Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. ,Neue National-Zeitung* Nr. 24. *Peuilleton. HERMANN BLUMENTHAL Knabenalter. ) i. Dieses Kapitel zeigt, wie unser kleiner Held, auf dem Wege „etwas" zu werden, gleich beim ersten Schritte stolpert. Im Lemberger Deutschen- Gymnasium war, nach den Ferien, das Leben neu erwacht. In einem grossen Saale, dessen Bogenfenster auf den herbstlichen Park führten, fanden die Aufnahmeprüfungen statt. Die Schüler sassen über ihren Heften gebeugt. Der Professor überwachte die Arbeitenden. Alan hörte keinen Laut. Es war um die Mittagsstunde. Durch die Scheiben huschten einzelne Sonnenfädeti in die Klasse. Sie durchschnitten den weitm Raum, schmiegten sich an die Knaben gesiebter und spielten auf den weissen Blättern, Wänden und Dielen. üawid Segenreich sass allein in einer Bank. Kr war mit seiner Aufgabe fertig. Während er untätig vor sich hinstarrte und kaum zu atmen wagte, schwebte ihm der vergangene Abend vor, da er von dem Städtchen Abschied genommen. Er sah die niedrige Stube im Kerzenscheine... Die Eltern waren mit dem Packen seiner Sachen beschäftigt. Er selbst stand beim offenen Fenster und blickte verträumt auf die weite leere Fläche vor dem Hause. Draussen war es Hill und finster. Von Zeit zu Zeit kamen Menschen vorüber. Sie tauchten für einen Augenblick im Lichtkreise auf, und kaum dass er sie erkannte, verschwanden sie wieder im Dunkel. .Wie fern lag das Alles! — Jetzt wurden die Hefte eingesammelt. Der Professor für polnische Sprache betrat die Klasse und die mündliche Prüfung begann. Bald kam auch Dawid an die Reihe. Er war gut vorbereitet, aber der strenge Blick des Lehrers verwirrte ihn und er brachte seine Antworten leise und unsicher hervor. „Lauter", rief der Professor. Er setzte sich neben Dawid und richtete an ihn verschiedene Fragen. Der Knabe überwa id die Scheu; doch nun gefiel seine polnische Aussprache dem Professor nicht. „Wie sprecht Ihr denn bei Euch zu Hause", fragte er. Dawid gab keine Antwort. „Ihr redet natürlich Eueren verdammten Jargon", rief der Professor geärgert. „Weisst Du nicht, dass wir in einem polnischen Lande leben?" Er liess von Dawid kein Auge. Es schien ihm Vergnügen zu bereiten, den Knaben in noch grössere Angst zu versetzen. *) Alis <lom soeben bei Marquardt & Co. in Berlin erschienenen Roman „Der Weg der Jugend II: Knabenalter" veröffentlichen wir zwei sehr interessante '.Kapitel, um unseren Lesern die Schreibweise des Verfassers zu illustrieren. In diesen Kapiteln wird die verunglückte Gymnasiasten-Karriere und der Antritt des kaufmännischen Berufes unseres Helden geschildert. Die Redaktion. Die Stirne des Professors zeigte tiefe Falten. Er dachte nach. Plötzlich heiterte sich sein Gesicht auf und er stellte an Dawid folgende Frage: „Was weisst Du von unserem König Jan Sobieski?" Der Knabe schwieg und sah vor .sich hin.,Dann gab er mit stotternder Stimme Antwort. Der Professor lächelte und klopfte mit den Fingern auf das Pult. Nach einigen Minuten erhob er sich sehr ernst, und sagte: „Du bist für das Gymnasium noch nicht reif, mein Lieber!" Dann setzte er sich zu einem anderen Jungen .... Dawids erster Gedanke war der Vater, der ihn draussen erwartete. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er wollte nicht daran glauben. Doch nur zu bald erfuhr er sein Unglück. Der Professor hatte Wort gehalten. * * * Die Schüler verliefen langsam das Prüfungszimmer. Dawid folgte zögernd. Doch auch an ihn kam die Reihe den Korridor zu betreten. Nun sah er den Vater. Er wusste es bereits. Das erkannte Dawid gleich. Sie traten auf die Gasse. Aron sprach kein Wort. Er ergriff die Hand des Knaben und drückte sie krampfhaft. Dawid fühlte sich noch unglücklicher, als er den Vater so gebückt und traurig sah. Er wollte nicht daran denken und suchte im Strassenlärm Ablenkung. Er las die Firmenschilder und Plakate und horchte auf die Gespräche der Vorübergehenden. Ab und zu gelang es ihm auch für eine Weile alles zu vergessen. Wie köstlich waren diese Augenblicke! Dawid war ein Mensch wie alle .Anderen und ging ruhig seine Strasse. „Grosses Konzert . . . Anfang 4 I hr . . . Ob Schöll, ob Regen" . . . „Mehl und Viktualien jeder Art" . . . „Achtung ein Strassenbahnwagen" . . . Doch plötzlich kam die Erinnerung an das Vorgefallene und der Schmerz bohrte in ihm umso heftiger. „(), Gott! (J, Gott! Was sollte jetzt werden?" Sie waren im Hotelzimmer angelangt. Dawid weinte. Der Vater stand in gebückter Haltung beim Fenster und blickte vor &ich auf die Erde. „Ich wollte aus Dir einen Menschen machen", sprach er leise. „Du solltest es besser haben als ich . . . Aber auch diese letzte Hoffnung hat mich betrogen . . . Jetzt musst Du dienen . . .!" Der Knabe quälte sich mit Selbstvorwürfen. Wie gut hatte es der Vater mit ihm gemeint. Er verdiente es gar nicht. Warum hatte er sich auch vom Professor einschüchtern lassen! Aron schämte sich, den Knaben wieder nach Hause mitzunehmen, und so entschloss er sich, ihn vorläufig in die Lembergvr Bürgerschule zu geben. Stundenlang durchrannte er die Gassen, eilte Treppen auf und ab, bis er für Dawid ein billiges Quartier gefunden hatte. Dann reiste er schweren Herzens ab. \ * * *