Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit© 10. „Neue Natfonal-Zeittuig** Nr. 25. von Müttern füllten, wie man uns aus Jerusalem mitteilt, Hof und Strasse vor den Lokalen der Kindergärten, um ihre Kinder anzumelden. Die Frauen, deren Kinder aus Mangel an Kaum nicht aufgenommen werden konnten, verliessen weinend das Haus. Die drei Kindergärten des Hilfsvereins in Jerusalem zählen jetzt 450 Zöglinge. Der dritte Kindergarten ist aus der Montefiore-Kolonie in die Stadt verlegt worden. Zum erstenmale ist damit überhaupt ein Kindergarten im Innern der Stadt eröffnet worden. Besonders bemerkenswert und ein sehr bedeutsames Zeichen für den Fortschritt, den das moderne Erziehungswerk in Palästina macht, ist es, dass unter den neu Aufgenommenen sich allein 110 Knaben befinden, die in früheren Zeiten den Cheder besucht hätten. Aus dieser Schar wird die moderne Schule das beste Schülermaterial erhalten. Die Segnungeu, die die moderne Schule und das Fundament, auf dem der Hilfsverein der Deutschen Juden sie aufbaut, der Kindergarten, für die junge Generation mit sich bringt, werden von der Bevölkerung von Tag zu Tag mehr empfunden und gewürdigt. - i $US AUCH WElXHiLtN. Die jiddische Sprache wird purifiziert. In Warschau wird in den nächsten Tagen eine interessante Konferenz stattfinden, welche vom Warschauer Verein „Hasomir" einberufen wird. Gegenstand der Beratungen wird, wie aus der Tagesordnung ersiohtlich, die Purifikation der jiddischen Sprache bilden. Es werden nämlich die folgenden Fragen in Behandlung genommen werden : Die jüdische Orthographie und Grammatik, Fremdwörter und neue Wortbildungen. Die jüdische Jugend und die Sprache. Die jüdische Presse. Die jüdische Bühne und ihre Schauspieler. Die ökonomische Lage der jüdischen Schriftsteller und Schauspieler. Die bekanntesten jüdischen Schriftsteller wie J. L. Perez, J. Dinesohn, Schalom Asch, Dr. G. Lewin, M. Spektor und J. Grünbaum haben ihre Teilnahme an der Konferenz bereits zugesagt. Vor einem russischen Gerichte. In Berditschew hat sich jüngst folgendes zugetragen : Zwei Burschen im Alter von 17 und 20 Jahren, beide Juden, waren wegen des Verdachtes der Teilnahme an einem Diebstahl angeklagt. Die Angeklagten verstehen nicht russisch und so musste Rabbiner Pelis als Dolmetsch herangezogen werden. Nach Beendigung des Zeugenverhöres erhob sich der Richter Blonski, um folgende Erklärung abzugeben: „Ich habe die Empfindung, dass unser Urteil über die Angeklagten kein gerechtes sein wird, weil wir Christen in einem Prozesse gegen Juden nicht objektiv sein können. Würden an unserer Stelle hier, wenigstens zum Teile Juden als Richter sitzen, so müssten diese jüdischen Angeklagten freigesprochen werden." Diese Erklärung des russischen Richters hat auf seine Kollegen begreiflicherweise grossen Eindruck gemacht. Der Vorsitzende des Senates versuchte diesen Eindruck dadurch zu schwächen, indem er erklärte, die Richter mögen sich durch die eben gehörten Worte nicht einschüohtern lassen. „In der Gerichtsbarkeit", sagte der Vorsitzende, „gibt, es keine Nationalitätenunterschiede. Vor dem Gerichte sind alle gleich: der Russe und der Jude!" Wie schön wärs, wenn's wahr wäre! Die Verhandlung wurde vertagt. Ein judischer Soldat. Dem Unteroffizier Abraham Gutmann in der Schutztruppe zu Deutsch-Südwestafrika wurde das bayerische Militärverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern verliehen, und zwar in Anerkennung seiner hervorragenden kriegerischen Tapferkeit im Feldzuge gegen die Hereros. Gutmann ist bayerischer Jude! Die Unfruchtbarkeit unter den russisch-polnischen Jüdinnen hat Ernst Fraenkel-Breslau (Klinische Beiträge zur Pathologie und Therapie der weiblichen Sterilität. Volkmann's klinische Vorträge, 1907, Nr. 460/61) zum Gegenstande eines eigenen Studiums gemacht. F r a e n k e 1 behandelt ein 200 Fälle von weiblicher Sterilität umfassendes Material, das zu 2/s aus polnisch-russischen Jüdinnen und zu 1/3 aus schlesischer Bevölkerung besteht. Unter den polnischen Jüdinnen war mangelhafte Entwicklung der Geschlechtsorgane eine der häufigsten Ursachen der Sterilität. Als Ursache wird eine durch die sozialen Verhältnisse und die vorzeitige Heirat herbeigeführte Degeneration angenommen. Oer jüdische Gottesdienst. Das Präsidium der Pester israelitischen Religionagemeinde richtete an den Magistrat das Ansuchen, den Gassenabschnitt vor dem neuen israelitischen Tempel auf derArenaut. mit geräuschlosem Pflaster versehen zu lassen. Das hauptstädtische Ingenieuramt beantragte die Ablehnung dieser Bitte mit der Begründung: es sei allgemein bekannt, dass der jüdische Gottesdienst lärmend sei, so dass ihm der Strassenlärm nichts schade. Der Magistrat wies die Bitte der Religionsgemeinde ab. Die preussischen Landtagswahlen. Die beiden Antisemiten Werner und Lattman sind g efa 11 en. Die Wiederwahl der berühmten „sieben Schweiger" ist gesichert: Cassel, Rosenow, Aronsohn, Peltasohn, Wolff, Gerschel und Münster berg; neu treten als Juden ins Abgeordnetenhaus: L ipp m a n n-Stettin (für Brömel) und Waldstein - Altona. Unterlegen sind : Weiger t-Berlin, Li ep m an n-Teltow, P eis er¬ Cottbus, Sobernheim-Spandau, Lewin-Guben, Herz- Harburg, Schweig- Rotenberg. Die Sozialdemokraten werden die Stadtverordneten Hirsch und Heim an n als Kandidaten präsentieren. Mithin ist die Zahl der jüdischen Abgeordneten im preussischen Landtag von 7 auf 11 gestiegen. Auflösung eines zionistischen Vereines. In Krystonopel musste sich der zionistische Verein auflösen, da sonst der Bezirkshauptmann die Assentierung aller jüdischen Stellungspflichtigen in Aussicht stellte. Krystonopel liegt in Galizien, somit in Oesterreich. . . . Ein Fusstritt für Moschko. In der galizischen Gemeinde Mielec hat der Kahal zum Empfange des Bischofs von Tarnöw eine Tnumptpforte mit hebräischer Inschrift erbaut. Der Raböiner und der Kahal haben dort mit ihren Thorarollen und im Festgewand gewartet. Als der Bischof herankam, Hess er die Peitschen knallen, die Pferde anfeuern und — fuhr vorbei. Ein schönes Beispiel. Der Gemeinderat von Tarnopol hat für den jüdisch-nationalen Turnverein „Bethar" 2000 K gespendet.