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Neue Nationalzeitung · 1908-06-19 · Heft 25 (19.6.1908) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 25. Neue Nätional-Zeitting" Seite 9. Zkm". Es sind zumeist junge Leute, die es mit ihrem Judentum und dem Sozialismus sehr gut meinen, die aber zwischen den sozialistischen und zionistischen Organisationen hin- und herpendein und bald mehr ihren Sozialismus, bald mehr ihren Zionismus betonen. Auf dieser letzten Konferenz haben sich die Herren, von denen einige auf den Wiener zionistischen Distriktstagen mitzusprechen pflegen, sehr stark nach links gerückt: es wurde ein strenges Gericht über die ,,ßourgcois"-Zionisten gehalten. Das charakteristische an dieser zionistischen Versammlung sind die scharfen Angriffe des Führers der Poale-Z.onistcn in Oesterreich und des Vorsitzenden in dieser Konferenz, des russischen Studenten K a p 1 a n s k y, gegen den Jüdischen Klub. Dieser Herr Kaplansky ist für seine 22 Jahre gewiss ein kluger Mensch. Er ist Wiener Korrespondent der .AVeit ' in Köln und er ist es seit jener Zeit, als der jüngst verstorbene Rudolf Nassau von dieser Stelle plötzlich enthoben wurde, weil er auf dem Zionisten-Kongress in Haag, im August v. J.. es gewagt hatte, in einer rein formellen Sache, anlasslich der Wahlen, eine dem Herrn Präsidenten Wolffsohn entgegengesetzte Meinung zu vertreten. Herr Kaplansky schimpft nun weidlich in einer öffentlichen Zionisten-Versammlung gegen den Jüdischen Klub und das Zentral Organ der Zionisten ..D e WV't" druckt diese Angriffe auch wortgetreu ab. Der hiesige zionistische ,,Wschod" und das Wiener Zionistcn-Blatr, in dessen Redaktions-Komitee die Abgeordneten Dr. ('.;i bei und Stand sind, schweigen diese Angriffe tot und reagieren auf dieselben gar nicht. Wir wollen aus diesen Angriffen nur einen Satz ziti -r.-n, der die (Quintessenz des Ganzen enthält: ,,D i c z i o n i s t i s c h e n A b g e o r d n e t e n s i 11 d n i c h t b e s s e r, a 1 s d i e J u d e n a u s d e m P o ] e n k 1 11 )>". diesen Satz, der den V o r w u r f der G Ii a r a k t e r 1 o s i g keit enthält, leistet sich Herr Kaplansky, ..die Welt'* druckt ihn ab, und der ..Jüdische Klub" hat darauf in seiner Presse nichts zu erwidern .... Es ist nicht die Sache dieses I'luies, den ..Jüdischen Klub" zu verteidigen, wenn sich die Herren Dr. Strauch e r, Dr. Mab ler u. A. das gefallen lassen. Ab 1 die jüdische Bevölkerung Galiziens, aus der alljährlich \ie!e tau sende Kronen für die Zwecke der Herren in Köln herausgezogen werden, muss sich doch endlich fiagen: Geben wir denn dieses Geld dazu her, damit in der ..Welt", deren fahresdefizit von 20.000 Kronen auch aus unserem Gielde gedeckt wird, unsere jüdischen Abgeordneten angeflegelt werden? .... Oder ist der Jüdische Klub wirklich schon so tot, dass ihm der 22jährige Herr Kaplansky Fusstritte versetzen kann. Interessant ist ja auch, was auf diesem Kongresse ein Herr Kasriel als Generalredner sagte. Er warf der „zionistischen Bourgeoisie" Feigheit vor und forderte seine Partei auf, bei politischen Wahlen eher Sozialdemokraten (also auch Christen!) als ..bürgerliche Zionisten" zu wählen. Sonst wurde noch referiert über ,,Proletarische Kolonisationspolitik und unsere Palästina-Arbeit", die Aufgabe ..des Allweltsvereines Poale-Zion", ,,1'nscre Stellung zu anderen Parteien" usw. In organisatorischer Beziehung wurde beschlossen, die Parteileitung von Kiakau nach Wien zu übertragen. Im Grossen und Ganzen hat diese Konferenz gezeigt, welche Disziplinlosigkeit jetzt in der gesamten zionistischen Partei herrscht. Die Entführung eines jüdischen Mädchens. Wadowice. Endlich hat sich die Staatsanwaltschaft enL schlössen, gegen die Klosterschwestern, die seit Jahren jüdische Kinder rauben und wegtaufen, mit einer A n k 1 a g e vorzugehen. Man scheint im Justiz-Ministerium zur UeberzeugiiDg gelangt zu sein, dass der Zustand der Unsicherheit doch einmal ein Ende haben müsse, wenn Oesterreich noch als Kulturstaat länger gelten will. Die Grundsätze des Herrn P i e n t a k können von einem modernen Staate für die Dauer nicht anerkannt werden, denn sie bedeuten die Yogelfreiheit einer Klasse der Staatsbürger. So haben wir vor dem hiesigen Schwurgerichte die Nonnen Aniela lizowska, Vorsteherin des hiesigen Nazaretinerinnen- Klosters, Anna Markiewka aus Böbrka und Maiie La c i a k, sowie den Güterverwalter Kazimir Porawski aus Böbrka als Angeklagte wegen Entführung der 13jährigen Balbine Goldfinger gesehen. Die Anklage stellte die Vorgeschichte des Falles nachstehend dar: Der Schankwirt Goldfinger wanderte im Sommer v. J. mit seiner Frau und drei Kindern aus Zeinbryce nach Amerika aus. Nur seine jüngste Tochter Balbine Goldfinger konnte wegen eines schweren Augenleidens nicht nachfahren und sie blieb bei ihrer Tante Sala Leibner, die sie in das Krankenhaus in Wadowice brachte. Balbine Goldfinger beschloss nun, wahrscheinlich unter dem Einfluss der Nonnen, die die Krankenpflege besorgten, sich taufen zu lassen. Als iure Tante sie im Juni vorigen Jahres aus dem Krankenhause abholen wollte, erfuhr sie, dass Balbine Golofinger nicht mehr im S-ital sei. Erst weitere Nachfoischuiigen ergaben, dass die Goldfinger gemeinsam mit der Nonne Laciak fortgtfa ren und in Krakau in das Nazaretinerinnenkloster gebracht worden war. Von dort ab fehlte jede Spur. Erst als eine Revision des Klosters angedroht wurde, kam zutage, dass die Goldfinger sich erst in das Felizianerinnen - kloster in Krakau, von da nach Beuthen, später nach Wien begeben hatte, wo sie unter dem Namen Anna Haase beim Tischlermeister Johann Holuja in Dienst getreten und bis 22. November 1907 verblieben war. Von dort war sie nach Krakau gefatiren, wo sie gerichtlich vernommen und in der Anstalt in Bobrki untergebracht wurde. Dort verschwand sie am 15. Dezember abermals und es ist bis heute den Nachforschungen der Behörden nicht gelungen, ihren Aufenthalt zu eruieren. Alle Angeklagten stellten entschieden jedes Verschulden in Abrede. Sie erklärten, nicht gewusst zu haben, dass Balbine Golofinger das unmündige Alter noch nicht überschritten habe. Sie hätten auf ihre Bitten dem Mädchen, das behauptete, obdachlos zu sein, Unterkunft gewähr'.. Aus Bobrki sei sie ohne ihr Zutun und Wissen dann vei seh wunden. Die Verhandlung endete mit der Freisprechung aller Angeklagten, da die Geschwornen mit Stimmenmehrheit die Schuldfrage auf Entführung verneinten. Die hiesigen Ueschwornen finden, dass die Nonnen aus purer Nächstenliebe gehandelt haben. . . . Anerkennung der jüdischen Nationalität. Czernowitz. Montag, den 1. Juni sprachen bei Seiner Magnifizenz dem Rektor Dr.;Kozak die Senioren der 4 jüdist hen K >rporationen, ,ils Vertreter der j ü d. nationalen Stüde ntt n>. halt vor, um in der Frageder Anerkennung der jiidi.si hen Nationalitat eine Regelung nach dem Muster der Zugeständnisse der Wiener l niversitäteti zu erlangen. Im Namen der vier Korporationen sprach Jus ist |. Dru ck mann ,,1 lein >ni 1";. Den jahrelangen Kampf der jüdist Ii -n Stinienlrn.si haft erwähnend, betonte er, dass dieser Kampf innrer in t inein, akademischer Bürger windigen Rahmen, geführt wurde; auch diesmal haben die jüdischen Studenten den legalen Weg an .den akad. Senat gewählt. Für die jüdischen Studenten s>ei es schmerzlich, dass ihnen das grundlos verweigert wird, was der kleinsten Minorität ohne Debatte zugestanden wird. Zur Kundmachung des Wiener Rektorates übergehend, gab 'er der Hoffnung Ausdruck, dass dem Beispiele der eisten Universität unseres Reiches auch bald alle anderen l"niversitäten folgen werden. Hierauf überreichte er Seiner Magnifizenz »ein, von den vier Senioren unterzeichnetes Memorandum, in welchem di-e Forderungen und Wünsche der jüdischen Studenten präzisiert sind: Fs werde allen jüdischen Studenten, deren Muttersprache jüdisch ist. auch gestattet, im Nationale jüdisch" als ihre Muttersprache auszuweisen. Die. jüdische Muttersprache bezw. andere Sprachen jiht der N11tionalitätsklauscl werden in den statistischen [Berichten der l niver.sitat ausgewiesen und der hohe akad, Senat beantragehei der statistischen Zentralkommission den Ausweis der jüdischen Muttersprache, bezw. der jüdischen Xationalitätsklausel. Die Deputation wurde von S. iner Magnifizenz auf das liebenswürdigste empfangen. In der F.rw iderung \ ersprach der Rektor, was im Rahmen seiner Macht gelegen sei zu veranlassen und besprach hierauf mit den vi-r Vertretern eingehend die Mittel und Wege, welche zu ein 1 endgiltigen, zufriedenstellenden Losung der Frage führen konnten. Deutsches Reich. Die Kindergärten in Jerusalem. Berlin. Dem Hilfsverein der Deutschen Juden wird aus Jerusalem beriohtet: Wie populär die Institution des Kindergartens, die für den Orient eine in mannigfacher Richtung ungemein wichtige Mission zu erfüllen hat, in der kurzen Zeit ihres Bestehens speziell in Palästina geworden ist, dafür Hefern die folgenden Mitteilungen einen höchst erfreulichen Beweis: Der Zudrang zu den drei Kindergärten des Hilfsvereines der Deutsohen Juden in Jerusalem war zu Beginn des neuen Schuljahres nach Ostern so stark, dass nicht allen Gesuchen um Aufnahme entsprochen werden konnte. Hunderte

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