in den Besitz der schon längst ersehnten Staatsbürgerrechte zu gelangen. Jedoch aus dem Mittel sollte bald ein Zweck werden. Tn den ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts entstanden der deutschen Judenheit Männer wie H o 1 d h c i in. Jost. Croizen.i rli und Geiger, die zum Teil bedeutende Gelehrte und scharfsinnige Historiker waren, und stellten sich an die Spitze der jüdischen Reformbewegung, im Bestreben, die bisherigen jüdischen Werte umzuwerten und dem Judentum einen völlig neuen Inhalt zu geben. Die geistigen Führer dieser Bewegung in Frankfurt waren zuerst der bekannte jüdische Geschichtsschreiber Jost, seit i8ss Lehrer am Frankfurter Philant r opin und C reizen ach, Vater und Sohn, ebenfalls Lehrer an der genannten Schule. Diese Männer, dogmatische Rationalisten, glaubten religiöse Reformen, die den ferneren Bestand des Tudentums in Frage stellten, ..machen", das seit Jahrtausenden Bestehende mit einein Federstrich ausrotten zu können. Getrauen war diese neuere Bewegung von dem Gedanken, das nationale und historische Element aus dem Judentum zu eliminieren und aus dem Judentum eine Konfession zu machen. Es galt, sich dem deutscheu Volkstum voll anzuschlicssen. Dieses Programm, für das auch Geiger tätig war, konnte nur durchgeführt werden, wenn O der Talmud aus dem Bereich des jüdischen Volksgutes aus geschaltet, 2.^ der jüdische Gottesdienst nach Art des christlichen eingerichtet. 3.) die jüdischen Speisegesetze und andere, überlieferten Riten abgeschafft wurden und man 4.') aus den jüdischen Gebeten und Religionsbüchern jede. Stelle, die auf das jüdische Volkstum Bezug hat, ausmerzte. Die Bewegung der Geister, die die Verlautbarung solcher Tendenzen damals hervorrief, war ungeheuer. Die traditionell