Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Nr. 25. lizei es nicht mehr wagte, den Fuss in das Zentrum der terroristischen Bewegung — die Surascher-Gasse — zu setzen. In einer ihrer Versammlungen am jüdischen Friedhof kam es auch zu einem blutigen Zusammenstoss mit dem Militär. Die Bialystoker jüdische Bevölkerung verweigerte der Polizei bei der Ausforschung der Terroristen jede Unterstützung." Und nun bemüht sich der Staatsanwalt zu beweisen, dass das Verhalten der Juden den Hass der christlichen Bevölkerung gegen die Juden hervorgerufen, der sich dann auch auf das Militär übertragen habe, nachdem „die verdienstvollsten und der Revolution gefährlichsten Polizeibeamten allmählich ausgemordet wurden." In diesem seelischen Zu - stände erwachte die Bialystoker Bevölkerung am 25. Mai 1906 auf die Nachricht, dass der Polizeimeister Derkatschew von Juden ermordet wurde. Der Staatsanwalt vergisst hier nicht zu betonen, dass der Ermordete „nicht nur in der christlichen, sondern auch in der jüdischen Bevölkerung sehr beliebt gewesen sei". Arilässlich der Beerdigung Derkatschews kam es zwischen dem Polizeikommissär Scheremet je w und dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde Reigorodski, der einen Kranz auf den Sarg des Ermordeten legen wollte, zu scharfen Auseinandersetzungen. Scheremetjew jagte den Vorsteher mit dem Ausrufe: „Von euch Blutsaugern brauchen wir keinen Kranz!" von dem Sarge hinweg. Da die jüdische Gemeinde einen Pogrom befürchtete, entsendete sie Deputationen zum Grod - noer Gouverneur und zum Kommandanten der Garnison, General Bader, von denen sie Schutzmassregeln erbaten. Da die erhaltenen Antworten sie nicht befriedigten, verliessen die Reichen fluchtartig die Stadt, während die jüdische Jugend einen;Selbstschutz organisierte. Und nun wird der Ausbruch der Metzeleien geschildert. „Am 1. Juni waren in Bialystok zwei kirchliche Prozessionen, eine russische und eine katholische. Als die russische Prozession sich um 1 Uhr mittags in Bewegung setzte, scheute plötzlich ein Pferd, es entstand eine Panik, unter den Teilnehmern — es waren etwa 5000 — entstand das Gerücht, die Juden hätten eine Bombe geschleudert, der Tumult stieg noch, als bald darauf aus den Häusern, an denen die Prozession vorbeiziehen musste, tatsächlich Schüsse fielen und eine Bombe platzte. Nun schritt das Militär ein, beschoss die Häuser, aus denen die Revolverschüsse gekommen waren, ohne jedoch jemanden zu verletzen, während ein Soldat schwer verwundet wurde. Inzwischen begann das wegen der Schüsse aufgebrachte Volk die Juden zu überfallen und zu schlagen, nachdem diese vor dem Bombardement des Militärs aus den Häusern auf die Strasse geflüchtet waren . . . „Und so begann der Pogrom! . . ." sagt der Staatsanwalt. Am ersten Tage des Pogroms wurde die Ruhe erst gegen Abend wieder hergestellt. Am anderen Tage gings von Neuem los und am dritten Tage wieder ... Im Verlaufe der drei Tage wurden 11 Christen und 73 Juden ermordet, und 23 Christen und 82 Juden verwundet. Geplündert wurden 111 Privathäuser, drei Fabriken, 120 Geschäfts - lokale und 118 Privatwohnungen, darunter 11 nichtjüdische. Der Schaden wird mit mehr als 400.000 Rubel beziffert. Das stellt der Staatsanwalt fest. Auf der Anklagebank sitzen 30 Personen, zwischen ihnen auch vier Frauen, die alle,- bis auf drei, sich auf freiem Fusse befanden. Die Angeklagten sind zumeist einfache Bauern, mit Ausnahme des berüchtigten „Schweinekönigs" Bakunowitsch, ein immens reicher Schweinehändler, der beschuldigt ist, eine ganze jüdische Familie mit einer Hacke ausgerottet zu haben. Von den Beschädigten erschienen nur sehr wenige. Sie sind zum Teile gestorben, zum Teile ausgewandert. (deich zu Beginn der Verhandlung spielt sich eine herzzerreissende Szene ab. In den Saal tritt eine junge, hübsche Frau in tiefer Trauer, sie geht auf einen älteren Mann und ein junges Mädchen zu, die auf der Zeugenbank: Platz genommen hatten. Die drei fallen einander um den Hals und schluchzen laut und das Publikum schluchzt mit, nur die Angeklagten sitzen da und stieren blöd auf die weinende Gruppe . . . Es ist die Familie L a p i d u s, die nach dem Pogrom von Bialysok wegzogen und jetzt wieder zusammentrafen zur Jahrzeit der zwei Brüder und einer Schwester, die als erste Opfer des scheusslichen Pogroms gefallen waren . . . Die junge Frau war die Witwe eines der Märtyrerbrüder . . . ©ie polnische Sozialisten* Konferenz und die ijudenfFage. (Von unserem Korrespondenten.) Krakaal, den 14. Juni. Im Oktober v. J. (Nr. 44 der N. N.-Z.) haben Sie sehr ausführlich „Die jüdische Sozialdemokratie" Galiziens behandelt. Es werden in diesem Artikel die Verhandlungen und die Beschlüsse der Lemberger Landes-Konferenz der jüdisch-sozialistischen Organisationen, soweit sie der polnischen Sozialdemokratie angehören, geschildert und kritisiert. In dieser Konferenz wurde der Beschluss gefasst, die bisherige „jüdische Sektion" aufzulassen und an deren Stelle die „Jüdische Sozialdemokratie Galiziens" zu schaffen. Ein neuer Name. Sonst sollte es beim Alten bleiben. Die jüdischen Vereine durften Verband spielen, aber sie erhielten keine Autonomie, keine Exekutive; sie blieben ein Anhängsel der polnischen Sozialdemokratie. Das Merkwürdigste dabei ist, dass auf dieser Lemberger Konferenz „die Zugehörigkeit des jüdischen Proletariates Galiziens, das in der sozialdemokratischen Partei organisiert ist, zur jüdischen N a t i o n a 1 i t ä t a. n e r k a n n t wu rd e". Und trotzdem — müssen diese Organisationen national gesinnter jüdischer Proletarier das Zugehör einer fremdnationalen (polnischen) Partei bilden. Man muss wirklich polnischer Sozialdemokrat sein, um die Vereinbarkeit derartiger Beschlüsse mit den durch die Sozialdemokratie vertretenen Prinzipien der Freiheit zu begreifen. Allein die Herren, die polnischen Chauvinisten Daszynski und Diamant voran, wollen es nicht anders. Sie klammern die jüdischen Elemente mit aller Macht an die polnische Sozialdemokratie, die ohne die Juden in ein Nichts zusammenbrechen müsste. Und geht es nicht mit den alten Namen und Mätzchen, weil die jüdischen Sozialisten sich im polnischen Milieu ganz fremd fühlen und den Weg zu ihrem Volke suchen, dann werden neue Formeln und Phrasen erfunden, um die Leute im Banne zu halten. Der Parteitag, der vorige Woche hier stattfand, sollte die Beschlüsse der Lemberger Konferenz betreffs der jüdischen Organisation sanktionieren.