Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ttr. 26. die ja gleichfalls die Staatsgrundgesetze beschworen haben, es sind ja fromme Herren, die ihren Eid gewiss heilig halten, die sich auch klar darüber sind, was sie beschworen haben und sich in ihrem Amte gewiss keines Eidbruches schuldig machen werden . . . (Abgeordneter Z ein er: Sie brauchen sich nicht zu ängstigen!) Ich muss mich wohl ängstigen, denn wenn ich warten werde, bis Sie sich unseretwegen ängstigen werden, kann ich lange warten. (Heiterkeit und Zwischenrufe.) Herr Kollege! Wir erklären demgegenüber folgendes: Jüdische Majoritäten schicken jüdische Vertreter ins Parlament, damit diese kontrollieren, dass nicht durch Kniffe und Gesetzesverletzungen - nicht selten der höchsten Verwaltungsbehörden, die Juden um ihre staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte betrogen werden; dazu haben jüdische Majoritäten Juden ins Parlament gewählt, nicht aber, damit ihre Pseudovertreter gewisse Börsegeschäfte machen, Aktiengesellschaften gründen, Staatsaufträge für ihre Fabriken erhalten, oder Orden und Auszeichnungen ergattern! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Dazu sind wir nicht hieher entsendet, wir sind eine wahre Volkspartei und haben die gedrückten jüdischen Massen zu vertreten. Von welchem Geiste man gegenüber der Judenschaft eigentlich beseelt ist, hat erst ein Vorfall in den letzten 'ragen gezeigt, den wir als tief bedauerlich bezeichnen müssen. Der Antisemitismus beim Huldigungs-Festzug. Es ist charakteristisch, meine Herren, dass gerade im Huldigungsfestzuge, welcher ja bestimmt war, die Huldigung der Völker Oesterreichs dem greisen Monarchen darzubringen . , . (Zwischenrufe) lassen Sie mich gefälligst ausreden 1 . . . dass es, sage ich, gewissen Kreisen auch willkommen gewesen ist, das ,,Hepp! Hepp!" in anderer Form zu zeigen. Der Aufzug der Festzugsgruppe aus der Zeit der Türkenbelagerung Wiens aus dem 17. Jahrhundert wurde dazu benützt, die Juden zu verspotten, sie lächerlich zu machen und zu verhöhnen. Am Ende des Zuges lief nämlich ein Jude, eine Karikatur, in einem Kaftan, mit Zylinder und Schmachtlöckchen und schlug Kapriolen. Die ganze Menge wieherte und lachte. (Ruf: Das ist historisch!) Verzeihen, das ist nicht historisch; zur Zeit der Türkenbelagerung gab es keine Juden mit Kaftan und Zylinder. Der Künstler, der das konzipiert hat, kann sich eine Prämie darauf geben lassen. (Zwischenrufe.) Ich bitte mich doch reden zu lassen! (Zum Präsident:) Habe ich das Wort, oder haben es die Zwischenrufer? Meine Herren! Wenn man Szenen aus dem jüdischen Leben vorführen wollte, so könnte man doch einen Typus jener Juden vorführen, die beispielsweise -- davon können Sie sich durch das Studium der böhmischen Geschichte überzeugen im Jahre 1648 bei der Belagerung Prags durch die Schweden , . . (Abgeordneter Zciner: Geschäfte gemacht haben!) - das ist nicht richtig, ich bitte, reden Sie nicht solchen Unsinn: Sie wollen einfach hier alles lächerlich machen: wir verletzen Ihre Gefühle nicht! Die Juden haben damals die Brücke bei Prag heldenmütig verteidigt und sind dafür von Kaiser Ferdinand III. durch Verleihung einer Fahne ausgezeichnet worden. Warum hat man diese Fahne nicht in diesem Festzuge gezeigt? (Abgeordneter Prochazka: Die tschechischen Juden haben sich ja auch nicht beteiligt. .Wo waren die?) Ich komme jetzt zu den von Ihnen so oft beschimpften polnischen Juden. Wenn man, meine Herren, einen jüdischen Typus vorführen wollte, warum hat man nicht vorgeführt . . . (Abgeordneter Prochazka: Den Doktor Gold!) Schauen Sie, was würden Sie sagen, {wenn man von unserer Seite ein Mitglied Ihrer Partei oder des Hauses lächerlich machen .würde? Sie beklagen sich immer, dass Ihre Gefühle verletzt werden; Sie werden sogar musikalisch, Ihnen gefällt oft der Ton nicht - und nun bedienen Sie sich eines wirklich unziemlichen Tones und verspotteten ein jüdisches Mitglied dieses Hauses; das ist nicht am Platze. Ein Kollege darf nicht in dieser Weise angegriffen und lächerlich gemacht werden. Nun, meine Herren, wenn man einen polnischjüdischen Typus, eine jüdische Figur, vorführen wollte - jetzt können Sie lachen, meine Herren, über einen jüdischen Namen, den Namen Berek J osscio wiez. Es war dies ein polnischer Jude, der in den polnischen Befreiungskriegen auf eigene Kosten ein Korps aufgestellt hat, dessen Kommandant er war, der eine grosse Todesverachtung und rühmliche Tapferkeit an den Tag legte; zu seinen Ehren haben die Stadt Vertretungen von Krakau und Lemberg zwei Strassen mit seinem Namen getauft. Noch heute können Sie in dem gut christkatholischen Krakau und in dem gleichfalls gut christkatholischen Lemberg zwei Strassen mit diesem Namen sehen. (Abgeordneter Pro c h a z k a : Wie viel Tausende von Juden leisten Spionendienste gegen das Vaterland?) Das ist wieder so eine allgemeine Beschuldigung und Beschimpfung ohne jeden tatsächlichen Grund, ohne alle Beweise. (Zwischen rufe.) Vizepräsident Dr. Ritter v. Starzynski: Ich bitte um Ruhe, meine Herren! Abgeordneter Dr. St rauch er (fortfahrend): Ich will Ihnen auf Ihren Zwischenruf erwidern, Herr Kollege Prochazka: Am 21. Februar 1901 — damals waren Sie schon Mitglied des Hauses, und Sie werden sich daran wohl erinnern — wurden in einer Sitzung die bekannten Liguori moralgeschichten hier vorgebracht. Einige Sitzungen nachher—ich glaube, es war am 26. Februar 1901 —- ergriff nun der hochwürdigste Herr Prälat Scheie her das Wort zum Protokoll, obwohl es schon die vierte Sitzung nachher war. Aber die Geschäftsordnung wird ja bekanntlich willkürlich gehandhabi und interpretiert, und zwar danach, von welcher politischen Seite eine Aktion ausgeht. Es wurde ihm auch das Wort erteilt und Prälat S c h e i c h e r erklärte beiläufig folgendes : ,Es geht nicht an, dass man hier allgemeine Behauptungen und Beschuldigtingen aufstelle und sagt: in diesem Jahrhundert sei dieses oder jenes vorgefallen, einen Namen da oder dort zitiere, denn man sei nicht in der Lage, es momentan zu kontrollieren und auf seine Richtigkeit zu prüfen und abzuwehren, — das sei kein honoriger Kampf.' Ihre Partei und das ganze Haus stimmten Herrn Prälaten Scheicher zu. Lud so muss auch ich Ihnen erwidern: Wenn Sie willkürliche, beweislosc Behauptungen aufstellen, verhetzende Rufe hereinschreien und sagen, dass die luden Spione waren, so ist das eine leichtfertige Behauptung, die ich entschieden zurückweise. (Lebhafte Zwischenrufe.)