Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Nr. 24. Herbeiziehung des Quellenmaterials meint" Weltanschauung nicht zu begründen; es soll aber bald anderwärts geschehen; und dann möge Herr Rabbiner R. seine ganze Gelehrsamkeit gegen mich aufbieten; ich werde mich ihm gerne stellen." 'Jüdische Politik. Die Herren vom Jüdischen Klub haben ihre Affaire im Wege gegenseitiger Erklärungen erledigt. Der Bruch wäre also verkleistert. Doch nicht für lange. Nur über die Budgetdebatte hinaus. Der Jüdische Klub ist für die Dauer nicht haltbar. Vielleicht bin ich ein falscher Prophet. Da.nn werde ich mich noch um einige Monate" irren. Aber diese vier Herren, von denen ieder an einem anderen Strange zieht, passen nicht zu einander. 1)as Fuhrwerk bleibt im Morast stecken und kommt g ir nicht vorwärts. Der Karren der jüdisch-nationalen Politik ist so gründlich verfahren, dass für ihn derzeit ein Ausweg sehr schwer zu finden ist. * Die jüdisch-nationale Politik in Oesterreich ist eigentlich ein gatiz zartes, ungemein sorgfältig und aufmerksam zu behandelndes Geschöpf. Es gibt Leute, die es sogar für eine Missgeburt halten. Soweit das Gedächtnis der Zeitgenossen reicht, hat man von iüdischer Politik nichts gehört. Es hat nur eine liberale, eine pohlische, ia sogar eine czechische Politik der ,,Israeliten", aber nie eine jüdische Politik der Juden gegeben. Das klingt so arrogant, so provokatorisch. Es war ja sicherer und bequemer, fremden Parteien und Nationen Geld und Stimmzettel zu liefern, um dafür Brosamen von der Erde aufzuklauben. Das war nicht männlich, auch nicht ehrenvoll; aber was kümmerte die Deutschen, Polen und Czcchen ..mosaischer Konfession" Männlichkeit oder Volksehre! Ihre Geschäfte gingen gut. sie bekamen Mandate, hie und da auch einen Orden oder einen Titel. Bi^ eine Reaktion der christlichen Bevölkerung wider das politische Konkubinat mit den Juden sich regte. Das ..Verhältnis" wurde getrübt. Doch die Juden wollten von einer Lösung der Beziehungcn nichts wissen. Sic stellten sogar Ehebands-Verteidiger auf, die gegen die Aversion d >s anderen Teiles mit Zuhilfenahme des Talmuds und sonstiger wissenschaftlicher Apparate ankämpfen sollten Aber alles half nichts. Die Abneigung war unwiderstehlich. Der ..israelitische" Teil musste sich seitdem mit einer sehr demütigen Stellungbegnügen. Als Soutcneur wurde er noch hie und da geduldet. Er sank zu einer Jammergestalt herab, und für ein bescheidenes Plätzchen am Tische des Hauses musste er selbst auf eine politische Scheinrolle verzichten. * In dieser trüben Atmosphäre wuchs allmählich die jüdische Politik auf. Zuerst missnehtet. verkannt, verspottet ein Aschenbrödel. Dann beobachtet und angestaunt. Mau begann sich mit ihr zu befreunden, man begann sie zu begreifen. Eine neue Periode in der jüdischen Geschichte glaubte man herannahen zu sehen; vielleicht die schönste in der Diaspora, denn das Selbstbcwusstsein des ganzen Volkes sollte erweckt werden, Neue Hoffnungen regten sich, und für die Zeitgenossen war es eine Freude zu sehen, wie das Volk aus den Niederungen der bisherigen Demütigung und Unterwürfigkeit, der politischen Bewusstlosigkeit und Gleichgültigkeit allmählich zu einer klaren, selbständigen, national angehauchten Auffassung seiner politischen Lage hinaufwächst. * Die jüdische Politik ist nichts gemachtes. Kein künstliches Produkt einiger Agitatoren. Im Gegenteil. Sie hat sich gegen den zionistischen Strom Bahn gebrochen. Alle diejenigen, die jetzt in der jüdisch-nationalen Politik den Ton angeben wollen, waren mit Ausnahme des Dr. S t r a u c h er einst heftige Gegner jeder inncen politischen Betätigung. Sie haben das Volk weder politisch erzogen, noch aufgeklärt. Sic haben es lediglich für zionistische Parteileistungen gedrillt. Sie haben dem Volke nichts geboten, aber ihm viel abgenommen: Schekcl, Aktien, (Uivcnbäume, Parteisteucr. Zur praktischen Arbeit wurden sie vom Volke gerufen. Sie kamen, um das Kommando zu übernehmen und waren doch selbst nur Soldaten: ohne Erfahrungen, ohne Programm. \ * Diese Herren sitzen nun im jüdischen Klub, der als Repräsentant der jüdischen Politik gelten will. Sie überreichen Interpellationen, sie sprechen zu allem - - sie wissen aber eigentlich nicht, was sie wollen und anstreben. Das muss einmal Öffentlich gesagt werden: Zum jüdischen Politiker wird man nicht über Nacht, auch dann nicht, wenn man ein Reichsratsmandat erhält. Dazu gehört Arbeit, Studium, Selbstzucht und auch etwas — Bescheidenheit. Für die Dauer kann man ein Volk mit Phrasen nicht betören, selbst wenn man diese von der Parlamentstribüne aus verkündet. Dr. S. 8. Landau. Qcsterrcich'tJngarti. Die Zentralstelle für das jüdische Armenwesen. Wien, den 9. Juni. (Orig.-Korr.) Unter Vorsitz des Kultusvorstehers Dr. Steiner fand heilte im Sitzu.ngssaale der Kultusgemeinde eine Versammlung der Repräsentanten jüdischer Wohltätigkcits- Vercinc statt, behufs endgiltiger Beschlussfassung über die Z e 11 t r a 1 i s i e r u n g d e s j ü d i s c h e n A rmen wesens in Wien. Das Referat erstattete kais. Rat Dr. Krüger, der darauf verwies, dass die Frage der Zentralisierung bereits seit 1 r Jahren diskutiert werde und dass nunmehr der Versammlung ein Regulativ der Zentralstelle vorgelegt werde. Es haben sich bereits 24 Vereine und ein privater Wohltäter zum Anschhiss bereit erklärt. Bei dieser Gelegenheit strich Referent den inzwischen geschaffenen Wcchnerinnen-Verband heraus, der Vorzügliches leiste. Dann wurde das Regulativ vorgelesen und zur Diskussion gestellt. Es sprachen hiezu Dr. Schornstein (Baron Hirsch'sche Wohltätigkeits-Stiftung), Dr. Zipscr und Dr. S. R. Landau. Letzterer erklärte, dass er kein besonderer Freund der Zentralisierung sei. welchen Standpunkt er bereits im Jahre 1897 anlässlich der Enquete zum Ausdruck