Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Mohilewer hätte es keine Chovevi Zion in ßussland, somit keine palästinensischen Kolonien und daher auch keinen Zionismus gegeben. Aber wir würden den Geist Mohilowers, diesen Geist der Liebe, Milde und Bescheidenheit in der heutigen zionistischen Partei vergeblich suchen. Mit ihr hat auch Mohilewer nichts zu tun. * In der Broschüre des Dr. S. R. Landau „Unter jüdischen Proletariern" findet sich die Beschreibung eines Besuches bei Rabbi* Mohilewer, die gewiss auch heute nicht ohne aktuelles Interesse ist: „Wohl selten geniesst ein Rabbiner so sehr die unbestrittene allgemeine Achtung und Verehrung wie dieser greise Mann. Nicht blos wegen seiner zionistischen Gesinnung, der grossen Opfer, die er für die Volkssache gebracht hat und des unermüdlichen Eifers, mit dem er noch immer alle Details der Bewegung verfolgt, sondern noch mehr wegen seiner Selbstlosigkeit, seiner Wohltätigkeit und der strengen Auffassung seiner Amtspflichten. Als Rabbiner Mohilewer im Jahre 1833 aus Radoin nach Bialystok kam, da brachte er ein Vermögen von 40.000 Rs. mit; heute hat er es nicht mehr. Er lebt lediglich von seinem Gehalt, und die Einkünfte aus Eheschliessungen, Ehescheidungen u. dgl. überlässt er den Rabbinats-Assessoren. Handelt es sich um eine wohltätige Sammlung, so ist er an der Spitze. In dem mit bürgerlichen Komfort eingerichteten Empfangszimmer einer bescheidenen Wohnung hatte ich die Ehre, von Mohilewer empfangen zu werden. Es war gerade zwei Uhr nachmittags, und er nahm erst das Frühstück ein. Während ich wartete, hatte ich Zeit, mich im Zimmer umzusehen. Zur Linken ist das Schlaf-, zur Rechten das Konferenz-Zimmer, wo sich gerade die Rabbinats-Assessoren, zwei gutgenährte, ganz nüchtern aussehende Männer mit einigen Leuten lebhaft unterhielten. An den Wänden des Salons hängen das Porträt Montefiores, das Bild der zweiten Konferenz der „Chovevi Zion" in Odessa und das eigene Porträt Mohilewers. ein Stahlstich. Ein runder Tisch, ein Teppich, einige Fauteuils und ein Bücherschrank vervollständigen die Einrichtung. Doch bald öffnet sich links die Türe, und ein gebückter Greis mit langem weissen Bart, in einen langen Seidenrock gehüllt und eine hohe Pelzmütze auf dem Haupt, steht mir gegenüber. Er ist müde, krank, auf den Füssen schwach; wir setzen uns nieder. Das Gespräch beginnt. Es scheint ihn zu ermüden. Jedes Wort entringt sich mühsam seinen Lippen. Da lenkt sich unser Gespräch auf den Zionismus, die Kolonisation, die Kolonialbank. Plötzlich geht es wie ein verjüngender Geist durch diesen altersschwachen Körper. Seine Gesichtszüge beleben sich, die halbgeschlossenen Augen öffnen sich weit und zeigen uns ihren milden, klugen Ausdruck, die Lippen umspielt ein Lächeln und die zitternde Stimme bekommt einen feierlichen Klarg. Dann wird er nicht müde, stundenlang von der Bewegung, ihren Einzelheiten, die er genau kennt, ihren Hoffnungen und Aussichten, auf die er vertraut, zu sprechen. Und seltsam! Er spricht nie von sich selbst, voh dem, was er selbst geleistet, sondern von den Anderen, den Jüngeren, die in seine Pfade getreten sind und sie weiter verfolgt haben, die vielleicht das ernten werden' was er als einer der Ersten gesäet hat. Die jeweiligen Nachrichten von den Fortschritten der Bewegung beeinflussen vielleicht seine Laune, aber sie rauben ihm nie den Mut. Ein schlichter, bescheidener Volksmann, dem Reichtum und Macht nicht imponieren, glaubt er an den endgiltigen Sieg des Zionismus, weil er eine Volksbewegung ist. Darum ist auch dieser orthodoxe Rabbiner von einer nachahmenswerten Toleranz in religiösen Dingen. Und es ist keine blosse Phrase, sondern vielmehr ein Beweis glühender Begeisterung und grenzenloser Hingebung für die zionistische Idee, wenn Rabbiner Mohilewer im Laufe unseres Gespräches ausrief: „Ich wäre im Stande, für diese Sache mein Leben zu opfern", Aber was er heute nur noch tun kann, ist, dass er den russischen Zionistcn, die nichts ohne ihn beginnen, seine weisen Ratschläge erteilt, ohne sie ihnen jedoch aufzudrängen." ©er ]|iafvstol<cr poopoinprozcss. (Von unserem Korrespondenten.) B i a 1 y s t o k, den 11. Juni. Man hat in Russland noch immer Sinn für komödienhafte Gerichts\crhandlungcn. Trotzdem in den letzten drei Jahren mehr als ein Dutzend klei nere Pogromprozesse durchgeführt und trotzdem alle diese Gerichtsverhandlungen nach einer und derselben Schablone in Szene gesetzt wurden, gibt sich für den Bialystoker Pro;-es.-* dennoch ein so lebhaftes Interesse kund, wie »\eni! man der l eberzeugung wäre, dass die Gerechtigkeit durch die Pforten des Bialystoker (ierichtssna!es ihren Fmzug in Russ - land feiern würde, l'nd dennoch weiss jeder, der die russischen Verhältnisse kennt, dass der Ausgang dieses Prozesses sich kaum von den sei: 1905 abgeführten unterscheiden werde: Parteiische Behandjung der die Hooligans belastenden Zeugen, Bevorzugung der Angeklagten und ihrer „Kronzeugen", Vergewaltigung der Geschädigten und ihrer Vertreter, schliesslich die Seh :in\crurteilung der Angeklagten zu geringer Freiheitsstrafe. Aber hiermit schliesst die Gerichtsposse noch nicht ab. Der Gerichtshof beschliesst gleichzeitig mit der Verurteilung, die Verurteilten der Gnade des Kaisers zu empfehlen, lind Väterchen ist ja so gnädig, wenn es sich um — Judenmörder handelt. Wer noch irgendwelche Zweifel haben mochte, dass der grosse Bialystoker Pogromprozess seinen Vorgängern auf ein Haar ä lud ich sein werde, dem hat der Herr Staatsanwalt gleich am ersten Tage des Prozesses auch den letzten Rest des Zweifels gründlich ausgetrieben. Der Beschuldigungsakt" des offiziellen Anklägers ist im Grunde genommen nichts anderes, als eine Erklärung dafür, warum der „Pogrom kommen iiub>ic"so, dass man sich am Schlüsse verwundert fragt, warum denn eigentlich diese „arme Bauern" und nicht die Juden, denen man Hab und Gut geraubt. Familienmitglieder hingeschlachtet, Frauen und Töchter geschändet hat. auf der Anklagebank sitzen. In geradezu teuflisc h schlauer Weise bringt der Staatsanwalt die Massakers mit der revolutionären Bewegung in Zusammenh ing, als deren bedauerliche Folgen die Pogroms aufzulassen wären. ..Infolge der Famordung einer Anzahl von Polizisten" beginnt die Anklage „wurde am 7. September 1905 in Bialystok der Kriegszustand proklamiert. Die Wirkung dieser Massregel hatte es bewirkt, dass der Terror nachgelassen hat. Als aber am 1. März \ijo() der Kriegszustand aufgehoben wurde, haben die terroristischen Geberfäilc wieder (sie!) eingesetzt. Fs wurden hintereinander 1.} Wachmänner ermordet. Ausser auf Polizeimänner wurden auch auf viele reiche Pri\atmenschen Attentate verübt, sodass vom 1. März bis 1. Juni iyo(> im Bialystoker Kreisgerichte nicht weniger als 45 Prozesse gegen Terroristen durchgeführt werden mussten. Die Schuldigen in allen diesen terroristischen Anschlägen waren, wie die Fntersuchung ergehen, j ü d i s c h e j u n g e Leute, die in Gruppen anarchistischer Organisationen und versehen mit Bomben und Schusswaffen einen wahren Schrecken verbreiteten, so, dass die Po