Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. „Neue National-Zeitum Feuilleton. Seite 11. MYCHAJLO JACKIW $uchiin. (Nach dem Ruthenischen von H. S.) Er sass in der Dorf schenke neben dem Ofen zusammengekauert. Ein zerrissener Kaftan hüllte dürftig seine Gestalt ein, auf der Bank lagen Stecken und Bündel. Ein biblischer Bart wallte auf seine Brust nieder. Das Leben hatte in seine scharfmarkierte Gesichtszüge tiefe Furchen eingemeisselt, und das Alter hatte sie mit einer winterlichen Kälte angehaucht. Er war in Hinbrüten versunken. Schon längst war er für diese Welt abgekühlt und schaute innerlich auf eine andere. Der Schankw irt blickte eigentümlich den Greis an und räumte einen Teller mit Barch es weg . . . — Gelobt sei ... . und euch, Krüger, guten Tag! . . . Ein Frost, dass es kracht! Ein stämmiger, fremder Bauer im Schafspelz, stellte die Peitsche in einen Winkel und begann mit den Füssen zu stampfen und die Arme aneinander zu schlagen, dass der Krug zitterte. — Gebt mir irgend einen starken Branntwein! Er setzte sich an den Tisch, entnahm seiner Umhängetasche ein Stück Brot und Käse. Er zerschnitt das Brot und blickte sich das Wirtshaus und die Leute, die schweigend sassen und kurze Pfeifen rauchten, an. Am meisten aber interessierte ihn der alte Jude beim Ofen. Der Bauer hielt das Brot in der FI and und vergass an sich. Irgend eine Erinnerung stieg in ihm auf. Er legte das Brot zur Seite und näherte sich dem Alten. — Eh, seid Ihr es nicht, Herr Nuchim? Der Jude ermannte sich und öffnete weit die Augen. Dann streckte er die zerfetzten Aermel aus und sagte: Hm, was für Herr bin ich? — Aber Ihr seid Nuchim Goldberg? Hm, weiss ich, ob ich es bin, oder nicht.... Und wer seid Ihr? — Lesch Zwarycz. Der Jude hob die Hand über die wehen Augen. Ihr seid Lesch Zwarycz? Nu, nu, wer hatte das erwartet! Man sagt treffend: ein Berg kommt mit einem zweiten nicht zusammen, ein Mensch mit dem anderen aber ja. Sie reichten sich herzlich die Hände, wie Freunde. Lesch nahm neben ihm Platz und konnte sich nicht genug verwundern. Sie unterhielten sich mit halblauter Stimme, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. — Herr Nuchim, was ist mit euch geschehen? Ihr wäret doch solch' ein reicher Mann, solch' ein mächtiger Gutsbesitzer. . . . Nu, nu, seht Ihr nicht? Er streckte die Hände aus und zeigte die zerrissenen . Kleider. Gott sei auch dafür dank. — Hah, Nuchim, Nuchim. Ihr habt das nicht verdient. Ihr seid eines besseren Schicksals wert. Ihr wäret ein Mensch. Solche muss man heute unter Christen mit Licht suchen. Hm, können denn nur Bekenner eueres Glaubens Menschen sein? . . . Nu, und wie geht es euch? — Ich danke. — Gottlob gut. Als ich von euch aus dem Dienst trat, habe ich geheiratet. Ihr seid mir doch an die Hand gegangen. Möge Gott euch in Glück und Frieden ein hohes Alter erreichen lassen. Ihr habt mich gut ausgesteuert. Ich habe bei euch etwas Geld erübrigt, und von der jungen Kuh, die Ihr mir gegeben, bin ich zu solch einen Viehstand gekommen, wie;di allen guten Menschen wünsche. Die Leute beneiden mich sogar und sagen, ich sei ein reicher Mann, ha, ha . . . Nuchim begann mit dem Haupt zu schütteln. Nu, nu. G;>ti sei Dank, für alles. Und bei uns ist seit euerem Austritt alles verkehrt gegangen. Die Lieferanten haben während einer ungünstigen Zeitlage Getreide zu halben Preisen zusammengekauft, und haben es daher billiger, als ich. verkaufen können. An Wald, an der Gerberei, an den Ochsen habe ich verloren, überall habe ich nur Verluste gehabt. Und so bin ich heruntergekommen. Ich kaufte und handelte, und die anderen haben beschwindelt und betrogen und jetzt sind sie die Herren. Nu, was lässt sich tun? Gott sei auch dafür dank. — Nuchim, und wo sind euere Söhne? Hm, was für Söhne? Ich hab' nur einen gehabt und der ist gestorben. Nu, und wie geht's euerem, dass er gesund sei? — Gebe Gott auch euch Gesundheit. Er dient beim Militär und wird nächstens entlassen. Aber, wartet nur, Ihr habt doch zwei Söhne gehabt; wo ist dieser, der die Schule besuchte? Hm, ich hab' nur einen gehabt. Dieser zweite — er existiert nicht — er hat sich getauft... Lesch bemerkte, dass dies den Alten schmerze, und stellte keine weiteren Fragen. Es trat Schweigen ein. Nuchim verfiel in Nachsinnen. Hm, diese Kinder . . . Der ältere hat mich verlassen, und der jüngere ist gestorben, ebenso die Frau. Denkt Ihr, dass ich mich noch für etwas interessieren könnte? Allcia, wie ein Finger. LTnd für wen? Dieser jüngere, was ist das für ein Kind gewesen . . . Noch ein Examen und er wäre Rab - biner worden. So jung, gelehrt und gut . . . Manchmal pflegte ich ihm zu sagen: „Melchior, leg' schon die Bücher weg, schau wie bleich und schwach du bist." Und er: „Papa", sagte er, „ohne Lernen kann ich nicht leben." — Wenn ich ihn anschaute, sah ich den Himmel. „Papa", sagte er manchmal, „Jossei hat uns verlassen, ich aber werde euch nicht verlassen. Weder euch, Vater, noch mein armes Volk, das schon zweitausend Jahre in der Welt umherirrt." Und im Sterben sagte er: „Es tut mir nicht leid, dass ich von der Welt gehe — das harrt jedermann, aber das tut mir leid, was hier in der Brust verloren geht." — O, Melchior, Melchior... Er barg das Haupt in den Knien und zitterte wie Espenlaub. Der Baiar seufzte. Der Greis richtete sich ein wenig auf und flüsterte wie in einem schweren Traum.