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Neue Nationalzeitung · 1908-06-19 · Heft 25 (19.6.1908) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Es wurde dem Parteitag nachstehender Beschluss vorgelegt: „Die Landeskonferenz der zur polnischen sozialdemokratischen Partei gehörigen jüdischen Organisationen hat am i. Oktober 1907 einstimmig beschlossen: Die Vereinigung der jüdischen Organisationen, die das Partei-Programm der polnischen sozialdemokratischen Partei anerkennen, heisst: Die jüdische Sozialdemokratie Galiziens. Ihre Aufgabe besteht in der selbständigen Erledigung der politischen und kulturellen Angelegenheiten des jüdischen Proletariats innerhalb der jüdischen Gesellschaft. Die Leitung der Landespolitik bleibt der polnischen Sozialdemokratie vorbehalten. Der XI. Kongress der polnischen Sozialdemokratie nimmt diesen Beschluss zur Kenntnis und beauftragt das Exckutiv-Komitee, gemeinsam mit dem iiidisrhen Zentralkomitee diesen Beschluss innerhalb der auf der jüdisc hen Landeskonferenz vom Jahre 1907 gesteckten Grenzen durchzuführen." , Dieser Antrag konnte lediglich die polnischen Parteiführer und (leren Anhänger befriedigen, nicht aber die national gesinnten jüdischen Sozialisten, welche die ganze Farce durchschauten. In ihrem Namen stellte Dr. Daniel Gross nachstehenden Antrag: ,,r. Der XI. Kongress anerkennt die Notwendigkeit einer selbst a n d i g e n politischen Organisation für das jüdische Proletarial in Galizien. 2. l'm diese selbständige Organisation ins Leben zu rufen, wird ein fünfgliedriges Komitee gewühlt, welches im Einvernehmen mit dem Exekuth -Komitee der polnischen sozialdemokratisehen Partei <in Organisationsstatut auszuarbeiten und einem jüdischen Kongress zur Bestätigung vorzulegen hat. welcher ad hoc vom Zentral-Komitee und dem polnischen Exekutiv-Komitec im Laufe von 6 Monaten einzuberufen se;n wird," Ueber beide Anträge entstand eine heftige Debatte. Die Anhänger des Gross'schcn Antrages wurden von Daszynski und Diamant wiederholt verhöhnt. Herr Daszynski weiss, dass er mit dem Austritt der Juden aus seiner Partei ein General ohne Armee bleibt; er bemüht sich daher, die jüdisch-nationalein. Empfindungen seiner Genossen durch seine dummen Witzeleien auszutreiben. So nannte er gegenüber Herrn Korkes dessen jüdisch-nationale Ausführungen „Wirtshaus-Phrasen". Als ob nicht Herr Daszynski selbst in der Blague Meister wäre. Die Debatte endete damit, dass der Antrag Gross mit 17 gegen 54 Stimmen abgelehnt und sohin der Antrag der Kommission angenommen wurde. Die Judenfrage wurde innerhalb der Partei damit nicht gelöst, sondern nur vertagt, verschleppt. Die Scheinkonzession, die in der Bewilligung eines Namens ohne jeden Inhalt am die jüdisch-national empfindenden Proletarier liegt, kann für die Dauer den elementaren Durchbruch, des Volksbewusstseims in den jüdischen Massen nicht hindern. Der Beschluss des Krakauer Parteitages in der Judenfrage war ein Nagel zum politischen Sarge des Herrn Daszynski und seines Leibadjutamten Diamant. PARLAMENT. In der Budgetdebatte haben bisher fünf jüdische Abgeordnete gesprochen. Konform ihren politischen Richtungen waren auch ihre Reden. Die Herren Hof rat Kurand a und Dr. K o 1 i s c h e r beschäftigten sich mit politischen resp. volkswirtschaftlichen Problemen und haben gelegentlich, ersterer zum Schlüsse, letzterer zu Beginn seiner Rede einige Worte der Schmid'schen Resolution gewidmet. Speziell der Abgeordnete für Kolomea, der Judenstadt kat' exoehen, hat so viel Wichtiges über die internationalen Konjunkturen und die Preistheorien, über England und Japan erzählen müssen, dass er an die politische und wirtschaftliche Notlage des jüdischen Proletariates, das doch die Majorität seiner Wähler ausmacht, ganz vergessen hat. Wenn man die gedruckte Rede des Herrn Dr. K o 1 i s c h e r, des Abgeordneten der Judenstadt Kolomea, liest, und sehen muss, wie in dieser Rede unter elf Druckseiten kaum 18 Zeilen, das ist 1/6 Seite, den Juden, und zwar bloss ein zahmer Protest gegen die Resolution Schmidt, gewidmet sind, dann erkennt man erst klar, in welch' elender Knechtschaft die galizische Judenschaft sich befindet, wenn sie solche politische Geschäftsmänner als jüdische" Vertreter ins Parlament wählen muss. Dagegen haben sich die Abgeordneten Doktor Adolf Gross, Stand und Dr. M ahler mit der Lage der jüdischen Bevölkerung eingehender beschäftigt. Ihre Reden waren zum grössten 'Peil eine Polemik gegen die Antisemiten. Programmatisches haben sie nichts enthalten. Sie brachten auch nichts Neues. Es mangelte an grossen Gesichtspunkten. Die Rede Dr. Mahlers war stilistisch sehr gut, aber für 'unser Volksparlament zu akademisch. Die allgemeinen Menschenrechte, auf die sich Dr. Mahler berufen hat, imponieren den antisemitische]! Parteien sehr wenig. Auch der Appell des Dr. Gross, der im Parlamente mit seiner Polemik gegen Mechaniker Schneider Herrn Dr. Bloch kopieren will, an die christliche Nächstenliebe klingt in diesem Hause wie ein Hohn. Die Budgetdebatte soll den Parteien Gelegenheit geben, ihre Wünsche vorzubringen. Liest die Regierung die Reden der jüdischen oder pseudojüdischen Abgeordneten — und wir wollen beispielsweise annehmen, dass sie es tut —, dann ist sie über die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung noch keineswegs informiert. Denn die Herren Kuranda, Kolischer und Gross haben keine Desiderien vom jüdischen Standpunkte aufgestellt; Stand und Mahler haben lediglich die Bedürfnisse des jüdischen Kultus und Unterrichts gestreift. Am Ende geht es uns ja wirklich so gut, dass unsere Volksmassen in wirtschaftlicher Beziehung nichts mehr zu verlangen haben! Und wäre dieser — Schmidt mit seinem Antrage nicht gekommen, wir wären so zufrieden und glücklich . . . Denn von den bisherigen Rednern hat es noch keiner betont: dass die jüdisrhe Bevölkerung nicht von den Schulen allein leben kann, da^s ihr auch durch besondere finanzielle Hilfsmittel seitens der Regierung Vinter die Arme gegriffen werden muss. Allein — offiziell weiss die Regierung davon gar nichts. Sie zerbricht sich vorläufig nicht einmal den Kopf, welche Stellung sie zur Resolution Schmidt im Plenum einnehmen soll, Minister Marchet hat jetzt andere Sorgen. L, ^prechsaaL Der Herr Oberrabbiner. Ein bekannter Bethaus Vorsteher schreibt uns: Worin sucht Herr Dr. (lüde mann die Mission und Aufgabe des „Oberrabbiners"? l'm die geistige und religiöse Entwicklung der Gemeinde hat er sich nie Sorge .gemacht. Auch ihre materielle Not ging ihm nie zu Herzen; nie hat ein Gemeindeangehörigor von ihm in materieller Notlage je eine Hilfe erlangt; man hat es langst verlernt, sich in der Bedrängnis an ihn zu wenden. Seine Lebensweisheit lautet: Man darf die Leute an sich nicht herankommen lassen. Nur wenn ein Vorstandsmitglied in Gefahr ist, mit Gläubigern in Konflikte unangenehmer Art zu geraten, da greift er ein! Es mangelt ihm jeder Sinn für soziale Pflichten gegen arme und bedrängte Gemeindemitglieder. Oder sorgt er etwa für das geistige, moralische und materielle Interesse seines „Kle-

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