Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. „Neue National-Zeitung" Nr. 24. bis zur ersten Eroberung Jerusalems, in der i. Bürgerschulklassc bis zu den Makkabäern, in der 2. bis zur zweiten Eroberung Jerusalems, in der 3. spreche man über die hervorragendsten literarischen, kulturellen und historischen Erscheinungen der Zeit vom Jahre 70 bis auf die Gegenwart. Der Stoff ist noch immer ein grosser, aber ein gewandter Lehrer wird das richtige Mass zu finden wissen, um Licht und Schatten planmässig zu verteilen. Die Geographie Palästinas muss keinen eigentlichen Bestandteil des Religionsunterrichtes bilden, der gute Geschichtsieirrer wird an unzähligen Stellen der biblischen Geschichte Gelegenheit linden, ihr das nötige Augenmerk zuzuwenden, und, wenn er vom Gegebenen ausgeht, wird er mehr erzielen, als durch gelehrte Vorträge. Dagegen wünsc hten wir mehr Betonung der Bibelkunde, und auch in diesem Stoffe wird es notwendig sein, immer an die Erzählung selbst anzuknüpfen und in der biblischen Geschichte hinzuweisen, aus welchen Büchern sie entnommen ist, welche Propheten und hervorragende Männer in der Zeit lebten und wirkten. Die sogenannte R e 1 i g i o n s 1 e h r e entfalle ganz. Jeder Lehrer weiss es, wie wenig mit der Vorführung ethischer, abstrakter Lehren erzielt wird. Es ist, wenn ich nicht irre, kein Geringerer als Diestevweg gewesen, der sich gegen das Moralisieren wendete. W i r haben dies nicht notwendig. Die Religionslehre schöpfe aus der B i b e 11 e k t ü r e. Es sind solche Stücke aus dem Pentateuch, den Prophetenbüchern, den hl. Schriften auszuwählen, die von historischer, liturgischer, antiquarischer und ethischer Bedeutung sind. Ein Beispiel: Beim Lesen des Dekalogs kann die Sittenlehre in einer Ausdehnung vorgenommen werden, wie sie das dickleibigste Buch schwer zu bieten vermag. Die Psalmen bieten Lehrstoff in Bezug auf den Gottesdienst und geben passende Gelegenheit genug, Sittenlehren vorzuführen. Abschnitte der Prophetenbücher, welche zugleich Haphtaras sind, werden gewiss auch zur sittlichen Belehrung verwendet werden können, und gibt es ein Buch, das mehr Moral enthält und tiefere Lebensweisheit, als das „Buch der Sprüche"? Was soll es demnach mit den Religionslehren, mit den Lehren über Pflichten gegen Gott, die Menschen und uns? Kann diese Belehrung und Unterweisung nicht durch eine passende Auswahl der Bibellektüre viel praktischer erzielt werden? Dazu kommt, dass wir nicht einmal geeignete Lehrbücher für diese sogenannte Rcligionslehre besitzen. Ueberhaupt die Bücherfrage ist auch ein Kapitel, welches uns schwer auf dem Herzen liegt. Doch dies gehört vorläufignicht hiehcr. Ein Grundsatz also, der für den Religionsunterricht besonders ins Gewicht fällt, ist, man gehe n i e abstrakt vor, sondern stets vom Gegebenen, vom Konkreten aus. Was uns für Volks- und Bürgerschulen als das wichtigste erscheint, ist zunächst Erzielung geläufigen und korrekten ,L esens des Hebräische n, dann Kenntnis des Gebetbuches. Dieses Ge betbuch ist für unsere Zeit eine Art Wissenschaft für sich geworden. Wrir gestehen es, dass uns in dem. Lehrplane die Zerstückelung der Gebete, dieses gleichsam löffelweise, — man verzeihe das Wort — Eingeben der Gebctstücke, gar nicht gefällt. Von der dritten Volksschulk'asse angefangen, muss die l'ebung im Gebetbuche b< trieben werden. Wie die Best i 1111 Hungen des Lehrplanes besagen, werden die Schüler mit einzelnen Geberstcilcn bekannt gemacht, diese werden übersetzt, vielleicht auch erläutert, vom Gottesdienste, als solchem, erfahren sie aber gar nichts. Die Schüler müssen von der untersten Stufe bis hinauf zur obersten Kiasse mit allen Peilen des Gottesdienstes bekannt gemacht, \es muss vom Lehrer immer auf das Kalenderjahr, auf die Monate, die Pest- und ,Pasttage hingewiesen werden. So, meine ich, sollten die Schüier immer wissen, welche Sidra an dem betreffenden Sabbathe gelesen wird, wann der Neumond und wann ein Pest eintritt. Man lese mit den Schülern auch jene Abschnitte des Pcntateuchs, die wir an den b':iiciicndcn Pesten in der Synagoge zu hören bekommen. Und wozu die deutsche Bibellektüre? Was für einen Zweck verfolgt -diese? Wird die hiefür aufgewandte Zeit nicht besser benützt für eine vertiefte und verbreiterte Lektüre der hebräischen Bibel? Dazu kommt noch, dass man wirklich nicht weiss, von welchen Anschauung ti die Auswahl der „deutschen Bibellektüre" ausgeht. Wenn vom 137. Psalme, in der zweiten Mädchenbürgerschulklasse, die zwei letzten Verse nicht gelesen werden, warum liest man diesen Psalm überhaupt? Pst es nicht besser, auch die Mädchen mit unseren gottesdienstlichen Einrichtungen, dem Gebetbuche, besser bekannt zu machen, als Psalmen, Stücke aus dem Pentateuch, den Propheten mit „Ausschluss" gewisser Verse zu lesen? Was überhaupt den Religionsunterricht für Mädchen anlangt, so könnte iiier wirklich eine kluge Restringierung des geschichtlichen Stoffes stattfinden, denn ich weiss nicht, ob Mädchen grosses Interesse an der Geschichte der Juden in der Türkei finden werden und ob ,es notwendig ist, dass sie von der in Polen und Russland etwas wissen. Man hat eben hier wieder den alten Pehier begangen, nicht zu individualisieren, alles gut für alle zu finden, und, um etwas getan zu haben, eine „ausgewählte" deutsche Bibellektüre den Mädchen geboten, die wohl kaum imstande ist, ihnen -ein Bild von den wahrhaften Schönheiten des Buches der Bücher zu liefern. Hier wird der Rotstift des Verbesserer;» ansetzen müssen, um diesen Lehrplan von manchem allzuvielem zu befreien. Weniger, wäre hier entschieden mehr. „Xon nuilta, sed multum." Wir machten die Erfahrung, dass [Mädchen beim Religionsunterrichte, wenn der Lehrer ihnen das bietet, was das Gemüt und nicht allein den Geist bildet, viel aufmerksamer und teilnahmsvoller waren, als die Knaben. End in der Tat, unser Gebetbuch bietet für einen solchen die Herzen ergreifenden Pnterricht, mehr als genug. Darum sind wir für eine gänzliche Streichung der deutschen Bibelkktürc in den Mädchenbürgerschulklassen. Man lese mit den Mädchen das Hallel, die Stufenpsalmen, den Psalm 104, die Sabbatspsalmen, und ich denke, sie werden dadurch mehr gewinnen für die Kenntnis der Liturgie sowohl, als auch der Bibel selbst, denn durch eine deutsche Lektüre, bei der man ja doch nicht weiss, von welchen Prinzipien sie ausgeht. AVenn ich demnach zusammenfassen soll, was ich an dem neuen vorliegenden Lehrplanc für abänderungs- und verbesserungsbedürftig halte, so ist es folgendes: Einschränkung des Geschichtsunterrichtes, d. h. Zusammenfasseng der wichtigsten Ereignisse, ohne allzu vieles Eingehen auf Einzelheiten, Hervorheben des geschichtlichen /Zusammenhanges und nicht Darstellung Lvon „Geschichtsbildern", wobei jedoch der biographische Teil seine Berücksichtigung finden soll. Religionslehre undj Kalenderwesen