Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. „Neue Natioßal-Zeitung" Seite 1 sucht und intensiv pflegt, um diese für Ihre sogenannte konservative Richtung", die keinerlei Anstrengung erfordert, günstig :a beeinflussen. Haben Sie es nicht zuwege gebracht, selbst seine Sabbathgesellschaft, deren einzelne Mitglieder ihm Existenz und Namen verdankten, da er ihnen die Wege der Wissenschaft gezeigt und ihnen Brot verschafft hatte, zu sich herüberzuziehen, so dass der eine oder andere derselben sogar zu seinem Gegner wurde? Wo gab es einen in der Gemeinde, der dem „armen" Jellinek grössere Gegnerschaft bewiesen, als gerade Sie? lieber manche intime und kräftige Beweise von Freundschaft, die Sie Jellinek in den Tagen des Präsidiums Arminio Cohn geliefert, sei der Schleier der Vergessenheit geworfen. Sie schütteln abwehrend den Kopf? Nun ja, es soll auch erwähnt werden, dass Sie zum Schlüsse, um Ihren Grossmut dem Gegner gegenüber an den Tag zu legen, — Sie wissen ja, was ich meine — glühende Kohlen auf sein Haupt gesammelt haben, eine Grossmut, an die Sie nicht so leicht vergessen können. Soviel in Kürze hierüber, obgleich es mich drängt, noch manche alte Erinnerung in Ihnen aufzufrischen. Aber der Atem droht, zu versagen, und ich will Ihnen noch auf eine andere Bemerkung erwidern. (Er holt tief Atem und fährt dann fort.) War es also unklug, die Alanen Jellineks heraufzubeschwören, um ihn scharfe Pfeile abschicssen zu lassen, die den Heraufbeschwörer trafen; so war es noch weit übereilter, mir das Gespenst jenes Schwerenöters an den Hals zu werfen, den angeblich die Volksentrüstung weggefegt, den aber in Wirklichkeit sein eigener Besen hinwegfegte. Oberrabbiner: Das verstehe ich nicht; das ist Wahnwitz, wie alles, was Sie vorbringen. Greis: Sie werden es schon verstehen. Nur gemach, ich werde mich schon deutlich machen. ■Also jener Schwerenöter, der — ich weiss, auf wen Sie da anspielten — sich gegen die Interessen des Judentums vergangen, wurde, sagen Sie, von der Volksentrüstung weggefegt. — Nun mir war dieser Mann niemals sympathisch, und ich konnte es auch nicht begreifen, wie eine auf die Würde des Judentum etwas haltende Wählerschaft eine Person in ihre Vertretung entsenden konnte, die notorisch niemals Beweise ihrer Anhänglichkeit an das Judentum oder irgend eines besonderen Interesses für dasselbe geliefert hat, und die sogar durch ihre exponierte soziale Stellung, insbesondere infolge ihres rücksichtslosen Auftretens und Gebahrens, den Judenstamm herausforderte und ihre Volksgenossen tief schädigte. Dass aber die Volksentrüstung gelegentlich der Wahl dieses Mannes, der durch seine Stellung allein das Judentum schädigte, erwacht Avärc, habe ich nicht gehört; er durfte vielmehr ganz ungehindert als Vertrauensmann der Gemeinde in die Gemeindestube einziehen und ein Führer der Gemeinde werden, ja hier ei rieh mächtigen Einfluss gewinnen und entfalten. Und das eigentlich war sein Verderben. Von da ab erwachte die Volksentrüstung . . . Oberrabbiner: Heller Wahnsinn! Greis: Reine Wahrheit. Alerken Sie auf: Der Mann hatte etwas, was wie ein Besen aussah. Solch' ein Ding scheuen die Kollegen, die Rabbiner, die Beamten 'und die Diener eines Kultusvorstandes über alle Massen. Und sein Vorgehen gegen die Interessen des Judentums in der russischen Anleihe, war nur ein willkommenes Zeichen für das Erwachen der Volksentrüstung; was dann folgte, und schliesslich die Deputation des Kultus Vorstandes, um den Schwerenöter mit verbindlichem Lächeln zum Verbleiben im Vorstande zu veranlassen, war eitel Komödie . . . Oberrabbiner: Welch' wilde Phantasie! Greis (mit erhobener Stimme): Keine wilde Phantasie, die heiligste Wahrheit! Ich will dies Ihnen sofort mit einem Schlage beweisen. Wäre diese „Volksentrüstung", die jenen Schwerenöter aus der Gemeindestube hinausgefegt, in Wirklichkeit eine ursprüngliche, eine spontane, eine aus der Volksseele eruptiv hervorbrechende gewesen, warum hätte sie dann vor den Pforten des Rabbinerseminars, darin jener Schwerenöter nach wie vor ganz unangefochten als Vize-Präsident des Kuratoriums sitzt, Halt gemacht? . . . Sie stutzen? Ja wohl, Sie haben allen Grund, Ihre Uebereilung zu bereuen. Sie wissen sehr gut, ja viel besser als ach, dass der Kultusvorstand von heute zu einer rein administrativen Körperschaft herabgesunken, da die geistliche, religiöse, rituelle und kulturelle Leitung in Ihre Hände gekommen ist. Mitglied dieser Körperschaft könnte sonach auch ein Nichtjude werden, und nach Ihrer Anschauung, die Sie aus dem Talmud herauslesen, könnte auch ein Heide als ein oppositionslüsterner Jude, als ein solcher nämlich, der den Frieden in der Gemeinde stört, für dieses Ehrenamt tauglich sein. Und aus dieser ganz profanen Körperschaft hat die „Volksentrüstung" jenen Schwerenöter hinausgefegt; während diese selbe „Volksentrüstung" an der Schwelle der Rabbincrschule, deren Kuratorium über die Schaffung von Rabbinern, die das Judentum machen, die Religion wahren, Frömmigkeit und Gottesfurcht pflegen sollen, zu wachen hat, verstummte. Und in diesem Kuratorium haben auch Sie, Herr Oberrabbiner, Sitz und einflussreiche Stimme! — — Wo, frage ich, ist da die ehrliche „Volksentrüstung"? Komödie, nichts als Komödie! Oberrabbiner (zum Sekretär eilend und ihn aufrüttelnd): Herr Sekretär, sorgen Sie dafür, dass dieser Mann heil nach Hause kommt, denn er ist krank, sehr krank. Und legen Sie seiner Umgebung es sehr ans Herz, dass sie ihn sorgfältig überwache; denn sein Geist ist umnachtet. — (Zu dem jungen Vorstandsmitglied gewendet.) Und ich, der jeh auf dem Wege zu einer Debar Alizweh, zu einer frommen Stiftungsangelegenheit war, liess mich da durch ein wahnwitziges Gerede aufhalten! Unverzeihlich! (Rasch ab in den Sitzungssaal. Das junge Vorstandsmitglied schleicht ihm verstört nach. — Der Sekretär greift nach der Uhr, schüttelt unwillig den Kopf, rafft schnell die Akten zusammen, um sie abzulegen, nimmt seinen Oberrock.) L. Der Vorhang fällt. ©et* deutsche ^lonistentaS in föreslau. Breslau, den 10. Juni. Montag, den 8. Juni, wurde hier der XI. Delegiertentag der deutschen Zionisten in Anwesenheit von ungefähr 100 Delegierten eröffnet. Derselbe umfasste nachstehende Tagesordnung: I. Verhandlungstag: Montag, 8. Juni, vormittags 9 Uhr: 1. Eröffnungsrede des Präsidenten Herrn R.-A. Dr. Bodenheime r-Köln. 2. Begrüßungsansprachen. 3. Konstituierung des Bureaus. 4. Bericht des Zentralbureaus. 5. Generaldebatte.