Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 26. Sie, verehrter Herr v. Stransky, Sie sind ja ein sogenannter Freiheitlicher, und Sie haben den Ausruf getan: Gott sei Dank, das Haus ist in seiner Majorität antisemitisch. (Zwischenrufe.) Das ist ein schöner Freiheitlicher, das ist eine wahre österreichische Spezies. (Abgeordneter Kur an da: Hat den Andreas Hofer etwa auch ein Jude verraten?) Wer hat denn Andreas Hof er im Jahre 1809 verraten? War es etwa ein Jude? (Abgeordneter Stransky: Man muss Antisemit sein! -- Abgeordneter Seitz: Wollen Sie, dass alle Verräter nur Juden sind? Abgeordneter Dr. M a h 1 e r: War vielleicht der Verräter des Kaisers Max ein Jude? Haben Sie vielleicht allein das Privilegium Lumpen zu haben?) Das überlassen wir Ihnen neidlos! (Schluss folgt.) ©as jgnde de* KiFl{isch«isFaeli tischen Kultusgemeinde in (Von einem Spaniolen.) Die Wiener türkisch - israelitische Kultus - gemeinde liegt in den letzten Zügen. Wenn nicht alle Zeichen trügen und im letzten Augenblick kein .Wunder geschieht, so wird sie in nächster Zeit aufgehört haben, als selbständige Gemeindekörperschaft zu bestehen, um nur noch in der Erinnerung der Zeitgenossen und in der jüdischen Chronik Wiens weiter fortzuleben. So sehr betrübend diese Tatsache als Zeichen der Zeit und Folgeerscheinung der traurigen allgemeinen Verhältnisse innerhalb des künstlich modernisierten Judentums auch ist, eine Träne brauchen wir der verscheidenden Gemeinde keineswegs nachzuweinen. Denn dieses ruhmlose Verschwinden und Erlöschen bedeutet keinen Verlust für das Judentum. Weder in nationaler noch in kultureller Hinsicht. Hat es doch diese älteste, mit wichtigen Privilegien ausgestattete jüdisc.ie Gemeinde in Oesterreich zuwege gebracht, länger als volle zwei Jahrhunderte zu bestehen, ohne etwas für jüdisches Wissen und jüdische Kultur geleistet zu haben. Vergeblich wird der Historiker im Archiv dieser Gemeinde und in ihren Annalen nach einer bedeutungsvollen Tat, nach einer einzigen verdienstlichen Schöpfung suchen und forschen, nichts wird er vorfinden als höchstens blasse Erinnerungen an glänzende Hochzeiten, prunkvolle Beerdigungen und rauschende Sultansfeiern. Die türkisch-israelitische Kultusgemeinde, welche als Alanager for great festivities immerhin eine gewisse Bedeutung in Wien hatte, findet, wie allgemein erzählt wird, ihr Auskommen nicht mehr und stirbt an unheilbaren Finanznöten. Das mag vielen Uneingeweihten seltsam erscheinen, ist aber leider Gottes nur zu wahr und eine Folge des immer weiter um sich greifenden materiellen Ruins der einst so reichen jüdisch-spaniolischen Kolonie .Wiens. Ihre einzige und letzte Hoffnung auf ein sehr beträchtliches Legat nach einem spaniolischen Krösus, dessen Namen wir lieber verschweigen wollen, hat sich nicht erfüllt. Es ist im Leben so hässlich eingerichtet, dass oft gerade jene leer ausgehen, welchen eine fette Erbschaft am dringendsten not täte. Der Krösus en question, offenbar ein zu zärtlicher Familienvater, um den Erbanteil seiner Gattin und fünf Töchter, von denen jede ohnedies (nur ein rundes Dutzend Millionen geerbt hat, zugunsten der Gemeinde zu schmälern, ist vor etlichen .Wochen zu seinen Vätern heimgekehrt und hat der türkischisraelitischen Kultusgemeinde nebst einer grossartigen — Enttäuschung die weise, beherzigenswerte Lehre hinterlassen, dass ein Gemeindewesen nicht klug tut, ihr ganzes Wohl und Heil von einem einzelnen Menschen, und sei dieser auch hundertfacher Millionär, zu erwarten. Zu einer früheren Zeit und unter minder kritischen Umständen hätte diese Lehre noch etwas nützen können. Aber jetzt, in der Agonie 1 ,; v ( Nun gibt es unter den Wiener Spaniolen auch solche, welche meinen, dass die chronische Finanzmisere denn doch nicht die einzige todbringende Krankheit sei, an welcher die Gemeinde zugrunde geht. Die Kolonie besitzt noch immer etliche gutsituierte Mitglieder, deren Opfersinn sich oft genug bewährt hat. Mit ihrer Hilfe und bei weiser Sparsamkeit liesse sich die desolate Situation vielleicht doch noch sanieren. Allerdings müsste mit dem System, nach welchem die Gemeinde bisher geführt und verwaltet wurde, gründlich und für alle Zukunft aufgeräumt werden. Denn in diesem System liegt das wahre, das eigentliche und einzig tötliche tUebel. Durch dieses System wurden die guten Juden — solche gibt es unter den Spaniolen immer noch — seit Jahrzehnten abgestossen und entfremdet, so dass ihnen die Gemeinde und alles, was mit ^ihr zusammenhängt, völlig indifferent werden musste. Es verlohnt sich, einiges zur Erhärtung dieser Behauptung anzuführen und der breitesten jüdischen Oeffentlichkeit bekanntzugeben. Wenn dies der türkisch-israelitischen Kultusgemeinde auch nicht mehr nützen sollte, schaden kann ihr nichts mehr. Die türkisch-israelitische Kultusgemeinde besitzt den schönsten und prunkvollsten Tempel in Wien und in der Monarchie. Es war ohne »Zweifel ein arger Fehler, um nicht zu sagen eine Dummheit vom damaligen Vorstand, ein so luxuriöses Prachtgebäude für eine numerisch so kleine Gemeinde aufzuführen und ihr Budget für alle Zeiten mit unerschwinglichen Auslagen an Zinsen- und Amortisationen zu belasten. Aber der Tempel ist nun einmal da, und wenn die Annuitäten nicht bezahlt werden können, so bleibt man sie eben schuldig. Zu einem so glanzvollen Rahmen gehört aber auch ein effektvolles, fesselndes Bild, will heissen Kantoren, Chor, Orgel, Rabbiner, Tempeldiener etc. etc. Das haben wir alles komplett. Dagegen der Gottesdienst! Dass sich Gott erbarme: iun musikalisches Mosaikbild mit Einlagen aus allen Liturgien, Riten und Litaneien, ein Potpourri, zu welchem jeder Opern- und Operettenkomponist aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Wolle lassen muss, ein stilloser Singsa ig ohne Farbe, ohne Eigenart, vor welchem die Muse des Gesangs die Flucht ergreifen muss. Es wird allerdings in manchen anderen „modernen" Tempeln auf diesem Gebiete gleichfalls gesündigt, aber das Prachtgebäude in der Zirkusgasse hat den Rekkord erreicht. Dabei muss bemerkt werden, dass der spaniolische Jude des Orients das larmoyante Beten mit Choralgesang und Orgelklang kaum kennt und ganz bestimmt nicht liebt. Er hat wohl noch einige maurisch-spanische Weisen aus dem Mittelalter bewahrt und liebt es, die Gebete an hohen Festtagen nach diesen wehmütigen Melodien zu rezitieren; im allgemeinen aber liest er die Oratorien und Psalmen fast ohne jede Intonation