Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-06-19 · Heft 25 (19.6.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425747--0858-2427173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. „Neue National-Zeitung" Nr. 25. J. Vorst.-M.: Welch' ein verstockter Greis! Welch' hartgesottener Sünder i II. Szene. (Der Oberrabbiner tritt ein. Der junge Vorsteher stürzt ihm unter tiefen Bücklingen entgegen, die jener herablassend erwidert. Der Oberrabbiner ist sichtlich betroffen und fühlt sich peinlich berührt von dem Anblick des Greises.) J. Vorst.-M.: Herr Oberrabbiner kommen wie gerufen. Ein Deus ex machina. Wir hatten eben eine scharfe Auseinandersetzung, waren in eine Diskussion geraten über die Affaire .... (Er stockt; will fortfahren, gerät aber wieder ins Stocken, i Greis: Nun ja, es wurde die Frage angeregt, ob ein Vorstandsmitglied, dessen Tochter einen Christen geheiratet, noch weiter sein Mandat als Vertreter der jüdischen Gemeinde behalten dürfe? Oberrabbiner: Eine müssige Unterhaltung. Greis: Nein, ein Thema von eminent aktueller Biedeutung. Haben Sie denn nicht von ähnlichen Vorkommnissen in Ihrem eigenen Kultusvorstand gehört? Oberrabbiner: Geschwätz, Krakeel, Klatschsucht. In unserem Vorstand kommen solche Fälle nicht vor. Greis: Nicht? Einige Blätter aber brachten solche Meldungen. Oberrabbiner: Krakeelsüchtige. Unsere Blätter wissen nichts von solchen. Greis: So wenig wie der Oberrabbiner. Aber werden denn „unsere Blätter" von dem Vorstand subventioniert, damit sie demselben Verlegenheiten bereiten? Und wenn es nicht wahr wäre, warum dementierten die von der Gemeinde subventionierten Blätter nicht diese „unwahre" Meldung? Doch dem sei, wie ihm wolle, das Thema ist einmal aufge - rollt, so mag es, sei es auch nur akademisch, ^diskutiert werden. Nehmen Sie, Herr Oberrabbiner, für den Augenblick an, dass die Meldung wahr sei, was würden Sie in diesem Falle sagen? Oberrabbiner (nach einigem Nachdenken): Ich würde dann mit der Schrift sagen: Es soll nicht der Vater die Schuld des Kindes und das Kind nicht die Schuld des Vaters büssen, sondern jeder stirbt in seiner eigenen Sünde. Greis: Das nenne ich wahrhaft fromm und priesterlich gesprochen! Aber wenn ich mich recht erinnere, so urteilten Sie anders in einem ähnlichen Falle, der sich vor Jahren ereignete. Da fassten Sie die Sache nicht so sanftmütig auf, sondern eiferten in grosser Entrüstung, dass man glauben musste, es wäre im Kultusvorstand ein Sakrilegium begangen worden. Das heisst nicht, ein und dasselbe Ding mit dem gleichen Mass gemessen. Oberrabbiner (in gedämpftem Ton): Ich weiss, worauf Sie anspielen. Das war aber ein anderer Fall. Der Mann hätte aus dem Vorstand hinaus müssen, auch wenn ihm das Malheur in der Familie nicht passiert wäre. Er war ein unruhiger, umsturzlüsterner Mann, der seinen eigensinnigen, von radikalen Ideen erfüllten Kopf hatte, den Vorstand gewaltsam aufhetzen, den „Frieden in der Gemeinde" mutwillig untergraben wollte. Ein solcher Korach ist weit gefährlicher, als selbst ein Abtrünniger, der von der Gemeinschaft sich lossagt und nur sein eigenes Seelenheil zerstört. Denn über alles geht der „Frie- .den in der Gemeinde", wer diesen bedroht, der ist ein Jerobeam: er sündigt selbst und verleitet die anderen zur Sünde. Darum sagt auch der Talmud, dass derjenige, der Zwietracht in der Gemeinde stiftet, der die Fackel des Aufruhrs zwischen Israel und Gott schleudert, weit ärger ist, als selbst der Heide. Das war ein ganz anderer, hieher nicht gehöriger Fall: Est modus in rebus. Greis (für sich): Ja wohl: est modus in Rebbes. Oberrabbiner: Was sagen Sie? Greis: Ich sage, dass nicht alle Ihre Ansicht teilen. Ich meine, dass es viele Einsichtsvolle, Und diese sind doch wohl die Massgebenden, in der Gemeinde gibt, die nicht in jeder Opposition einen Krakeel, in jeder Unzufriedenheit mit den bestehenden Gemeindeverhaltnissen beabsichtigte Friedensstörung erblicken, die nicht der Ansicht sind, dass die Gemeinde einem Friedhof zu gleichen habe, auf dem nur Rabbiner und Kultusbeamte, weil sie dafür bezahlt werden, das "Wort haben, die vielmehr überzeugt sind, dass eine Gemeinde, in der jede Opposition verstummt ist, tot sei. Dieser einsichtsvolle und denkende Teil, der sich verdrossen und an eine Besserung der Verhältnisse verzweifelnd zurückzieht, hat die Wurzel des Vebels, an dem wir kranken, erkannt. Er hat sie in der tötlich beruhigenden Gemeindcleitung erblickt, die eigentlich in den Händen eines jede Unruhe und jede Bewegung über alles scheuenden Oberrabbiners ruht . . . Oberrabbiner (ungestüm herausplatzend): Sie sind noch immer der alte Wühler. Ihre Zunge hat nichts an Schärfe verloren. Haben Sie nicht selbst dem armen Jellinek, dessen freisinniger Richtung Sie doch angehörten, das Leben vergällt? Danken Sie dem Himmel, dass Sie nicht mehr im Vorstand sitzen, die Volksentrüstung würde sie jetzt hinweggefegt haben, wie sie jüngsthin einen anderen Schwerenöter hinweggefegt hat, der sich gegen die Interessen des Judentums vergangen. Uf, uf, uf . . . . Greis: Herr Oberrabbiner! Sie sind ein mächtiger Mann in Ihrer Gemeinde; aber mir imponieren Sie nicht, mir nicht, der ich Sie noch gekannt und das Mass Ihrer Kräfte zu beurteilen Gelegenheit hatte, als Sie noch nicht zu einer so starken Eiche sich ausgewachsen hatten, sondern noch ein biegsames Reis auf dem Boden eines willensstarken Kultusvorstandes waren. Noch weniger imponieren mir Ihre heiligen Zornausbrüche, und ich will Ihnen in aller Ruhe und mit aller Gründlichkeit antworten. Herr Oberrabbiner! Sie sind ein kluger Mann, aber diesmal hat Ihr Zorn Ihre Klugheit zuschanden gemacht. Es war gewagt von Ihnen, eine Gegnerschaft zwischen mir und dem „armen" Jellinek, die [niemals bestanden hat, hervorzugraben. Niemand wusste besser als ich den Wert des Mannes zu schätzen. Niemand würdigte mehr seine Begeisterungsfähigkeit, seine reichen Kenntnisse, seine ewig anregende Kraft, seine ebenso klassische als hin - reissende Kanzelberedsamkeit, seinen hohen, idealen Zielen zustrebenden Sinn, als ich. S i e dürften am wenigsten jemanden beschuldigen, den ,,armen" Jellinek angefeindet zu haben, Sie, der Sie von Anbeginn sein grösster Gegner waren, der Sie allen, seinen noch so massvollen fortschrittlichen Bestrebungen Ihr ewiges non possumus als Knüttel vor die Füsse warfen, den Frieden in der Gemeinde trübten und den „armen" Jellinek, den Sie nicht überstrahlen konnten, zu isolieren sich bemühten. Sie haben aus seiner, von wissenschaftlicher Belastung und noch mehr von der Schwerhörigkeit ihm aufgedrungene Weltabgeschiedenheit gelernt, wie den Verkehr mit den massgebenden Familien auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.