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Neue Nationalzeitung · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 23. XXII. Dawid ergreift einen Beruf. Nach einigen Tagen ging Frau Taubclcs daran, für Dawid eine geeignete Stelle zu suchen. Sie hatte sich von einer Dame ein Empfehlungsschreiben zum Chef des Grosshandlungshauses Karfunkelstein & Comp, verschafft. Zu diesem ging sie nun mit dem Knaben. Es war Nachmittag. Dawid stand im Vorzimmer und wartete, während sich Frau Taubeies im-Salon zum Ausgehen fertig machte. Endlich erschien sie. in eine braune Mamille eingehüllt, die sie doppelt" so dick erscheinen Hess, und mit einem Hute, der den Moden der letzten Jahrzehnte wacker Stand gehalten hatte. Hoch erhobenen Hauptes rauschte sie an dem Knaben vorüber, ohne ihn zu beachten. D.iwid beeilte sich, ihr zu folgen. Auch auf der Strasse kümmerte sich Frau Taubeies um ihn nicht. Sie hatte nur Sinn für ihre Kleider, die m;t dem St ras senstaub in Berührung kommen wollten. Sie war an die St ra -".-■enluf? ni hr gewöhnt und von Zeit zu Zeit hob «ce die Nase in die Höhe, um Atem ztt holen — wie cm Huhn, wenn es Wasser geschluckt hai. Nach einiger Ze;: u ürdrgtc sie den Knaben an ihrer Seile eines Blickes. Sie öffnete den Man.! — schloss ihn aber ba! 1 wieder. David k mnic sich das Benehmen niehi erklären. ..Taubeies hat Recht. Er hat keine Erziehung genossen. Bald rennt er \ or und bald nach . . . Er soll doch mit mir gleichen Schrm halten". Also liess sich endlich Krau Taubeles vernehmen. Dawid gab sich Mühe die Eehre zu befolgen. Eine Zeit lang, schritten sie wieder schweigend, bis Frau Taubeies plötzlich stehen blieb. ...Das viele Gehen fällt mir schwer", lispelte sie. „Wenn man den ganzen Tag -ätzt . . ." Dawid fragte sich, an wen Trau Taubeies v. ohi diese Worte gerichtet haben konnte, ihm wendete sie den Rücken zu. Es gingen w.»hl viele Mens* hen vorüber, aber niemand kümmerte sieh um sie. Nach einigen Minuten setzte sieh die Mamille wieder in Bewegung. In der inneren Stadt geriet Frau Taubeles in grosse Unruhe. Bei jeder Stra^senbiegung sah sie sich nach allen Seiten aru, ehe sie sich entscliloss den Fahrweg zti überqueren.. Während sie hinüberliefen, schrie sie dem Knaben über die Achsel zu: „Geb er nur Ach; auf die Wägen — 'Taubeles sagt: Was man sieh tut, tat man sich selbst . . Auf dem Schottenring wendete sie dem Knaben zum ersten Male das Gesicht zu und sprach: n „Er kann von Glück sagen, wenn er aufgenommen wird . . . Weiss er auch, wie er sich gegen den Chef zu benehmen hat . . .? Eine ganz tiefe Verbeugung . . . So — o — o . . ," Die Mamille neigte s;ch nach vorn. Frau Taubeies sah jetzt wie ein Fragezeichen aus . . . Dawid musste eine ebensolche Verbeugung machen. Sie zeigte es ihm noch einmal und noch einmal und der Knabe folgte ihrem Beispiele. Endlich standen sie vor dem Warenhause. Dawid öffnete die Tür. Doch Frau Taubeles blieb vor dem Eingange stehen und rührte sich «nicht. Sie schien in Sinnen versunken. „Ach, das Herzklopfen", flüsterte sie. „Ob er wohl ejn liebenswürdiger Herr ist . . .?" Endlich — dem Jungen schien das Warten in der offenen Tür eine Ewigkeit — entschloss sie sich einzutreten. Sie gelangten in den Lagerraum, Ein Herr kam ihnen entgegen. Dawid machte seine tadellose (Vcrbeugung und rief: „Guten Tag!" Es klang' etwas schrill. In diesem Augenblicke erhielt er einen heftigen Stoss. ..Nicht so laut. Wer wird denn so schreien", flüsterte ihm Frau Taubeles zu. Dann machte sie ein süsses Gesicht, nickte dem Herrn zu und lispelte: „Könnte ich vielleicht den Herrn Chef sprechen?" Frau Taubeles und Dawid wurden in das Privatkontor geführt. Herr Kartunkelstein, der Inhaber der Firma, Mar ein älterer Herr, der;,ehr beschäftigt schien. Nachdem die Bcgrüssung vorschriftsmässig vor sich gegangen war. lud Herr Kartunkelstein Frau Taubeles zum Si'xeü ein. Der Knabe blieb bei der Tür steilen. Fhc;iie! äi'.erreduug begann, machte Frau i atibi les erst langt.- Vorbereitungen, ihr Mund ging ein Weilchen auf und zu. bis er vom holdesten Lächeln umspielt war. Nun brachte sie Herrn Kartunkelsteiu .Sie besten Empfehlungen der Frau Drek-?er;? . die sei; zehn Jahren ihren Fleischbedarf bei I aubele-: be-- -.r-.te. Dann erkumligte sieh Frau Tauoei- - naGi dem Betinden des Herrn ,,\on" Kar- Uinkei-tcin und interessierte sich lebhaft für den < '«'mg des (/esehäfies. Na:h dieser Einleitung pries sie das herrliche Wetter, prophezeite „viele schöne i age" und kam endlich auch auf den Zweck ihres Kommens zu sprechen. „Ja, der Junge", sagte sie und blickte sich einen Augenblick nach Dawid tun. ..Ich komme eigentlich -i hü i wt. gen. Fr so!! in ein Geschäft und da sagte mir Frau. Drekter, da.-s Herr von Karfankel- -tem iederzea. Praktikanten benötigen . . . Er ist eui emienc-r Y< rwandter von uns . . . Die Famil!c s, h'iu ... O. ja! Sein Vater war reich, aber •'i* ha: sen; bi'kl verloren: Durch eigene Schuld, s.igi 1 aubele^_ ]•> eignet sieh nicht zum Geschäftsmann . . . Alan muss etwas für die Familie tun, sagten wer uns und so haben vnr den Jungen hi-rgenomrni.n, weil uns Gott nicht mit Kindern gesegnet hat . . . V\ ir i)ringen ein Opfer . . , Er wollte nicht lernen -- nun s >!1 er arbeiten, um zu verdienen. Er ist e:n wen:g zurückgeblieben und hat keine Manieren. Darum soll er in ein Geschäft und arbeiten, damit er einmal sein Brot \ erdient. Nein ~-.er kann nichts und hat nichts gelernt . . . Nur herumgelumpt hat er . . . Vernachlässigt hat man ihn. Das sag' ich gleich. Darum muss man ihn streng in die Lehre nehmen . . . Wenn ihn Herr von Karfunkelstein aufnehmen wollten, das war' ein Glück für ihn . . . Das hab' ich ihm schon gesagt . . . Nicht wahr, Dawid? Wenn er sich zusammennimmt in einem solchen Geschäfte, in einem solchen .Welthause. Das sagt Taubeles auch . . ." Während dieser Rede stand Dawid wie auf Kohlen. Mit der einen Hand zerknitterte er seinen Hut und mit der anderen zerriss er ein Stück Papier, das er in der Tasche hatte. Wie konnte sie nur in diesem Tone von ihm sprechen, fragte er sich. Warum setzte sie ihn herab? Sollte ihm das nützen? Herr Karfunkelstein hatte Frau Taubeles ruhig *) Direktor.

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