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Neue Nationalzeitung · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. „Neue National-Zeitung' ausreden lassen. Von Zeit zu Zeit nickte er zustimmend mit dem Kopfe. Die letzten Worte verfehlten ihre W irkung nicht. Er sprang vom Lehnstuhl auf Und durchschritt einige Male, seinen Körper wiegend, das Kontor. Plötzlieh blieb er vor Frau Taubeies stehen und sprach: „Was Sie da zuletzt sagten, ist ganz zutreffend, gnädige Frau . . . Unsere Firma ist die erste in der Branche . . . Ein Welthaus . . . Jawohl! Das ist das richtige Wort . . . Wir haben aber nicht nur ein Fabriklager , . . Wir erzeugen selbst . . . Unsere Schillinge und Coltone haben einen Ruf in der Monarchie. Acht Herren reisen für uns das ganze Jahr. In < >esterreich-Ungarn gibt es kein Nest, in dem wir nicht Kunden haben . . . Das kann ich Ihnen Schwarz auf Weiss zeigen." Herr Karfunkelstein lief aus dem Kontor und brachte das Kundenregister. Dann setzte er sich und begann in dem Buche zu blättern. ..Bitte, gnädige Frau, nehmen wir den nächstbesten Buchstaben. Sag?n wir Ci. Wollen Sie mir bitte einige Städtenamen mit dem Anfangsbuchstaben G nennen . . ." Frau Taubeies könn e sich hierzu nicht ent - schliessen. Sie suchte krampfhaft, aber es fiel ihr nichts ein. Lächelnd sass sie da und stammelte: J^itcratUF. Hermann Blamenthal: „Der Weg der Jugend 11: Knabenalter". Bei Marquardt & Cmip.. Verlagsanstalt in Berlin, i• >•'-'•• S. Vor mehr als einem Jahn' ha!)!.- ä h unter obige:.; Titel, noch in diT ..Nation.d/eitung". (Ii:- Aufm.u-k-muhen der Leser auf ein neues P>u<'h g denkt. ..Der Weg (k r Jug.-uu". I» titehr sich dieser K-anan. da- Werk eine-.;üil; -n S l'.ntt-t.-!!: Schmucklos und einfach war in diesem Bu<!v die im lue einer Kindheit, da juxend des kleinen i >avid Segen reich geschildert. Diu h man, nicht ..geschildert", sondern einfach erzählt: das rrst'- Wort -eln-int mir schon zu sehr naeh Literatur zu riechen. ..Schildern" kann heutzutage last j -der I )i; hu-rhiig. Erzähler. >chlihte. innige Naturen haben wir :r uz ••iii.-r Hiera rischen M.iwnnr-.dukiioii nur weinte. Ilerii;ann B 1 r. m e n t h a 1 ist einer dieser Wenigen. Waschon den Reiz des \orerwahnlen ersten Bandes .tu-maehn-. findet sieh ui gleichem .Masse in dem eln-n cis-' hu re u n zwcu.u Teil seiner Rotnantrilugie: kein Ballast an Won -n imd Bih dem. .<->nderu Menshen mit ihren!)■-■» u-n Schicksalen, tea, ■ Seelenanaiystat. zarte Stimmungen. Der kleine ] >a\ id Segenr.-ich i-'. ein Träumer, der in kindlicher Lebern-de da.s Sehnen ^'icr armen Litern v..>hl erfasst gleichzeitig aber sich im Reiche der Träume ein zweites, schöneres Leh--n errichtet. D.uid wird kein ,.J)okier" werden; der Vater erkennt es mit Schmer/, als er den Knaben allein in Lemberg kisst. Da\id fühlt sich bedrückt v<m all' dem Fremden -and! ngeschauten. ",- zurück nach dein kleinen, eng -n I'aiechow. l ud -r -. ureibt den Litern: ..b'h kenne niemand und niemand kenn: mich, niemand spie In zu mir und ich weine den ganzen Tag' und denke nur an hoch . ." Aber der gute Vater, der ja des Kindegeh"im-.tes Fuhlen docl) nicht begreift, schreibt ermahnend immer wieder: ..Nimm Dich zusammen, mein Kind, und lerne . . . L>u siehst, wir sind gestraft genug . . ." In dem Knaben regt sich schon der Dichter, da er allein steht in dem -rossen Leben, das an ihm in ungewohntem Tempo vorübereür, da er Romantik im wirklichen Leben .sticht. Solche Kinder sind in der Schule niemals die Ersten, sie sind es zumeist auch im Leben nicht, an dessen Ecken und Kanten romantische Träumer sich den Kopf blutig schlagen. t'nd so muss David Segenreich Kaufmann werden. Er kommt nach Wien, und im Geschäfte der Herren Karfunkelstein & Co. sollen seine Träume den Tod der Wirklichkeit sterben. Es bedarf nicht vieler Worte. um David Segenreichs Dasein, um den Inhalt dieses Buches zu erzählen. Denn was uns noch nach fahren herbsten Lebens an Erinnerungen bleibt, ist ja selten konkrete Situation, ■ fast nie das plastische Gebilde Nr. 24. ,,0, es ist wirklich nicht notwendig . . . Wirklich: nicht . . . Ich glaub' es eh! ..." Herr Karfunkelstein bestand jedoch darauf. Es entstand eine Verlegenheitspause. Er hielt da.s Buch in der Hand und wartete. Doch Frau Taubeies schwieg beharrlich. Da wandte er sich an Dawid., der unbeachtet beim Eingänge stand: „Xun, mein Junge, sag' Du es mir d(*ch!'' Ohne erst viel zu überlegen, nannte Dawid einige Stadtenamen. Herr Karfunkelstein erhob sich jedesmal und überzeugte Frau Taubeies, dass der Name in dem Buche '.an kam. Dann nahm er .seinen Spaziergang durch das Kamior wieder;auf, bis er plötzlich rief: ..Aber was ich sagen wollte. Den Jungen nehme ich . . . Wir sind jetzt mitten in der Wintersaison. Da gibt es Arbeit genug . . Es wurde nun vereinbart, dass Dawid nach einein halben Jahre — we nn er sich als ^geeignet erweisen sollte — ein Gehalt von fünf Gulden monatlich beziehen würde. Frau Taubeieerhob sich. Ein Lachein, halbtriumphierend zierte ihren?dund. Sie dankte Herrn Kartunkelstein mit \ ieien Worten. Dann machte sie sich, gefolgt von dem Knaben, würdevoll auf den 11 eimweg. vi rgangener Handlungen. Nur Bruehstü< ke Ideiben aus den Jahren der Kindheit, kern.- \;>!Fn. tonenden Akkorde, aber ein siille-, s,,nHe- N ichkiingen . . l'nd darin wurzelt im letzten < d-unde die XaCar!a!ikeh dieses Rotnanes. Frei von '<•(!,-r willkurlr hen F.rfindur.g. von jeder Mache der Kompo-cumi. zeigt uib nhim -iüha! die _M -nsclien und ihre Schicksale ihn ii hi-si-mmudeu Lintiu-s aut das Leben seines kleinen Helden, der ein Dit hier war. sieh als so!- her fühlte, noch einer ein Buch ^i'-i'i'ri -iien. Nun erzählt uns ein Buch, und ict.-t ein /weites \ .;>, die-e-m Kinderdasein, ein dritten Band soll U.mn i.ü; d< n lunghiigsjalm-n David Segenreichsl handeln ... La- Milieu, in di.-m sich Davids Lehen abspielt, ist mit überraschender Feinheit geschildert. Frei von jedem natura lis::sch<-n Kttekt etrtuiri; Blumcuuhai ein Bh.i der < Ihettos von W ien und Lemberg, v ■.') dem l'n lc:aiierleben .seiner Mens! hen, von der l'oesje ihrer Festtage, l'nd wer si> Ii \un den kleinen Sein, ksaien der Kontanfiguren gelangen nehmen lasst. der wird aus diesem ])uclve d u stillen, aber hartnä'-kigen Kampfiarm vrnvhmru. der unaiie bewegt, den v ir in banger Furcii! und geh.-mer Krwariung miileben: den Kamill zwischen dem 11 eige! re- Leu und X t. u •:». zwischen Aitiudeimun und Jung iudemui-. i \:\:d Seg'-.jvej.-b Ft der iX pas der >uehenden, ringeiida-n \vm\ \ ,\\ hangen Zw -dein gequälten kommenden Cienerati ui. de- -c h u; .Sehnsucht verzehrt, die in dem Suchen nach i'ii'n r i- :>rn: für ihre Sehnsucht das Leben um sich vergissl . . . I ntl die--- weiten Pers]»ektiven. die der Jvomau in sich birgt, die Keu-ehl,i.'it des Lm])findens. die aus diesen Blättern spricht, sind \ »rzuge. tun derentwillen man die stilistischen Mängel und -nü--au ,-ise K"ra>sheit wohl hinnehmen darf. Jedenfalls ist es das Buch eine.- ehrlichen Konners, das seine Leser finden wird. Max Schacherl ,L'h.ark>Uenburg). ßriefkasfen d«r I^cdat<Hofi. Isak S. in Zabno. i. Die Broschüre kostet i K und ist bei C. W . Stern. Wien. I,, Franzensring, erhältlich. 2. Dass Sie die ,.Zen". das Leihorgan der Allpolen, nicht mehr abonnieren, nehmen wir ^ur Kenntnis. 3. „Neue Freie Presse" oder ..Neues Wiener Fagblatt". — J. B., A. Fr. Nicht geeignet. — ..Jüdischer Klub." Die Rückzielumg der Interpellation Gabel war nicht möglich, da Dr. Gabel von Wien abwesend war, — Dr. W. K. Der Herr hat noch keinen Orden; am 18. August wird ihm höchstwahrscheinlich geholfen werden. Der betreffende Vorschlag muss vom Statthalter .ausgehen. — Josef B. in R. Christliche Schwiegersöhne haben folgende Wiener KuF tusvorsteher: David von Gutmann, Benjamin R a p p o p o r t und Wilhelm Kuffner. — W. ,S. Die Zeitung haben wir bisher nicht erhalten.

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