Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. rus", der jüngeren, ihm nachgeordneten Rabbiner? O, nein, das erachtet er als seine Aufgabe durchaus nicht. Im Gegenteil! Als Oberrabbiner erachtet es Herr Dr. G. als sein ,.Recht", jedem anderen Rabbiner alle etwa besser honorierten Funktionen abzunehmen. Ob im Aisergrund, in Döbling oder Hietzing das Leichenbegängnis eines reichen Börscmers, die I laustrauuiig bei irgend einem Geldprotzen stattfindet, wird der zuständige Ortsrabbiner, bezw. Bezirksrabbiner sanft oder auch unsanft bei Seite geschoben und Herr Dr. G. sagt: „Ich bin Oberrabbiner". Darin allein erschöpft sich seine „oberhirtliche" Mission, das ist sein ,,Recht", das übt er auch aus. Gratisfunktionen bei armen Leuten, das überlässt er grossmiitig den „Kollegen". Hat je ein Bischof den armen Kleriker um seine Kmolumente gebracht? Herr Dr. G. ist ein reicher Mann, hat grossen Gehalt, er nimmt aber trotzdem den kleinen Rabbis die Einkünfte weg und diese müssen dies stumm erlragen. Dabei sind diese Trauungs- und „Leichenreden lächerliche Plattheiten. Aber die Beamten, welche den Verkehr mit den Parteien vermitteln, wissen den Leuten schon nahezulegen, den ..Oberrabbiner" zu nehmen. Dieser aber hat noch nie gesagt, die Funktion gehört dem Rabbiner des Bezirkes: im Gegenteil, wenn eine Zeitlang solche Fälle nicht vorkommen, hören die Beamten Vorwürfe: ..Bin ich denn bloss Rabbiner von der Tu.dengas.se?" Ist es nicht ein Skandal, dass jeder jüdische Betrüger in ganz Wien, in allen fernen Bezirken, sobald er einige Gulden zahlt, vom Oberrabbiner eine Leichenrede erhält? Man wage solche Zumutung einmal an einen Bischof. Bei Dr. G bildet das seine einzige oberhirtliche Mission, den anderen Rabbinern die honorierten Funktionen wegzunehmen. Nie war es in Wien mit der ..Seelsorge" so schlecht bestellt wie dermalen, weil Dr. G. sich bloss um honorierte Funktionen kümmert. Schon seit .Jahren ist nicht ein Fall vorgekommen, dass ein Ehepaar von dem gesetzlich vorgeschriebenen Versöhnungstermin auch versöhnt -^vcgghig; im Gegenteil, mit dem verstärkten Entschluss. sich zu scheiden, weil es an seelsorgerischem Zuspruch und der Ermahnung fehlt. Ja. man hört oft von Parteien darüber jammern, dass beim Rabbinat so wenig getan wird, um die Scheidung zu verhindern! Warum wird diesem schrecklichen Zustande kein Ende gemacht? Der Vorstand bleibt stumm und t-tub! Auch als die Abgeordneten Dr. O f n e r und Dr. K u r a n d a, anlässlich der Theimer-Affaire, dem Vorstand im Interesse des Juden tums dringend nahelegten. Dr. Güdemann zur Resignation zu veranlassen, lächelte bl is der Herr Präsident, trotzdem die Abgeordneten Dr. M ah 1er und Genossen das Verlangen unterstützten. * * * f „Die Lehrfreibeit und die Synagoge im Altertum.*« Geehrter Herr Redakteur! In der in voriger Nummer unter dieser Aufschrift gebrachten Notiz sagt Rabbiner Roscnmann: ..Der Korrektur bedarf auch das Zusammenwerfen der Synagogen und Lehrhäuser, das wohl hie und da irrtümlich bei nicht jüdischen Autoren vorkommt, sonst aber sorgfältig vermi"den wird. In den Synagogen wurden „Verträge" gehalten und in den I ehrhäusern wurde ..gelernt" etc." Die Auffassung des Herrn Dr. R. ist aber eine unrichtige. Das lehrt schon der l'instand, dass die Synagoge bis auf den heutigen Tag in allen jüdischen Gemeinden die ..Schul" genannt wird, was sie ja nach dem Autor des überschriftlichcn Artikels von Anbeginn war, da die Synagogen ja D i d a s k a I e i a genannt wurden. Darum übersetzt denn auch Luther durchwegs das Wort ..Synagoge" mit ..Schule"! Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit an eine interessante ..Reform", die einst vor mehr als einem halben Jahrhundert der berühmte Samson Rafael Hirsch, als er zum mährischen Landesrabbiner nach N'ikolsburg berufen wurde, in unserer Gemeinde einführte. Bis dahin rief der Schammer die Gemeinde immer: ..in der Schuld"! Rabbiner Hirsch gab den Auftrag, von jetzt ab zu rufen: ..in die Sr huul!" Also auch in der damals sehr massgebenden Gemeinde N'ikolsburg hjess die Synagoge: die ,,Schul". —g * * * Ein all jüdischer Stüdentenverein. Wie oft haben wir Gelegenheit, zu konstatieren, wie zwei Liebende einander zaghaft gegenüberstehen, trotzdem die Herzen beider höher schlagen1 und sie nur eines kurzen Schrittes bedürfen, um einander in den Armen zu liegen und ihr Lebensglück zu finden. Da ist aber Stolz auf der einen, Mutlosigkeit auf der anderen Seite und der arme Amor muss um errichteter Dinge beschämt abziehen. Dasselbe Verhältnis können wir bei der jüdischen Studentenschaft wahrnehmen. Es ist ja nicht zu leugnen, dass die jüdischen Verbindungen bei einer allgemein jüdischen Angelegenheit sich jedesmal zusammentun und Hand in Hand vorgehen. Ist das aber auch, genug, wenn es erst eines ganz besonderen Anlasses bedarf^ um die jüdischen Studenten mtty einander in Fühlung zu bringen? Kann man im Bedarfsfalle eine ergiebige Aktion aller Studenten erwarten, wenn die jüdischen Burschenschafter, die doch einen grossen Teil der jüdischen Studentenschaft ausmacht, wenn nicht feindselig, so doch fremd einander gegenüberstehen? Wie viele und nicht immer die schlechtesten Kräfte stehen abseits, nur weil sie sich in den Verbindungen nicht recht behaglich fühlen? Dem einen steht das Baseler Programm im Wiegle'^ auf das er bei Eintritt in die Verbindung schwören muss, dem Andern die Duellfrage, dem Dritten körperliche Gebrechen usw., usw. Ist es aber der Zionismus allein, der die jüdischen Studenten zusammenhalten kann? Kann |nur der Säbel die Ehre des Judentums retten und erhalten? Ist es körperliche Stärke, auf die die Juden mit Stolz hinweisen? Ich bin weit davon entfernt, den hochbonorigen Verbindungen irgendwie nahe zu treten, aber man darf doch 'mit Recht verlangen, dass die jüdischen Studenten etwas Grosses, Erhabenes verbinden soll, etwas, dem die Duellfrage nicht im Wege stehen darf. Soll solcher kleinen Differenzen wegen zwischen den jüdischen Studenten eine unüberbrückbare Kluft bestehen? Sollen uns Nebenfragen hindern, an der Hauptsache mit aller Energie einig zu arbeiten? Nein, und tausendmal nein 1 A 11 e j ii d i s c h e n Studenten sollen sich unbeschadet ihrer sonstigen Prinzipien zur Wahrung jüdischer Interessen in einem Vereine zusammenfinden, der von seinen Mitgliedern nur j üdisch-nationale Gesinnung verlangen soll. Die Verbindungen können ja nach wie vor florieren, aber ein einigendes Band muss alle jüdischen Studenten fest umschlingen. Nicht auswärtige Macht soll uns zusammendrängen, sondern die innere Kraft, die in uns allen aufgespeichert ist, die uns auch ohne unser Wissen und Wollen eng verknüpft, unser nationales Bewusstsein. Mein Antrag geht also dahin, dass an jeder Hochschule, wo jüdisch-nationale Studenten hören, ein jüdischer Studentenverein ins Leben gerufen werde, bei dem, wie ich 'bereits erwähnt habe, nur nach nationaler Gesinnung gefragt werden soll. Ich glaube, dass dadurch einem grossen Bedürfnis entsprochen wird und übergebe meinen Antrag den hochhonorigen Studenten zur Prüfung. Genehmigen Sie usw. Schmiel Weiss, Rechtshörer. Czernowitz, im Mai. * * Sehr geehrter Herr Redakteur! In letzter Zeit erhalten galizischc Rabbiner sowohl, als auch Privatpersonen Zirkulare und Ausfüllbogen von einem Herrn Schächter Moszes aus Budapest, der angibt, im Einverständnis mit der „Israelitischen Allianz" ein jüdisches „Welt-Adressbuch" herauszugeben, dessen Reinerträgnis zugunsten der armen russischen, rumänischen und galizischen Glaubensgenossen bestimmt sein soll, und appelliert daher an die Empfänger dieser Zirkulare dieses humane Unternehmen durch Angabe von Adressen jüdischer Kaufleute, Gutspächter und Landwirte etc. zu unterstützen! Da mir aber diese ganze Sache unklar vorkam und ich den Verdacht schöpfte, dass unter dieser Vorspiegelung, Hochstapelei und sogenannte Bauernfängerei steckt, wandte ich mich an den Vorstand der „Isr. Allianz" zu Wien um Aufklärung in dieser unklaren Sache, und erhielt somit von demselben die Ermächtigung, auf geeignetem Wege bekannt zu geben, dass das Unternehmen des angeblichen Herausgebers der ,,Isr. Allianz" gänzlich unbekannt ist und sie demselben, welches zu geschäftlichen oder, wie der Vorstand der „Isr. Allianz" richtig meint, gar zu „Schnorrzwecken" geplant wird, gänzlich fernstehe. Ich erachte es daher als eine Pflicht, unsere Rabbiner und Privatpersonen vor dieser Hochstapelei und Bauernfängerei aufs nachdrücklichste zu warnen und bitte um gefl. Veröffentlichung dieser Warnung. Indem ich usw. J. Labiner. K0RRÖPONDeNZGN ©estcmich-QiigaFii. Der Parteitag der Poale Zionisten. Lemberg, den io. Juni. (Orig.-Korr.) Am 5.. 6. und 7. d. M. fand hier eine Konferenz der jüdischen Arbeiter-Vereine in Oesterreich statt, soweit sie sich zum Basler Programme bekennen. Sie nennen sich P o a 1 e - Z i o n i s t e n, respektive mit dem vollen Titel „die jüdisch-sozialistische Arbeiter-Partei Poale-