Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-06-19 · Heft 25 (19.6.1908) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425747--0860-2427175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. „Neue National-Zeitung" Nr. 25. Nachmittags 3 Uhr: 1. Die politische Stellung der Juden in Deutschland: R. A. Dr. Ascher-Dessau. 2. Die grossen jüdischen Organisationen in Deutschland: R.-A. Dr. K 1 e e-Berlin. 'S. Unsere Stellungnahme zur jüdischen Gemeindepolidk: R.-A. Dr. Kallenscher- Posen. i. Debatte. II. Verhandlungstag: Dienstag, 9. Juni, vormittags 9 Uhr: 1. Die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas: Piofessor Dr. W a r b u r g-Berlin. 2. Kulturelle Aufgaben in Palästina : Dr. Schema» jah L e w i n-Berlin. Nachmittags 3 Uhr: Wahlen in das Zentralkomitee und das Zentralbureau. * * * Der Delegiertenlag wurde von Dr. Boden heimer begrüsst, der auch zum Vorsitzenden gewählt wurde. Für Ihre Leser dürfte von besonderem Interesse sein das Referat des Dr. Ascher über die Stellungnahme der deutschen Zionisten zur inneren Politik. Die Einleitung war rein theoretisch, und schloss mit nachstehenden Sätzen : „Die frühere Gen;ration suchte ihre Ziele zu erreichen durch Anschluss an eine Partei ohne Rücksicht auf die eben betonten Gegensätze, durch Stärkung und Forderung dieses einen Faktors. Diese Politik hat uns keinen Schritt weiter gebracht. Sie ist nicht zu empfehlen. In gleicher Weise ist als praktisch unbrauchbar die Bildung einer besonderem jüdischen politischen Organisation abzulehnen. Ich empfehle es, im Tageskampfe jedem Einzelnen zu überlassen, welcher Partei er sich anschliessen will, ob den in der Bildung begr Honen Faktoren, die zu herrschen beanspruchen und die bestehende Macht zu beugen suchen, oder ob es ihm mehr daran liegt, die Verwirklichung seiner eigenen Ideale und Gedanken im Anschluss an vorhandene Macht zu erstreben. Meine Ortsgruppe hat den letzteren Weg eingeschlagen, der ihrem Wesen am nächsten liegt, und hat damit gute Erfolge erzielt. Um hier richtungsweisend aufzutreten, fehlt es an jeglicher Vorarbeit in Gestalt praktischer Versuche. An Ideen sind wir überreich, an praktischen Versuchen über alle Begriffe arm. Noch heute gilt, was einst Fontane in einem Briefe schrieb: ,Die Juden sind und bleiben politisch unversländlich; sonst so praktisch, verfallen sie po itisch sofort der Phrase; sie sind Phantomanbeter, Anbeter eines Goüe?, den sie sich erst machen. Wie in ältester Zeit, immer Rückfälle in den Götzendienst. Aber es hilft ihnen nichts. Sie schreiben Zeitungen — aber nicht Geschichte.' Wenn wir die hier empfohlene Politik treiben, wird es uns auch gelingen, einige wirkliche jüdische Abgeordnete ins Parlament zu schicken. Die Bevölkerung neigt dazu, wie in den Kommunen und Landtagen der Einzelstaaten, einige Sitze jüdischen Abgfordneten zu überlassen. Es gilt, die rieht gen Persönlichkeiten herauszufinden. Das brauchen keine Zionisten, es m'issen nur selbstbewusste JuJen sein, denen nichts Jüdisches fremd ist, die zu antworten wissen, wenn von Seiten unserer Feinde Irrtümer über unser Volk, über unsere Sitten, über unsere Religion vorgebracht werden. Mehr als eine Tribüne, von der wir gehört werden, ist und kann das Parlament für uns nicht sein. Die empfohlene Politik gilt aber nur für die einzelnen Juden. Unsere zionistische Organisation und Leitung hat sveb von jeder Politik fern z i halten. Sie ist nicht liberal oder konservativ, nicht englandfreundlich oder russenfeindlich, sondern jüdisch und sachverständig. Still siizen, die Entwicklung der Dinge mit offenem Auge betrachten, aus der Summe des Möglichen das in jedem Augenblick Notwendige herauszufinden und durchzuführen, das ist Aufgabe unserer Leitung." Der Gedankengang des Referenten wurde von Dr. Fried emann in nachstehende Resolution zu^ammengefasst: „Die Zionistische Vereinigung für Deutschland lehnt, ohne die Stellungnahme der einzelnen zu beschränken, für sich als Organisation jedes Eingreifen in die innerpolitischen Kämpfe Deutschlands und daher jede Unterstützung einzelner politischer Paiteien ab." Damit haben sich die deutschen Zionisten auf einem der österreichischen Taktik entgegengesetzten Standpunkt gestellt. Bei der Minoritätsstellung, welche die Juden überall in Deutschland einnehmen, würde den Zionisten auch eine mehr jüdischnationale Taktik praktisch nichts nützen. Bezügli h der grossen Hilfsorganisationen — Referent versteht darunter: 1. Den Hilfsverein der Deutschen Juden; 2. Die deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle; 3. Den Verband der Deutschen Juden; 4. Den Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens; 5. Die Logen des Orden» B'nei Brith (U.O.B.B.) — führt Dr. Klee aus; Was den ersteren anbetreffe, so sei es heute allgemeine Ansicht, dass man Hand in Hand mit ihm arbeiten müsse, da er bei seinem in ausgezeichnetem systematischen Aufbau entstandenen Schulwerke vollkommen die zionistischen Tendenzen im Auge habe und auch sonst gern zionistische Kräfte heranziehe. Vor allem habe er mit dem Prinzip des Glücklich-Machen-Wollens von Aussen her gebrochen und — eine alte zionistische Forderung — den Wünschen der Bevölkerung Rechnung getragen. Im G« gensatz hierzu stehe d e Alliance; doch sei dieser Gegensatz zum grossen Teile daraus zu erklären, dass hier eine Tradition vorliege, mit der zu brechen sehr schwer sei. Dass die Verwaltung in Paris ist, sei nur aus der früher bestehenden französischen Suprematie im Orient zu erklären. Nachdem Redner noch das Schulwerk der Alliance vom pädagogischen Standpunkte aus gelobt, ging er zu denjenigen Organisationen, deren Tätigkeit sich nicht über Deutschland hinaus erstreckt: Verbnnd der Deutschen Juden, Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und B'nei Brith—Logen über und liess die Frage des Eintrittes offen. Sehr lebhaft gestaltete sich die Diskussion über die Interpellation des Herrn Hermann Struck betreffend die bekannte Entweihung des Sabbats. Diese Interpellation lautet«: I. Ist es den deutschen Mitgliedern des A. C. bekannt, dass in den offiziellen zionistischen bureaus zu Köln am Sabbath gearbeitet worden ist, und was gedenken sie zu unternehmen, um die Möglichkeit der Wiederholung solcher Vorkommnisse auszuschliessen V II. Sind die deutschen Mitglieder des A C. bereit, darauf hinzuwirken, dass dem Organisationsstatut ein Zusatz beigefügt werde, im Wortlaut des auf dem 2. Kongresse gefass>ten Beschlusses: „Der Zionismus unternimmt nichts, was gegen das Religionsgesetz des Judentums verstösst?" III. Sina die deutschen Mitglieder des A. C. bereit, darauf hinzuwirken, dass die offizielle zionistische Presse sich von der Erörterung religiöser Fragen fern halte? Die Mitglieder des Aktions-Komitees Dr. F r i e d e m a n n, Dr. H a n t k e und Dr. Bodenheimer sprachen ihr Bedauern über die Voikommnisse aus, worauf nachstehende Resolution Struck-Friedemann angenommen wurde : „Der deutsche Delegiertentag bedauert aufs lebhafteste, dass in den offiziellen zionistischen Bureaus zu Köln am Sabbath gearbeitet wurde, und begrüsst mit Genugtuung die Erklärung des Präsidenten, dass Vorsorge getroffen worden ist, die Wiederholung solcher Voikommnisse auszuschliessen. Der deutsche Delegiertentag steht auf dem Boden der Erklärung Herzls: „Der Zionismus unternimmt nichts, was gegen das Relijüonsgesetz des Juder.tums verstösst." Eine dritte Resolution des Inhaltes, „Der deutsche Delegiertentag ersucht die deutschen Mitglieder des Aktionskomitees, darauf hinzuwirken, dass die offizielle zionistische Presse sich rtligiösen Fragen gegenüber neutral verhält", wurde zurückgezogen, da Dr. Bodenheimer zugleich namens der anderen deutschen Mitglieder des Aktionskomitees die Erklärung abgab, dass es für selbstverständlich gehalten würde, in der von der Resolution gewünschten Richtung zu wirken. Den ^cliluss der Tagung bildete die Ne iwahl für das Zentral - Komitee, als dessen Vorsitzender Dr. Bodenheimer - Köln wieder gewählt wurd«*. Der Präsident des Aktions-Komitees Herr Wolffsohn ist nicht erschienen und hat brieflich seine Abwesenheit ent» schuldigt. Wie ich höre, wird Herr Wolffsohn die angekündigte Reise nach Lemberg unterlassen und wird sich durch Dr. Bodenheimer vertreten lassen. ^um (Todestage Rabbi gantuel ^ohilevveps. Am 10. d. M. sind es zehn Jahre worden, seitdem einer der ersten und eifrigsten Förderer der Palästina-Kolonisation, Rabbi Samuel Mohilewer in Bialystok, in hohem Alter das Zeitliche gesegnet hat. Es ist eine Undankbarkeit in hohem Masse, wenn die gesamte zionistische Parteipresse, die ja sonst im Persoueukukus sehr überschwänglich ist, bei diesem Anlasse nicht des Mannes gedenkt, der eine Zierde des Judentums und des Rabbinerstandes war, weil er als wahrer Volksführer unter Hintansetzung materieller Interessen in den schwersten Tagen sein Volk aus der Nacht der Verzweiflung auf den Weg der Wiederbelebung geführt hat. Ohne Rabbi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.